Wie die Times-Paywall die Redaktion vergrault

Rupert Murdoch hat um seine Times eine beispiellos rigide Mauer gezogen. Ganz abgesehen von der Paywall, die seit einem Jahr besteht, erscheinen deren Artikel auch nicht mehr in Suchmaschinen. Obwohl der Verlag weiter artig den Erfolg dieses Experiments propagiert, wandern immer mehr Top-Journalisten von der Times zur frei lesbaren Konkurrenz ab. Der New York Times, die gerade ihre eigenen Bezahlschranke hochzog, könnte es möglicherweise ähnlich ergehen.

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Rupert Murdoch hat um seine Times eine beispiellos rigide Mauer gezogen. Ganz abgesehen von der Paywall, die seit einem Jahr besteht, erscheinen deren Artikel auch nicht mehr in Suchmaschinen. Obwohl der Verlag weiter artig den Erfolg dieses Experiments propagiert, wandern immer Top-Journalisten von der Times zur freilesbaren Konkurrenz ab. Der New York Times, die gerade ihre eigenen Bezahlschranke hochzog, könnte es möglicherweise sogar ähnlich ergehen.

Mal ehrlich, Journalisten leben von Luft und Lesern. Und ein bisschen Prestige, wenn’s geht. Times-Schreiber hatten lange alles: Eine der größten und renommiertesten Tageszeitungen in Großbritannien brachte ihre Worte täglich zu einer halben Million Lesern auf Papier und Hunderttausenden im Web. Vor einem Jahr aber zog Besitzer News International eine große, hässliche Mauer um das Traditionsblatt – die erste Paywall auf der Insel. Pro Tag kostet es £1, vorher reinschauen ist unmöglich. Anders als bei den meisten Zeitungen mit Bezahlschranke gibt es keine Schlagzeilen und Einleitungen mehr auf Google. Entweder ganz oder gar nicht, so die Ratio im Ost-Londoner Hauptquartier.
Offenbar hat die Mehrheit im Lande beschlossen, nicht zu zahlen. In den ersten Monaten kursierten Gerüchte, dass die Online-Leserschaft der Times um bis zu 80 Prozent zusammenbrach. Selbst ein 50-prozentiger Einbruch würde nicht spurlos an der Journalisten-Seele vorbei gehen.
Die Paywall hat der Times nicht nur online geschadet. Im Februar brach die Auflage – laut ABC-Statistik – im Vergleich zum Vorjahresmonat um fast 12 Prozent ein. Damit verbuchte Murdochs Titel der stärksten Abschwung unter den Qualitätsblättern. Der Telegraph verlor 8,3 Prozent, der Guardian 7,7 Prozent, die Financial Times knapp 3 Prozent und der Independent nur 0,6 Prozent. Der neue und billige Ableger des Independents, ‘i’ für 20 Pence, legte als Einziger zu (plus 31,6 Prozent). Damit wird Jungspund fast so viel gelesen wie das Mutterblatt.
Kein Wunder also, dass die besten der Times nach anderen Möglichkeiten suchen, um mit ihren Lesern in Kontakt zu treten. So hat deren berühmte Mode-Chefin Lisa Armstrong mitsamt Stellvertreter die Tasche gepackt und geht im Juni zum Daily Telegraph. Ein würdiger und symbolischer Wechsel, schließlich sind Times und Telegraph Erzrivalen (und die Website des Telegraphs ist weiterhin frei zugänglich). Zudem musste die namhafte Times-Kolumnistin Caitlin Moran auf Druck ihres Arbeitgebers ihre eigene Website, auf der sie ihre Artikel umsonst publizierte, entfernen. Stetig wandern weitere Redakteure ab, oder äußern sich hinter vorgehaltener Hand frustriert über die Bezahlschranke.

Und darin liegt das zentrale Problem des Times-Modells: der Commercial Director von News International, Paul Hayes, betont immer wieder, dass Leser für exzellenten Journalismus zahlen sollen. Anders kann man dessen Zukunft nicht garantieren. Aber stimmen Top-Journalisten dem zu, besonders wenn ihre Leserschaft derart einbricht?

Während das News-International-Management weiterhin wenige Details über die Abonnentenzahlen bekannt gibt (angeblich kaufen inzwischen 79.000 die Times und Sunday Times online, via iPad oder Kindle), hat die New York Times letzte Woche ihren ‚Pay Sponge’ errichtet. Die starke und absorbierfähige Grenze soll ca. 40 Millionen Dollar gekostet haben, obwohl sie scheinbar recht einfach zu knacken ist. Ob New-York-Times-Journalisten ebenso unglücklich sind wie viele ihrer Londoner Kollegen, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Vielleicht sollte eine Mauer eher vor der Verlagstür errichtet werden, um die Abwanderung der Reporter und Redakteure zu verhindern.

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