Super Nanny verstößt gegen Menschenwürde

Jugendmedienschützer schlagen Alarm: 32 Mal haben TV- und Radio-Sender im ersten Quartal dieses Jahres die Bestimmungen des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags verletzt. Der härteste Fall: Eine Folge der Doku-Soap "Die Super Nanny", die um 20.15 Uhr auf RTL lief, soll gegen die Menschenwürde verstoßen, teilt die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) mit. In der Ausgabe wurde gezeigt, wie eine Mutter ihre Töchter anschrie, mit Gewalt drohte und anschließend schlug - ohne dass das Kamerateam eingriff.

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Die Folge thematisiert das psychisch und physisch gewalttätige Verhalten einer Mutter gegenüber ihren zwei- und fünfjährigen Mädchen: Vor laufender Kamera schlug sie ihre Kinder. Diese "problematischen Szenen", wie die KJM sie bezeichnet, werden insgesamt dreimal gezeigt, unter anderem auch in einem Teaser zur Sendung. "Das Kind wird in seinem sozialen Achtungsanspruch verletzt und zum Objekt der Zurschaustellung degradiert." Aus diesen Gründen stellt das Angebot in den Augen der KJM einen Menschenwürde-Verstoß dar und ist unzulässig.
Wie Bild.de berichtet, habe RTL für die ausgestrahlte Folge von der Niedersächsischen Landesmedienanstalt (NLM) einen Beanstandungsbescheid sowie einen Bußgeldbescheid in Höhe von 15.000 Euro erhalten. Für die Bereitstellung derselben Folge im Internet bei RTLnow habe der Sender ebenfalls einen Beanstandungsbescheid und einen Bußgeldbescheid in Höhe von 15.000 Euro bekommen.
RTL will die Entscheidung der Jugendschützer nicht akzeptieren. Zu Bild.de sagte eine Sprecherin: "Da wir die Beanstandung der fraglichen Folge nicht nachvollziehen können und für unangemessen halten, haben wir gegen die Bescheide selbst Rechtsmittel eingelegt."
Weiter stellte die KJM eine Entwicklungsbeeinträchtigung für unter 18-Jährige (Sendezeitgrenze 23 bis 6 Uhr) in vier Fällen fest. Die Reportage mit dem Titel "Die Frau, die Leiden schafft: Das Handwerk der Domina" strahlte AZ Media um 22.50 Uhr im Programm von RTL aus. Die Sendung, die eine selbständige Domina und ein Domina-Studio porträtiert, enthält laut KJM viele explizite Sado-Maso-Szenen in Nahaufnahme. Es werde ein selbstzweckhaft-voyeuristischer Einblick in die tabuisierte Branche gegeben, wobei "die in Szene gesetzten Bilder der Ausübung der bizarren Sexualpraktik SM Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren überfordern können". Zusätzlich werde das problematische Bild vermittelt, der Beruf der Domina sei eine übliche und weit verbreitete Tätigkeit, bei der man als junge Frau einfach und schnell Geld verdienen kann.
Der Teleshoppingsender Jamba TV zeigte einmalig zwischen 6.10 Uhr und 7.30 Uhr Werbesports für Erotik-Mehrwertdienste. "Sie können Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren nachhaltig in ihrer Entwicklung beeinträchtigen", so die Meinung der Jugendmedienschützer. Die Ausstrahlung wäre daher ausschließlich in der Sendezeit zwischen 23 und 6 Uhr zulässig gewesen.
Weiter verstieß kabel eins mit der Ausstrahlung des Spielfilms "Alarmstufe: Rot" ab 22.40 Uhr in der ungekürzten Fassung mit einer Freigabe ab 18 Jahren gegen den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMSTV). Auch der Thriller "Final Voyage – Kreuzfahrtsschiff auf Todeskurs", ebenfalls mit einer FSK-Freigabe ab 18 Jahren gekennzeichnet, lief um 20.15 Uhr auf Tele 5.
Eine Entwicklungsbeeinträchtigung für unter 16-Jährige (Sendezeitgrenze 22 bis 6 Uhr) stellte die KJM ebenfalls in vier Fällen fest. Bei zwei Episoden der Sendung "Wildboyz", die MTV jeweils um 21.30 Uhr sendete. Eine Ausgabe der "Spiegel TV Reportage" mit dem Titel "Das Böse nebenan – Wenn Menschen zu Bestien werden" zeigte Vox ab 20.15 Uhr. Die Reportage zeige "die personale Gewalt einzelner Menschen, die ihre Opfer quälen und töten", was gegen den Staatsvertrag verstoße, urteilt die KJM. Auf dem Pay-TV-Kanal MGM lief der Film "Brannigan – Ein Mann aus Stahl" ohne Vorsperre um 18.25 Uhr. Er hat eine FSK-Freigabe ab 16 Jahren und hätte deshalb erst ab 22.00 Uhr gezeigt werden dürfen.
Eine Entwicklungsbeeinträchtigung für unter 12-Jährige (Sendezeitgrenze 20 bis 6 Uhr) stellte die KJM in drei Fällen fest. Dabei handelt es sich um Folgen der ProSieben-Sendungen "Talk Talk Talk" und "Galileo" sowie den Film "Harold und Kumar", von der FSK freigegeben ab 12 Jahren, den ProSieben im Tagesprogramm ausgestrahlt hatte. Für die KJM lag hier – aufgrund unzähliger Zoten und Sexismen, die für eine Ausstrahlung im Tagesprogramm ungeeignet seien – eine Entwicklungsbeeinträchtigung für unter 12-Jährige vor.
20 Verstöße im Telemedienbereich
Weil Angebote im Internet nicht nur zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern über einen längeren Zeitraum online sind, berichtet die KJM über die Verstöße in Telemedien anonymisiert.
Ein Angebot stellt einen Menschenwürde-Verstoß dar. Es handelt sich dabei um einen auch online verfügbaren Rundfunk-Fall, den die KJM bereits als Menschenwürde-Verstoß bewertet hat.
Ein Angebot ist nach dem JMStV unzulässig: Es verherrliche den Nationalsozialismus und mache volksverhetzende Inhalte zugänglich.
Neun Verstöße beziehen sich auf Angebote, die einfache Pornografie beinhalten. In Telemedien darf einfache Pornografie nur ausnahmsweise innerhalb geschlossener Benutzergruppen zugänglich gemacht werden. Ist das nicht der Fall, liegt ein Verstoß gegen den JMStV vor.
Ein Angebot beinhaltet unzulässige Werbung. Es nutzt die Unerfahrenheit und Leichtgläubigkeit von Kindern und Jugendlichen durch direkte Kaufappelle aus.
Acht Angebote stellen aufgrund entwicklungsbeeinträchtigender Inhalte einen Verstoß gegen die Bestimmungen des JMStV dar: Die Mehrheit davon zeigte zum Zeitpunkt der Beobachtung erotische Bilder und explizite Schilderungen sexueller Vorgänge – auch bizarrer Sexualpraktiken – unterhalb der Pornografieschwelle.
In elf Fällen wurde das Verfahren eingestellt, da die jugendschutzrelevanten Inhalte nach der Intervention durch die KJM entfernt worden und auch die weiteren Voraussetzungen für eine Einstellung (kein absolut unzulässiges Angebot, kein Wiederholungstäter) gegeben waren.
Die KJM beschloss – je nach Art und Schwere der Verstöße – Beanstandungen, Untersagungen und/oder Bußgelder. Die entsprechenden Verwaltungs- und Ordnungswidrigkeitenverfahren führen die jeweils zuständigen Landesmedienanstalten durch. Strafrechtlich relevante Inhalte gibt die KJM an die zuständigen Staatsanwaltschaften ab.
In 38 Fällen beantragte die KJM im ersten Quartal 2011 die Indizierung eines Telemedienangebots bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM). Die Anträge bezogen sich zum Großteil auf Internetangebote mit pornografischen Darstellungen. In weiteren 37 Fällen gab die KJM eine Stellungnahme zu Indizierungsanträgen anderer antragsberechtigter Stellen bei der BPjM ab, die von der BPjM bei ihrer Entscheidung maßgeblich zu berücksichtigen sind.
Damit befasste sich die KJM seit ihrer Gründung im April 2003 mit rund 4.120 Fällen – mit fast 850 im Rundfunk und 3.270 in Telemedien.

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