Das Redaktionsschwein des Weser-Kuriers

Interessantes Experiment: Seit April ist ein Schwein das jüngste Redaktionsmitglied des Weser-Kuriers. Die Bremer haben sich ein Ferkel gekauft, über das sie von der Züchtung bis zur Schlachtung ihre neue Serie "Ein Schweineleben" erzählen - ein typisches Projekt der Zeitung. Seit zwei Jahren setzt Chefredakteur Lars Haider verstärkt auf die Nähe zum Leser. Mit Erfolg: Das neue Konzept ist bereits preisgekrönt und im Vergleich zu anderen Regionalblättern fällt das Auflagenminus der Bremer moderater aus.

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Anlass für das ungewöhnliche Projekt war der Dioxin-Skandal. "Wir wollten das Thema Tierhaltung, Futtermittelindustrie und Fleischkonsum mal grundsätzlich angehen. Wir erzählen an dem Schwein von der Züchtung über die Haltung bis zur Schlachtung alles, was in seinem Leben so passiert, um die Leser für das Problem sensibilisieren", erklärt Hans Ettemeyer, stellvertretender Leiter des Niedersachen-Ressorts, der die Idee zur Schweine-Aktion hatte.
Die Journalisten halten das Tier dabei natürlich nicht in der Redaktion, sondern haben sich eigens dafür einen Landwirt gesucht, der aber weder einen Bio- oder einen Demeter-Hof hat, noch Massentierhaltung betreibt. So wächst das Redaktionsschwein nun im Landkreis Verden bei den Nebenerwerbslandwirten Thomas und Birte Brüns auf, die es das nächste halbe Jahr auf eine Art zwischen "konventionell und bio" halten, wie es heißt. Dort lebt das Ferkel in einer Gruppe mit sechs anderen Schweinen in einem Stall, der auch einen Zugang zu einer Wiese hat, damit sich die Tiere im Dreck suhlen und Sonne tanken können.
Die Bremer wollen anhand dieses Beispieles zeigen, dass man ein Nutztier, das zur Produktion von Lebensmitteln gehalten wird, abseits der Massentierhaltung auch artgerecht halten kann. Redaktionell kümmern sich insgesamt sechs Redakteure um das Tier. Alle 14 Tage erscheinen in der Samstagsausgabe des Weser-Kuriers ein Hauptartikel und eine Kolumne sowie Videos und Bilderstrecken auf der Online-Seite zum neuen Redaktionsmitglied, das übrigens absichtlich nicht getauft wurde. "Wenn man das Schwein aus der Anonymität rausholt, hat man später Schwierigkeiten beim Schlachten", so Ettemeyer. Denn das steht fest: Das Tier wird im Herbst getötet.
Die Bremer sind bekannt für solche ungewöhnlichen Ideen. Im vergangenen Jahr gewann das Team um Chefredakteur Lars Haider den deutschen Lokaljournalistenpreis und konnte sich gegen 550 Bewerber durchsetzen. Dabei punktete die Redaktion mit dem Konzept "Überraschend nah", in dem es darum ging, bei den Inhalten dichter als bisher an die Leser heranzukommen. Dies gelang dem Weser-Kurier durch die Serien "Die großem Herausforderungen des Lebens" sowie "Erste Hilfe in alltäglichen Notfällen". Darüber hinaus wurden Teile der Lokalredaktion in eine Bremer Schule ausgelagert, um von dort aus zu berichten. In der Auflage machte sich das Zeitungsmodell von Haider zwar nicht durch einen Aufschwung bemerkbar. Dennoch kam der Weser-Kurier im Vergleich zu anderen Regionalzeitungen im ersten Quartal 2011 laut IVW auf ein moderates Auflagenminus von zwei Prozent, der Gesamtverkauf lag bei 194.127 Exemplaren.
Bisher wurde die Schweine-Aktion von den Lesern des Weser-Kuriers durchweg gelobt. "Die Reaktionen sind enorm. Eine Leserin forderte gar eine Riester-Rente für das Schwein, damit es nicht geschlachtet wird", sagt Ettemeyer. Aber darauf lassen sich die Bremer nicht ein: "Nach dem Schlachttermin wollen wir dann Bilanz ziehen: Wie teuer war das Schwein in der Haltung? Wie hat sich unser Verhältnis zu dem Tier und dem Fleischessen geändert?", kündigt Ettemeyer für den Herbst an. Was letztlich mit dem Fleisch passieren wird, ist noch nicht klar. "Vielleicht stiften wir es oder organisieren eine Grillparty für die Kollegen", so Ettemeyer. Ob der Chef seine Freude daran haben wird? Lars Haider ist Vegetarier.  

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