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Massive Kritik an „Frankfurter Honorarliste“

Kritik an der "Frankfurter Honorarliste". Die Studie, die Orientierung für die Vergütung von freien Journalisten in Ostdeutschland geben sollte, eckt nicht nur mit ihrer Interpretation der von Gewerkschaften und BDZV vereinbarten "Gemeinsamen Vergütungsregeln" an. Das Papier weist zudem wissenschaftliche Schwächen auf. Medienwissenschaftler Horst Röper nennt es "einen merkwürdigen Mischmasch". Gegenüber MEEDIA erklärte er: "Die 'Frankfurter Honorarliste' genügt wissenschaftlichen Standards mitnichten."

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Bei der "Frankfurter Honorarliste 2011" handelt es sich um eine erstmalige Studie, die eine Übersicht über die in den neuen Bundesländern an freie Journalisten gezahlten Honorare bei Tageszeitungen geben soll. Ob dies gelingt, scheint fraglich, dafür steht jetzt schon fest, dass die Untersuchung Zündstoff enthält: Denn am Ende bedeutet sie nichts anderes, als dass Zeitungsverlage in Ostdeutschland mit ihrer Preispolitik ungehindert fortfahren können. Diese richte sich nach der dortigen Branchenübung, was übersetzt soviel heißt wie: Jeder zahlt, was er für richtig hält. Und dass die Verlage im strukturschwachen Osten nicht so viel für Texte berappen können wie im Westen, ist eben traurig aber wahr. Dabei ist es umstritten, dass die "Gemeinsamen Vergütungsregeln" auf die alten Bundesländer beschränkt seien. Es findet sich weder in der Vereinbarung noch im Urheberrechtsgesetz eine regionale Begrenzung.

Laut "Frankfurter Honorarliste" bekommen ostdeutsche Freie durchschnittlich 30 Cent pro Zeile bezahlt (um Auflagenzahlen und Textsorten bereinigt). Im Vergleich dazu: Laut "Gemeinsamen Vergütungsregeln" sollen Freie für die günstigste Gattung (Nachricht, Bericht) bei der niedrigsten Auflage (10.000 Exemplare) zwischen 47 und 51 Cent pro Zeile bekommen – im Bestfall also bis zu zwei Drittel mehr als es die "Frankfurter Honorarliste" für den Osten berechnet hat. Traurige Tatsache ist, dass Freie auch in Westdeutschland vielerorts weniger verdienen, als sie seit Februar 2010 eigentlich sollten. Gerade hat zum Beispiel die Nordausgabe der taz ihr Zeilenhonorar von 34 Cent auf immerhin 45 Cent erhöht.

Bei genauerem Betrachten erweist sich das Papier auch wissenschaftlich als kaum haltbar. Horst Röper vom Formatt-Institut in Dortmund vermisst einige ganz wesentliche Standards. So sei zum Beispiel völlig unklar, was die Grundgesamtheit der Erhebung darstelle. Tatsächlich weist das 19-seitige Konvolut undurchsichtiger Zahlenschiebereien hier frappierende Schwächen auf. Die Aufteilung im Methodikkapitel nach Verlagen, Ressorts, Textsorten und Gutdünken von Redaktionsleitern ist irreführend. Letztlich wird alles in einen Topf geworfen. "Die ,Frankfurter Honorarliste‘ genügt wissenschaftlichen Standards mitnichten", so Röper.

Die Geschichte erhält ein zusätzliches Fragezeichen, wenn man bedenkt, aus welcher Feder die Studie stammt. Chef der besagten Arbeitsstelle an der Viadrina-Universität ist nämlich Prof. Johannes Weberling. Dieser ist dafür bekannt, dass er in seiner Tätigkeit als Anwalt häufig Verlage vertritt. Kein Wunder also, dass der DJV die Studie ein „Lobbypapier“ schimpft, das "ausbeuterische Honorare" als "angemessen" deklarieren solle.

Es sei dahingestellt, ob dies die tatsächliche Motivation der Studie war. Dennoch sei die Frage erlaubt, was für einen Wert das umstrittene Papier denn nun hat. Einen Teil der Antwort findet sich im Vorwort: "Die Studie stellt weder eine Marktempfehlung noch eine Tarif-Forderung dar." Wie es aussieht, bleiben Ostdeutschlands freie Texter auch in Zukunft der Gnade der Verleger ausgesetzt.

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