Twitter – der bedrohte Social-Media-Star

Der beliebte Kurznachrichtendienst Twitter wird in diesen Tagen fünf Jahre alt. Im Internet ist das schon eine kleine Ewigkeit. In dieser Zeit hat sich Twitter von einem Nischen-Phänomen für Nerds zu einem absoluten Nutzer- und Medien-Liebling im Internet entwickelt. Zwei Dinge könnten Twitter die Freude über den Geburtstag aber vermiesen: Das nach wie vor fehlende Geschäftsmodell und die stetig wachsende Bedrohung durch Facebook.

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Da wäre zunächst einmal die Sache mit dem Geldverdienen. Twitter ist in erster Linie ein Erfolg bei den Nutzern. Im September vergangenes Jahr soll die Zahl der Twitter-Nutzer weltweit bei rund 175 Millionen gelegen haben. Angeblich kommen derzeit rund 460.000 Nutzer jeden Tag neu hinzu. Das ist viel, aber deutlich weniger als beim Sozialen Netzwerk Facebook, das weltweit auf über 600 Mio. Mitglieder und eine Wachstumsrate von über 800.000 neuen Mitgliedern pro Tag verweisen kann.

Weniger schwindelerregend als die Wachstumsrate sind die Geschäftszahlen bei Twitter. Zwar wird Twitter aktuell mit rund 7,7 Mrd. US-Dollar bewertet, dem steht aber nur ein vergleichsweise winziges operatives Geschäft entgegen. Kooperationen mit den Suchmaschinen Google und Bing (Microsoft), die Twitter-Nachrichten in Echtzeit bei Suchergebnissen einblenden, bringen derzeit zwar angeblich genug Geld ein, um die laufenden Kosten zu decken. Aber zu wenig, um die gewaltigen Erwartungen der Investoren auch nur ansatzweise zu befriedigen.

Das Geschäft mit der Werbung ist selbst im Jahr Fünf nach der Gründung noch ein zartes Pflänzchen. Bei den Twitter-Trends und Follower-Vorschlägen auf der Twitter-Homepage gibt es seit einiger Zeit dezente, bezahlte Einträge, die als “promoted” gekennzeichnet werden. Auch bei der iPhone-App hat Twitter begonnen, solche bezahlten Schlagworte einzublenden – und sich prompt den Zorn zahlreicher Nutzer zugezogen. „Wir sind erst in der Anfangsphase der Einnahmesteigerung“, sagte jüngst Twitter-Mit-Begründer Biz Stone – nach fünf Jahren wird das langsam Zeit. Twitters Beliebtheit in der Web-Szene ist für das Unternehmen Segen und Fluch zugleich. Segen, weil Twitter auf eine treue Gefolgschaft an Fans und Nutzern bauen kann. Fluch, weil diese Nutzerschaft sehr empfindlich auf jede Form der Kommerzialisierung “ihres” Twitter reagiert. Der Spagat zwischen kommerz-empfindlichen Nutzern und drängenden Investoren könnte in naher Zukunft zu einer Zerreißprobe für Twitter werden.

Die womöglich noch größere Gefahr droht dem Geburtstagskind Twitter aber von anderer Seite: Das Soziale Netzwerk Facebook wächst unaufhörlich und tendiert dazu, alles zu verschlingen, was mit sozialer Interaktion im Internet zu tun hat. Bereits 2008 wollte Facebook Twitter kaufen, damals zum (aus heutiger Sicht) Schnäppchenpreis von 500 Mio. US-Dollar. Anfang 2011 gab es erneut Gerüchte, dass sowohl Google als auch Facebook interessiert seien, Twitter zu kaufen – aber auch daraus wurde nichts. Kein Zweifel – Twitter wäre ein Social-Media-Juwel, mit dem sich die Internet-Großkonzerne gerne schmücken würden.

Sollte Twitter eines Tages doch noch schwach werden, wäre eine Kauf durch Facebook wahrscheinlich der Anfang vom Ende. Das mit unstillbarem Appetit gesegnete Netzwerk würde Twitter mit den hauseigenen Facebook-Statusmeldungen kombinieren und Twitter würde über kurz oder lang als eigenständiges Angebot verschwinden. Sollte Twitter standhaft bleiben, ist das aber auch nicht ohne Risiko. Wenn Facebook nicht kaufen kann, setzt das Netzwerk im Regelfall auf Verdrängung. So hat Facebook bereits einen eigenen Konkurrenzdienst zum aufstrebenden, ortsbasierten Netzwerk Foursquare gestartet. Der Rabatt-Dienst Groupon wird von Facebook Deals attakiert und Internet-Bezahldienste wie Paypal bekommen mit Facebook Credits Konkurrenz.

So ist die Geburtstagsfeier für Twitter eine zwiespältige Angelegenheit. Einerseits hat der Dienst viel erreicht. Stars suchen via Twitter den direkten Kontakt zu ihren Fans, Politiker nutzen Twitter um die Basis zu mobilisieren, bei Weltereignissen hat sich Twitter als ungefilterter direkter Info-Kanal bewährt. Twitter ist dabei immer ein bisschen weniger allumfassend und weniger kompliziert geblieben als Facebook. Während Facebook sich zu einer Art Schweizer Offiziersmesser der Internet-Welt gemausert hat – mit tausend Funktionen, die teils nur noch schwer zu überblicken und zu beherrschen sind, ist sich Twitter im Grunde treu geblieben: 140 Zeichen, das war’s. Um zu sehen ob das auch reicht, müssen wir wahrscheinlich nicht noch einmal fünf Jahre warten.

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