Barack Obama: Staatsbesuch bei Facebook

Es war der lang ersehnte Star-Auftritt beim weltgrößen Social Network: Der wichtigste Mann der Welt gab sich die Ehre – Barack Obama besuchte das Facebook-Hauptquartier. Anlass war das sogenannte Townhall-Meeting – eine "Bürgersprechstunde" also, in der Facebook-Mitarbeiter, vor allem aber die Nutzer des Social Networks einmal Fragen an den US-Präsidenten richten konnten. Der agierte gewohnt routiniert und zeigte doch, wie weit er sich vom "Facebook-Campaigner" aus dem Wahlkampf entfernt hat.

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Der Auftritt schien überfällig: Nach Pop-Größen wie Katy Perry und Kanye West besuchte nun auch endlich Barack Obama die Zentrale von Facebook – und damit das Herzstück der Social Media-Welt, die einen nicht ganz unwesentlichen Anteil an seiner Präsidentschaft hatte. In einer viel bejubelten Online-Kampagne sicherte sich Obama bekanntlich 2008 die Herzen der jungen Amerikaner, die in den Konkurrenten Hilary Clinton und später John McCain die ewig gleichen Vertreter des alten Washington sahen, das viel debattiert, aber nichts bewegt.

Inzwischen zählt Obama selbst längst zum Establishment und hat leidvoll die Zwänge von Washington kennenlernen müssen – am schmerzhaftesten erst in der vergangenen Woche, als durch die republikanische Blockadehaltung fast alle der Regierungsgeschäfte stillstanden. Erst in buchstäblich letzter Minute gelang der Kompromiss, der Macher Obama war jedoch ziemlich blamiert.

Zuckerberg: "Sorry, ich bin ziemlich aufgeregt – wir haben den Präsidenten der USA hier!"

Willkommen im Politik-Alltag, der Obama sichtlich gezeichnet hat. Der 49-Jährige wirkt noch dünner, etwas desillusioniert von Mechanismen der Parteipolitik – sein Wille zur Macht scheint das aber nur geschärft zu haben. Er wolle seine Arbeit im Weißen Haus fortsetzen, das hatte Obama  in der vorvergangenen Woche  in seiner ungewöhnlich frühen Kandidatur für eine zweite Amtszeit unterstrichen, die natürlich auf seiner Facebook-Seite verkündet wurde. Mehr als 19 Millionen Facebook-Nutzern gefällt der US-Präsident, er ist damit einer der beliebtesten Prominenten auf dem weltgrößten Social Network.

Entsprechend wird der Facebook-Auftritt zum Heimspiel, das von Facebook-COO Sheryl Sandberg einläutet wird und durch das Gründer und CEO Mark Zuckerberg dann butterweich führt. "Sorry, ich bin ziemlich aufgeregt – wir haben den Präsidenten der USA hier", entschuldigt sich Zuckerberg schon in seiner einführenden Rede – übel nehmen wird dem 26-Jährigen, der bislang kaum durch seine Stärke bei öffentlichen Auftritten aufgefallen war, die Nervosität niemand, sie wirkt fast sympathisch.

Der US-Präsident ist der eigentliche Gastgeber, Zuckerberg sein Fan

Zuckerberg erscheint in Krawatte und Jackett, aber mit Turnschuhen. "Ich bin derjenige, der Mark Zuckerberg dazubekommen hat, das zu tragen", scherzt Barack Obama gleich zu Beginn der einstündigen Unterhaltung – "wahrscheinlich zum zweiten Mal in seinem Leben". An das erste Mal können sich Internet-Geeks noch gut erinnern: Es war im Februar, der Präsident hatte zum Dinner geladen, der schwerkanke Steve Jobs saß zur Linken, der junge Facebook-Gründer zur Rechten des Präsidenten.
"Ihm ist heiß geworden, und da habe ich ihm gesagt, er könne sein Jackett ruhig ausziehen", scherzte Obama weiter. Beide lachen, die Atmosphäre ist gelöst, jovial bietet Obama an, dass beide das Jackett ja gleich von Anfang an ablegen könnten – Zuckerberg ist die Freude anzusehen, das ungewohnte Kleidungsstück schon nach wenigen Minuten wieder los zu sein. Doch die Geste sagt alles über das Townhall-Meeting aus: Der Presseraum bei Facebook ist Zuckerbergs Wohnzimmer, doch der US-Präsident ist der eigentliche Gastgeber, Zuckerberg sein Fan, wie so viele Facebooker vor ihm. 

Langatmiger Obama: Der Gegenentwurf zum "Yes, we can" 

Doch was ist aus ihnen geworden, rund zwei Jahre nach der Übernahme von Obamas Präsidentschaft, die durch den zähen Kampf gegen schwerste Rezession der US-Geschichte und den damit verbundenen Schuldenberg gekennzeichnet ist? Obama hat viel bewegt in den letzten zwei Jahren, die Gesundheitsreform ist wohl seine größte Leistung, der Verlust der Mehrheit im Repräsentantenhaus droht alle Reformvorhaben nun allerdings zunichte zu machen – „Gridlock“ nennen Amerikaner diesen Stillstand der Machtverhältnisse.

So verliert sich Obama in seiner unglaublich langen ersten Antwort, die mehr als zehn Minuten Redezeit einnimmt, in einer Mischung aus Rechtfertigung und Ausblick. Es ist der ganz große Gegenentwurf zum "Yes, we can". Mehr als zehn Minuten benötigt Obama, um zu erklären, warum er nicht bei null anfängt, sondern weit darunter, in den Untiefen der Bush-Jahre, die er aufarbeiten muss. Er schwärmt von dem ausgeglichen Haushalt unter dem letzten demokratischen Präsidenten Clinton, er erklärt, warum man den Aufschwung brauche, um Schulden abzubauen, dass daher dann die Jobs kämen.

Erreicht Obama seine junge internet-affine Wählerschaft noch?

Er nimmt seine Zuhörer in die Pflicht, immer an die amerikanischen Tugenden zu glauben, dass die besten Tage weiter vor einem liegen, dass das aber nicht alleine gehe, dass man dafür aber zusammenarbeiten müsse, dass man in den Dialog treten müsse – ja, so wie bei Facebook. Das ist der Brückenschlag, die artige Verbeugung vor der Online-Klientel, die Obama für seine Wiederwahl braucht. Erreicht er sie aber durch Auftritte wie diesen auch?

Mark Zuckerberg hat er erreicht, das steht außer Frage. Als der 26-Jährige dem US-Präsidenten zum Abschluss den Facebook-Hoodie überreicht (Obama: "Nice, nice!"), sieht es so aus, als freue sich der Facebook-Gründer darüber mehr als der Präsident. Für beide war es ein Pflichttermin, beide haben ihn gut gemeistert. Bleibt die Frage, ob er Obamas 19 Millionen Facebook-Fans auch gefallen hat?

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