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Warum Hajo S. für Koch-Mehrin Partei ergreift

Als joggender Achim Achilles genießt er bei Spiegel Online Kultstatus, in Polit-Talkshows ist er ein gefragter Gast: Hajo Schumacher, früherer Spiegel-Reporter und Max-Chefredakteur, inzwischen freier Publizist und Berater in der Hauptstadt und darüber hinaus Herausgeber des Medienmagazins V.i.S.d.P.. Einer seiner dort wöchentlich veröffentlichten Kommentare wirft die Frage nach der Unabhängigkeit des Journalisten auf: eine Apologie auf die FDP-Politikerin Koch-Mehrin.

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Dabei geht es vordergründig um den Verdacht, dass die hohe Funktionärin der Liberalen beim Verfassen ihrer Doktorarbeit im großen Stil fremde Quellen genutzt hat, ohne diese kenntlich zu machen. Schumacher hatte in seinem Vorwort des Herausgebers mit dem Titel „Skandal oder Pillepalle?“ im Zusammenhang mit den Plagiatsvorwürfen gegen Silvana Koch-Mehrin geschrieben: „Es geht hier nicht um (…) Koch-Mehrin. Es geht um journalistische Standards“ sowie um die „elende Selbstgerechtigkeit der digitalen Blockwarte“.
„Wir kennen uns gut, wir kennen uns lange“
Auffällig dabei ist, dass Schumacher dieses „Fazit“ bereits zog, als die Suche nach Verdachtsmomenten noch im vollen Gange war. Erst Tage später sollten die Plagiats-Rechercheure im Internet eine erste Bilanz ziehen und dabei dokumentieren, dass rund ein Viertel aller Seiten der Dissertation (27,9 Prozent) ungekennzeichnete Fremdtexte enthalten soll. Auf sueddeutsche.de war daraufhin zu lesen, dass der Autor der FDP-Frau offenbar näher steht, als der die Kritiker abkanzelnde Text deutlich macht: So habe Schumachers Frau Susanne zusammen mit Koch-Mehrin 2007 ein Buch mit dem Titel „Schwestern: Streitschrift für einen neuen Feminismus“ geschrieben. Und auch ein Kommentar unter dem Text Schumachers bei visdp.de liefert einen interessanten Hinweis: Danach interviewte der Journalist Koch-Mehrin 2009 als Moderator der Sendung „Typisch deutsch“ der Deutschen Welle. Über seine Beziehung zu Koch-Mehrin sagte Schumacher, der die Politikerin zu Beginn als „jung, fröhlich, schlau“ bezeichnete, demnach in der Sendung: „Ich bin ein wenig befangen heute, denn wir kennen uns gut, wir kennen uns lange, unsere Familien sind befreundet.“
Auf Anfrage teilte Schumacher mit, er habe „niemand in Schutz genommen, sondern darauf hingewiesen, dass der Plagiats-Vorwurf ein scharfes Schwert ist“. Nicht jede fehlende Fußnote bedeute automatisch einen Betrug. „Keine Frage, die Plagiats-Jäger machen einen verdienstvollen Job, aber zugleich braucht der Journalismus ein paar weitere Kritierien für gutes wissenschaftliches Arbeiten. Zitiergenauigkeit ist ein Qualitätsmaßstab, aber eben nicht der einzige. Wenn jemand penibelst zitiert, aber keinen einzigen kreativen Gedanken in seiner Arbeit unterbringt, dann ist das auch ein Mangel“, so Schumacher. Die Recherchen auf VroniPlag Wiki seien in Echtzeit zu verfolgen gewesen. „Und wenn die Arbeit auch nicht blitzsauber erschien, so war ziemlich schnell klar, dass hier wohl nicht die Dimension des Falls zu Guttenberg lauert. Professoren, mit denen ich geredet habe, gehen davon aus, dass in jeder wissenschaftlichen Arbeit etwa fünf bis zehn Prozent nicht superkorrekt zitiert sind. Beim TÜV gibt es ja auch eine Plakette, obwohl kleinere Mängel vorliegen“, so Schumacher weiter.
Gemeinsame Engagements
Dass er in seinem Artikel nicht erwähnt hat, dass er Silvana Koch-Mehrin persönlich nahesteht, erklärt Schumacher so: „Nach einigen Jahren im Beruf lässt es sich kaum verhindern, dass man manche Menschen kennt, über die man berichtet. Wenn ich nur noch über Unbekannte schreiben dürfte, käme das einem Berufsverbot gleich. Ich habe 1995 mal mit Angela Merkel Wodka getrunken und kommentiere ihre Arbeit trotzdem.“
Schumacher und Koch-Mehrin gehören auch dem Redaktionsbeirat von politik & kommunikation an. Das Fachmagazin wird von der Helios Media GmbH herausgegeben, die früher – mit Schumacher als Herausgeber – auch das Magazin V.i.S.d.P. verlegte, als dieses nicht nur im Web, sondern auch in Printform erschien. Helios Media veranstaltet regelmäßig größere Events, zu denen auch der Politik-Kongress gehört, auf dem jährlich der „Politik Award“ vergeben wird. Schumacher gehörte zusammen mit Koch-Mehrin der Jury des „Politikaward 2010“ an – neben einer Reihe von PR-Leuten und Spin-Doktoren sowie Schumachers Doktorvater Karl-Rudolf Korte. Darüber hinaus gehören Schumacher und Koch-Mehrin beide dem Kuratorium der Quadriga Hochschule Berlin GmbH an, an der PR-Leute ausgebildet werden und unter anderem Lobbying unterrichtet wird.
Koch-Mehrin schrieb für Schumacher
In der V.i.S.d.P.-Rubrik „Leute“ werden Personen aus der Medienbranche mit auf- oder herabzeigenden Daumen versehen. In der V.i.S.d.P.-Ausgabe vom 18. März machte die Rubrik mit Maybrit Illner auf. Dazu schrieb die Redaktion: „‚Maybrit Illner‘ bekommt pünktlich zur ARD-Talkschiene vom ZDF eine neue Studiokulisse mit einer digitalen Wand spendiert. Im Übrigen mache sie die ‚genialste Sendung der Welt‘, sagte Illner der Süddeutschen Zeitung, ‚ganz klar'“. Zusammen mit Illner brachte Schumacher 2009 das Buch „Schmierfinken: Politiker über Journalisten“ heraus. Einer der Beiträge des Buches befasst sich mit dem Stern-Redakteur Hans-Martin Tillack – und wurde von Silvana Koch-Mehrin verfasst.
Man kennt sich also mehr als flüchtig, und das hätte nach journalistischen Maßstäben durchaus eine Erwähnung in der Verteidigungsschrift Schumachers erfordert. Die Aufklärung des Plagiatsvorwurfs dauert indessen noch an: Silvana Koch-Mehrin schweigt, die Staatsanwaltschaft wird wegen einer möglichen Verletzung des Urheberrechts nicht vorgehen, weil die Dissertation vor mehr als fünf Jahren eingereicht wurde und somit verjährt sei. Einzig die Universität Heidelberg, an der die FDP-Politikerin ihre Doktorarbeit mit dem Titel „Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik“ eingereicht hat, prüft den Fall. Ende Mai soll das Ergebnis vorliegen.

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