Die Entzauberung des Web-Hypes

Viele waren enttäuscht vom Media Coffee in Hamburg; ich nicht. Zwar lief die Veranstaltung ganz anders als gedacht, aber gerade deshalb lieferte sie eindrucksvolle Einblicke an der Schnittstelle Web und klassische Medienhäuser. Tatsächlich saßen zwei Fraktionen auf dem Podium zum Thema "Expedition ins Ungewisse": Chefredakteure von Print-Flaggschiffen auf der einen Seite, drei Vertreter der 2.0-Kultur auf der anderen – und leider sahen letztere argumentativ alt aus.

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Viele waren enttäuscht vom Media Coffee in Hamburg; ich nicht. Zwar lief die Veranstaltung ganz anders als gedacht, aber gerade deshalb lieferte sie eindrucksvolle Einblicke an der Schnittstelle Web und klassische Medienhäuser. Tatsächlich saßen zwei Fraktionen auf dem Podium zum Thema "Expedition ins Ungewisse": Chefredakteure von Print-Flaggschiffen auf der einen Seite, drei Vertreter der 2.0-Kultur auf der anderen – und leider sahen letztere argumentativ alt aus.
Sicher lief die Sache zunächst mal etwas aus dem Ruder. Moderator Thomas Knüwer, einst Handelsblatt-Redakteur und inzwischen wie es scheint im Hauptberuf Web-Euphoriker und nebenbei freischaffender Medienberater, ging seine Gäste mit einer unerwarteten Biestigkeit an und "triggerte" zuerst Katharina Borchert als Geschäftsführerin der Spiegel Net GmbH mit Spitzen gegen eine seiner Meinung nach zu große Boulevardlastigkeit von Spiegel Online.
Damit hätte er bei den anderen Teilnehmern wie bei den Besuchern noch durchkommen können, aber bei der Befragung von Giovanni di Lorenzo überspannte Knüwer den Bogen deutlich: Statt beim Zeit-Chef nach digitalen Ängsten oder Konzepten zu fragen, zettelte der Moderator eine Inhaltsdiskussion an: hier ein zu zahmes Interview mit dem gefallenen Ex-Topmanager Middelhoff, da die umstrittene berufliche Verquickung der Zeit-Gerichtsreporterin Sabine Rückert mit dem Anwalt im Kachelmann-Prozess. Das war deplatziert, wenig elegant und seltsam unangemessen für einen Mann mit der Erfahrung Knüwers. Und als dieser anschließend stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn mehr oder weniger fragte, ob sein Magazin nicht bald tot sei, entglitt dem Moderator der Talk vollends, sodass der printferne Gast Sascha Lobo für die Chefredakteure geradezu in die Bresche sprang und die Gesprächsrunde vorm nahenden Eklat bewahrte.
Das kann man Knüwer nun furchtbar ankreiden, aber die Beinah-Entgleisung hatte einen interessanten Effekt: Die Gäste waren emotionalisiert und mehr als bei vergleichbaren Veranstaltungen bemüht, ihre Antworten auf die Frage der Veranstaltung zu geben: "Welche neue Medienwelt entdecken Verlage, Web und Social Media?"
Dass in der Folge vor allem die "geballte Ratlosigkeit" der Podiums-Teilnehmer offenkundig wurde, ist vielleicht nicht an sich bemerkenswert. Zumindest von di Lorenzo und Osterkorn, den Vertretern der großen Print-Häuser, war kaum zu erwarten gewesen, dass diese den Schlüssel für die digitale Zukunft im Gepäck gehabt hätten. Aber dass die Vertreter der Generation Web ebenfalls nur nebulöses und weder inhaltlich noch vom Geschäftsmodell her Überzeugendes beizutragen hatten, war eine Überraschung.
Mag man Sascha Lobo, der wahlweise als Publizist oder schlicht als "Berater" eingeführt wird, sowie den Freiberufler Knüwer noch als Exoten abtun, so wundert es, dass eine Managerin wie Katharina Borchert ebenfalls im strategisch luftleeren Raum zu stochern schien. Die als Alpha-Bloggerin bekannt gewordene Geschäftsführerin der Online-Aktivitäten des Spiegel Verlags hatte genau genommen weder eine Vision noch ein konkretes Projekt anzubieten. Schon in ihrer Zeit als verantwortliche Kraft des WAZ-Portals DerWesten wurde Borchert eine durchwachsene Bilanz bescheinigt. Viele Ideen, aber unterm Strich wenig Meßbares und nachhaltig Erfolgreiches. So wie sie die Lage skizzierte, herrscht auch beim Spiegel, der als wohl einziges deutsches Medienhaus ein einigermaßen profitables Newsportal vorzuweisen hat, weiterhin die Phase des Experimentierens. Auch Borchert, von der man in dieser Runde einfach mehr erwarten durfte, irrlichterte zwischen harter Vermarktungsrealität und fehlendem Gesamtentwurf für die digitale Zukunft. Thomas Knüwer, der sich für Flipboard-Apps sowie das Kuratieren von News stark machte, wie auch Lobo, dessen Entwurf eines Echtzeitjournalismus-Modells im Ungefähren stecken blieb, mögen kreative Köpfe in Einzelfragen sein. Die Verantwortung für einen geschäftsrelevanten Medienbereich würde ihnen wohl kein Verlagsmanager zutrauen.
Hierin zeigt sich das wesentliche Ergebnis der ersten media coffee-Veranstaltung des Jahres 2011: Die lange Zeit so gefeierten Helden des Web 2.0 wissen auch nicht, wie es mit den Medien weiter- und im Internet vorangehen soll. Nun kann niemand erwarten, dass diese Vertreter der digitalen Euphorie auch gleich das Patentrezept für die Lösung der Probleme der Printhäuser mitbringen. Aber es relativiert auch die Häme, die in Kommentaren dieser Web-Protagonisten oft zu spüren ist und die von deren zahlreichen Anhängern im Web geteilt und verbreitet wird. Wenn es um die schlichte Frage geht, wie Menschen künftig Zeitungen oder Magazine oder diesen Medienangeboten entsprechende Formen im Internet oder Mobil nutzen werden, dann ist auch von diesen Experten nichts Klares zu hören. Und wenn es um die ebenso schlichte Frage geht, wie all das, was wir heute unter Qualitätsjournalismus kennen, in der digitalen Zukunft flächendeckend refinanzierbar sein soll, dann erntet man von dieser Front nur Schweigen. 
Das kann jetzt als alarmierendes Signal verstanden werden – oder aber als beruhigende Erkenntnis, dass die Webwelle, die die traditionellen Medienangebote umspült, auch irgendwann brechen wird. Denn Journalismus, das ist eine Erkenntnis aus Jahrhunderten, ist durch nichts zu ersetzen, ganz unabhängig von der Frage nach der Plattform auf der dieser den Weg zum Konsumenten findet.
Am Ende wunderte es nicht, dass ausgerechnet Giovanni di Lorenzo, dessen gedruckte Zeit in allen Belangen so etwas wie der komplette Gegenentwurf zum nervösen und umtriebigen Internet ist, den souveränsten Eindruck machte. Er verweigerte sich dem Lagerkampf, propagierte die redaktionellen Tugenden der Neugier, der Leidenschaft und der Qualität. Wenn diese in neuen Angeboten zu finden seien, sagte di Lorenzo, dann gibt es auch eine Zukunft für den Journalismus. Und in diesem Punkt widersprach ausnahmsweise niemand. 
P.S.: Was auf dem Podium schon spürbar war, entlud sich nach der Veranstaltung. Giovanni di Lorenzo machte seinem Ärger Luft, ebenso stern-Chef Osterkorn. Am Donnerstagnachmittag bloggte media coffee-Veranstalter news aktuell quasi eine Entschuldigung und versprach, für künftige Events vorzusorgen. Moderator Thomas Knüwer durften unangenehme Gespräche ins Haus stehen. Offenbar wird man bei news aktuell aber weiter mit  Knüwer zusammenarbeiten, der für alle media coffee-Veranstaltungen in diesem Jahr gebucht ist.

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