Kretschmann – der Landlust-Politiker

Der sensationelle Sieg des Grünen Winfried Kretschmann bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg hat neben den Themen Stuttgart 21 und der Atom-Debatte auch viel mit der Sehnsucht nach Authentizität und Entschleunigung zu tun. Kretschmann ist in seiner Art und seiner Biografie das Gegenteil des gescheiterten CDU-Alpha-Tiers Stefan Mappus. Kretschmann verkörpert alte Werte wie kein Zweiter. Er ist eine Art Politiker-Version der Zeitschrift Landlust.

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Es ist ein fast unglaubliches Zusammenspiel verschiedenster Ereignisse, die einem sperrigen Charakter wie Winfried Kretschmann den Weg an die Regierungsspitze des CDU-Stammlandes Baden-Württemberg geebnet haben. Da war natürlich der emotional aufgeheizte Streit um den Stuttgarter Tiefbahnhof (Stuttgart 21). Da war natürlich die Katastrophe in Japan, die die Atom-Angst der deutschen Bevölkerung aufs Neue angefacht hat. Und da war mit dem CDU-Mann Stefan Mappus ein unbeliebter Ministerpräsident, der so ziemlich alles verkörperte, was viele Menschen am politischen Betrieb dieser Tage abstößt.
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Harken, sägen, gießen – der entschleunigte Wahlwerbespot der Grünen
Mappus gilt als politisches Alpha-Tier und rücksichtsloser Macht-Stratege. Einer der sein Fähnlein nach dem Wind der Wählergunst richtet. Er stand schon vor der Atom-Katastrophe in Japan unter Verdacht, seine demonstrativ zur Schau getragene konservative Gesinnung zu pflegen, weil er sich positionieren wollte. Er wollte bewusst einen Gegenpol bilden zur sozialdemokratisierten Merkel-CDU mit vermeintlichen “Weicheiern”, wie Umweltminister Norbert Röttgen.

Mappus’ Baden-Württemberg als Heimatland eines wieder erstarkenden, selbstbewussten CDU-Konservativismus. Das roch schon alles sehr nach Kalkül. Als er dann nach der Atom-Katastrophe im Hauruck-Verfahren umschwenkte und plötzlich zum AKW-Abschalt-Weltmeister mutierte, wurde sein taktisches Verhältnis zur eigenen Gesinnung allzu offensichtlich.

Winfried Kretschmann ist in fast allem das genaue Gegenteil von Mappus. Kretschmann ist zunächst einmal deutlich älter und erfahrener. Er hat “Jugendsünden” hinter sich, von denen er sich heute glaubhaft distanziert. Gemeint ist sein Engagement im Kommunistischen Bund Anfang der 70er Jahre, was er heute klar als Fehler bezeichnet. Kretschmann ist ein glaubhaft Geläuterter – keiner, der "nur so tut". Er hat es sich nie leicht gemacht mit seiner Einstellung. Zwischenzeitlich war er aus der Kirche ausgetreten, mittlerweile ist er wieder praktizierender Katholik und sogar im Zentralkomitee der deutschen Katholiken aktiv.

Auch aus der Politik hatte er sich schon mal verabschiedet, als ihm die Grünen einen zu fundamentalistischen, idealistischen Kurs einschlugen. Für den früheren Grünen Star Joschka Fischer findet Kretschmann heute dezent kritische Worte. Er hat mit Fischer zusammengearbeitet, als dieser erster grüner Landesminister in Hessen wurde. Fischer sei nicht einfach gewesen, sagte Kretschmann in einem Interview vor der jetzigen Landtagswahl. Man kann es sich vorstellen.

Leute wie Joschka Fischer und Stefan Mappus sind politische Alpha-Tiere. Machtbewusst, machtversessen. Sie wollen an die Spitze und beißen jeden weg, der ihnen gefährlich werden könnte. Kretschmann ist einer, der bisher eher ging, wenn es ihm zu blöd wurde. Es ist bezeichnend, dass er noch in der Euphorie des Wahlabends in seinen Formulierungen vorsichtig und abwägend blieb. “Das Amt muss zum Mann kommen”, sagte er, als sich in Hochrechnungen bereits relativ klar zeigte, dass er gewonnen hatte, “jetzt ist das Amt ein gutes Stück näher gekommen. Warten wir ab.”

Kretschmann ist auch kein potenzieller Medienstar. Er und seine Frau wirken nicht wie zwei, die ihre Türen für ein großes, gefühliges Bunte-Interview öffnen, wie das Ehepaar Mappus noch kurz vor der Wahl. Auf eitle Ausrutscher wie sie dem an sich selbst gescheiterten Ex-CSU-Star Karl Theodor zu Guttenberg zu häufig passierten, wird man bei Kretschmann vergeblich warten. Wenn man sich zu Guttenberg und Kretschmann im direkten Vergleich anschaut, gibt es keinen Zweifel, dass der Grüne im Zweifel der echtere Konservative ist.

Schon der Wahlwerbespot der Grünen hatte mehr als nur einen Hauch von Zen. Man sah Kretschmann, wie er in seinem Garten harkt und Blätter sammelt, wie er einen Ast absägt, eine alte Gartenschere schleift und Regenwasser aus einer Wanne in eine Metall-Gieskanne füllt. Die Arbeitshandschuhe, die er dabei benutzt, hat er vermutlich bei Manufactum ("Es gibt sie noch, die guten Dinge") gekauft. Der ganze Spot atmet Nachhaltigkeit – man meint fast die Erde riechen zu können. In seinem Heimatort Laiz bei Sigmaringen ist er im Schützenverein aktiv.

Als Hobbys gibt er Handwerken und Wandern an. Kretschmann ist nicht der idealtypische Grüne. Aber er passt als Typus ideal zum aktuellen Mega-Trend der Entschleunigung. Er ist so eine Art Politik-Äquivalent der Zeitschrift Landlust: bodenständig, naturverbunden, sperrig und ein bisschen altbacken. Aber eben auch authentisch bis in die silbergrauen Haarspitzen.

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