Focus-Chef Weimer stichelt gegen Spiegel

Lange Zeit hat sich Wolfram Weimer zurückgehalten. Eine Woche vor der Veröffentlichung der Quartalsauflagen-Zahlen geht der neue Focus-Macher in die Offensive. In einem am Donnerstag erscheinenden Interview mit der Zeit betont der Chefredakteur die Erfolge seines Heftkonzepts. Und er stichelt erstmals für alle vernehmbar Richtung Spiegel. Weimer, 46, scheint sich fit zu fühlen für einen Schlagabtausch. Die Branche wird's registrieren und sein Magazin daran messen.

Anzeige

Gleich zu Beginn des Gesprächs mit den Zeit-Redakteuren Anna Marohn und Götz Hamann konstatiert der Focus-Chef eine märchenhafte Wandlung während der vergangenen Monate. Er fühle sich "ein wenig, als hätte ich das Dornröschen wachgeküsst. Die dornige Zeit liegt hinter uns." Weimer stützt sich dabei auch auf eine deutliche Auflagensteigerung im Einzelverkauf, die sein Magazin im Zuge der Repositionierung und einer Anfang des Jahres gestarteten Vertriebsoffensive erzielte.
Zwar veröffentlicht die IVW die genauen Zahlen erst in einer Woche, allerdings ist es kein Geheimnis mehr, dass der Focus dabei mit einem deutlichen Plus im zweistelligen Bereich ausgewiesen sein wird. "Und das in einem Quartal, in dem der Spiegel verloren hat", wie Weimer süffisant ergänzt. Überhaupt, der Spiegel: Der Münchner Magazinchef sieht sich auch sonst im Vorteil: "Uns lesen jede Woche fünf Millionen Menschen, und es sind interessante Menschen, die urbane Führungselite des Landes." Die Focus-Fans seien "beruflich erfolgreicher als die Leser des Spiegels. … Sie haben eine konstruktive Weltsicht."
Nicht, dass diese Erkenntnisse aus den Reichweiten-Studien neu wären. Es ist aber bemerkenswert, in welcher Massivität Weimer sein Heft hier mit dem in der Auflage noch weit entfernten Hamburger Nachrichtenmagazin misst. Er geht noch weiter: "Je mehr der Spiegel wieder linke Akzente setzt, und das tut er, ist das Spielfeld für einen bürgerlichen Focus offen." Der Chefredakteur sieht seinen Focus als immer gewichtigeren "Referenzpunkt" und als "publizistische Stimme".
In der Tat hat die Redaktion des einstigen Fakten, Fakten, Fakten-Magazins in den vergangenen Monaten unter dem seit Juli 2010 agierenden neuen Blattmacher eine gehörige Fleißarbeit geleistet. Ein deutlich höherer (und auch relevanterer) Output an exklusiven Vorabmeldungen, die der Focus am Wochenende unters Volk bringt, ist die Folge. Man darf davon ausgehen, dass das Mehr an Content und Heftumfang trotz der Reduzierung der Redaktionsstärke um 60 Stellen auch kaufmännisch ordentlich ins Kontor gehauen hat. Der Focus muss verlorenen Boden wieder gut machen, enttäuschtes Vertrauen zurückgewinnen, und das ist stets besonders aufwändig. Gewiss war vieles, was in München unternommen wurde, ein Schritt in die richtige Richtung. Aber ist das nun von Weimer so offensiv signalisierte Selbstbewusstsein eine tatsächliche oder eher eine gefühlte Stärke? Wo steht der Focus wirklich?
Diese Frage wird nach den Äußerungen des Chefredakteurs mehr als zuletzt zum Branchenthema. Man wird den Focus intensiver lesen, beobachten und auch beurteilen. Die Schonfrist des Übergangs ist jetzt vorbei. Weimer will es so. Nun wird er wie sein Magazin am eigenen Anspruch gemessen. Er ist sicher, dass "über den Focus wieder ernsthaft geredet wird" und die Münchner mit "gutem Journalismus" die "Felder des Avantgardistischen" besetzen werden. Dabei hat "Avantgarde" offenbar auch eine politische Konnotation. Von der Zeit auf die redaktionelle Positionierung des Spiegels angesprochen antwortet Weimer: "Wir betrachten Themen (wie Technik und Fortschritt, Anm. d. Red.) nicht in erster Linie unter der Maßgabe ‚Risiko, Nebenwirkungen, Lobbyismus, Korruption‘ … Wir sind eine Technologienation, eine Ingenieursnation. Die fragt bei Erfindungen nicht als Erstes, was das für Gefahren mit sich bringt." Man könnte auch fragen, warum der Chefredakteur sich angesichts der Atom-Katastrophe in Japan und der Energie-Debatte in Deutschland gerade jetzt so äußert. Das wirkt eher irritierend.
Weimer wird das in Kauf nehmen, denn er glaubt, die Erfolgsspur gefunden zu haben, auch wenn er einräumt: "Wir haben erst ein Stück des Weges hinter uns." An seiner Überzeugung ändert dies nichts. Weimer fasst die Stimmung so: "Der Markt ruft uns zu: Hurra, der Focus ist wieder da."

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige