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„Tatort“: vom Abgrund, der im Alltag lauert

„Nichts bleibt, wie es war.“ Der letzte Satz in einem starken „Tatort“, ausgesprochen vom Kommissar Lannert (Richy Müller), als der Mörder zur Strecke gebracht ist und Lannert und sein Kollege Bootz (Felix Klare) zuvor Zeugen vom Seelenstriptease von reichlich einem halben Dutzend Verdächtiger waren. Ende, Aus. Dies gilt in diesem Moment nicht nur für den, der zwei Menschenleben auf dem Gewissen hat. Und macht die Stuttgarter Episode sehenswert: eine Spurensuche nicht nur kriminalistischer Art.

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Sicher passt die Rahmenhandlung nach dem Polit-Fiasko um das Bauprojekt Stuttgart 21 gut ins Bild, wenn es darum geht, den „Tatort“ als Spiegel der aktuellen Problemlagen der Republik zu bewerben. Im alternativen Kulturareal Wagenhallen wird einer der Geschäftsführer erschlagen aufgefunden. Neben seiner eifersüchtigen Frau kommt auch ein Täter aus dem Umfeld des Baulöwen Walter Rühle in Betracht, denn der will die Hallen abreißen und dort Eigentumswohnungskomplexe hochziehen.

Doch nur vordergründig geht es um kommunale Interessensgegensätze und die Macht des Kapitals. Der Konflikt bleibt Kulisse, ebenso wie die Auftritte der überdreht-penetranten Stadtpolitikerin. Das eigentliche Thema sind die emotionalen Abgründe, die unter der scheinbar unauffälligen Alltagsoberfläche zwischen Menschen in jeder Beziehung klaffen und die weit komplizierter sein können, als es die beiden Ermittler anfangs ahnen, die die Ehefrau nach dem Tod ihres Mannes im Schockzustand vorfinden. Zug um Zug entwickelt sich ein Bild, das viele Motive begründen könnte. Und das doch in der Beweisführung eine Sackgasse nach der anderen produziert und immer tiefer eindringt in die Seelennot der scheinbar nur durch Zufälle miteinander Verbundener.

Die mühsame und unspektakuläre Aufklärungsarbeit, welche die Kommissare immer wieder zum Wagenhallenareal und dem aseptischen Domizil des Baulöwen führt, ist einer der Gründe, warum dieser Stuttgarter „Tatort“ so gelungen ist, obwohl oder weil er nicht einmal einen besonders raffinierten Plot hat. Eben das lenkt die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf die Zwischentöne, etwa im Verhältnis von Bootz zu einem früheren Schulkameraden, wo die gerade wiedergewonnene alte Vertrautheit schnell Brüche bekommt und Bootz zu professioneller Härte und Distanz zwingt. Ein präzises Drehbuch mit authentisch-schlichter Dialogsprache, die bis in die Nebenrollen stimmige Besetzung und der Verzicht auf überdrehte Effekte tun das Übrige. „Grabenkämpfe“ ist weit mehr als ein mittelmäßiger Krimi und auch in der ARD-Königsklasse überdurchschnittlich.

Der Doppelmörder, den das Ermittlerduo zur Strecke bringt, hat die Polizeiarbeit fast von der ersten Minute an fast wie ein Schatten verfolgt und zeigt sein wahres Gesicht erst, als die Kommissare ihn mit der Rivalität konfrontieren, die ihn erst zum Täter machte und am Ende alles zerstört. „Nichts bleibt, wie es war", der Satz von Lannert ist schließlich auch ein Ausdruck der Erleichterung, mit der Lösung des Falls auch den Job als unfreiwilliger Zeuge des ganz privaten Grauens der Involvierten aufgeben zu können. So schlicht wie die Erkenntnis ist letztlich der Krimi selbst: bemerkenswert uneitel und gerade deshalb sehenswert. Weil die Drehbuchautoren dies wissen, erlauben sie sich einen anekdotischen Hinweis auf einen westfälischen "Tatort"-Helden, der für das komplette Gegenteil steht. Und wer seinen Fall so schnörkellos erzählt, der darf auch das.

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