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Justiz-Schlammschlacht um Mister Hurricane

Ein Krimi unter Fernsehproduzenten, irgendwo zwischen "Dallas" und "Melrose Place": Kurz nachdem TV-Macher Marc Schubert mit seiner neuen Firma Juni-TV im Markt aktiv wurde, erheben sowohl sein Ex-Arbeitgeber und heutiger Wettbewerber Mistral Media als auch deren Hurricane Fernsehproduktion schwere Vorwürfe. Brisanter Hintergrund: Schubert hatte Hurricane aufgebaut und war selbst Vorstandschef von Mistral. Die Branche fragt sich: Wie stichhaltig sind die Vorwürfe, oder handelt es sich um eine Schmutzkampagne?

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Ein verbales Hauen und ein juristisches Stechen unter Managern, die einst im selben Unternehmen wirkten. Es geht um viel Geld, angeblich dubiose Spesenrechnungen, möglicher Insiderhandel und eine dicke Akte, die jetzt den Staatsanwalt beschäftigt.

Aber der Reihe nach. Im Jahr 2006 schien die Welt des Marc Schubert noch in Ordnung. Seine Hurricane Fernsehproduktion lieferte für RTL und ProSiebenSat.1 Erfolgsformate wie „Schillerstraße“, „Frei Schnauze XXL“, „Genial daneben“, „Switch Reloaded“ oder Jahresrückblicke mit Dieter Nuhr. Dann verkaufte Schubert seine Firma an die Spütz AG, die seitdem als Mistral Media AG firmiert. Eine Beteiligungsgesellschaft, deren Einnahmen laut eigenen Angaben fast ausschließlich aus der Hurricane Fernsehproduktion stammten. Zum Portfolio der Mistral Media AG gehörte bis vor kurzem auch die Internetseite DWDL (MEEDIA berichtete).

So weit alles nichts besonderes. Doch inzwischen sind dunkle Wolken am Kölner Comedy-Himmel aufgezogen. Am 11. Februar 2011 erstattete der neue Vorstand der Mistral Media AG Strafanzeige gegen Marc Schubert und Holger H., den ehemaligen Finanzchef des Unternehmens. Vorwurf: Untreue. Schubert, so die Argumentation der neuen Firmenchefs, soll sich mit verdeckten Gewinnausschüttungen bereichert und Unternehmensgelder in Höhe von 1.506.349,81 Euro für private Zwecke ausgegeben haben. Kurz darauf berichtete das Nachrichtenmagazin Der Spiegel über die Strafanzeige, offenbar bevor die Akte bei der Staatsanwaltschaft angelegt wurde.

Die Anzeigeerhebung zu diesem Zeitpunkt muss wohl auch vor dem Hintergrund gesehen werden, dass Schubert und Holger H. inzwischen mit Schuberts Ehefrau Maike T. mit ihrer neuen Produktionsfirma Juni-TV in Konkurrenz zu ihrem ehemaligen Arbeitgeber stehen. Die Logik der Anzeige gegen Schubert ist jedoch eine andere: Sie basiert auf der Grundlage, dass der heutige Vorstand der Mistral Media AG, Stephan Brühl, im Dezember 2010 erstmals durch das Ergebnis einer Betriebsprüfung des Finanzamtes Köln mit privater Mittelverwendung durch Schubert konfrontiert worden sei. So teilt es die Mistral Media AG in ihrer Strafanzeige (liegt der Redaktion vor, Anm.) auf Seite 8 mit. Als Beweis wird aber ein Schreiben des Finanzamtes Köln vom 6. Mai 2010 angeführt. Dennoch arbeitete die Mistral Media AG eigenen Angaben zufolge unter ihrer neuen Führung seit Juni 2010 bis vor wenigen Wochen mit Schubert zusammen. Nur eine der vielen Merkwürdigkeiten in diesem Fall.

Fakt ist: Die Mistral Media AG ließ mit Datum vom 11. Februar 2011 eine 46-seitige Strafanzeige verfassen. Ein auch inhaltlich wuchtiges Werk könnte man bei flüchtiger Betrachtung meinen. Das Unternehmen beschreibt darin angebliche private Mittelverwendungen durch den ehemaligen Geschäftsführer der Hurricane Fernsehproduktion und gleichzeitig damaligen Vorstand der Mistral Media AG, Marc Schubert.
Die wirtschaftliche Lage der Hurricane GmbH und der Mistral Media AG habe sich im Jahr 2010 weiter erheblich verschlechtert, teilt das Unternehmen mit. Der Geschäftsbetrieb könne nur aufrecht erhalten werden, weil das verbundene Unternehmen Vertical Twister – ein Unternehmen für Call-in-Produktionen – die notwendige Liquidität bereitstellen würde. Der Grund für diese Lage sei das „schadhafte Verhalten“ von Schubert zwischen Juli 2006 und März 2010.
Penibel werden in der Anzeige Ausgaben aufgelistet, mit denen Schubert private Ausgaben als Firmenkosten abgerechnet haben soll. Reisekosten in Höhe von 98.240 Euro. Kosten für nicht nachvollziehbare Autorenleistungen in Höhe von 402.661 Euro. Kosten für nicht nachvollziehbare Beratungsleistungen in Höhe von 42.680 Euro. Kosten für eine Betriebssportgruppe in Höhe von 335.492 Euro. Rechnungen ohne betriebliche Veranlassung in Höhe von 373.987 Euro. Barentnahmen für private Zwecke in Höhe von 8.286 Euro. Sponsoringmaßnahmen in Höhe von 61.166 Euro. Eine DVD-Produktion in Höhe von 389.256 Euro und weiteren 61.226 Euro.
In der Anzeige wird eine Gesamtsumme in Höhe von 1.506.349,81 Euro aufgelistet. In der Anlage finden sich originelle und kreative Abrechnungen für Teambiathlon im Hochsauerland, kostenintensive Reisen, hohe Autorenhonorare für ungenutzte Inhalte, Abrechnungen für allgemeine Beratungen, umfangreiche Golfdienstleistungen, Coaching, Personal-Training oder Formel 1-Tickets.

Dabei verneint die Mistral Media AG, dass es ein – im Juristendeutsch – tatbestandsausschließendes Einverständnis des Unternehmens für diese Ausgaben gegeben habe. Die Beschuldigten Schubert und H. hätten Unternehmensgelder willkürlich wie Privateigentum behandelt und ihre privaten Interessen in der Hurricane Fernsehproduktions GmbH ausgelebt. Ein schwerwiegender Vorwurf.
Während der Amtszeit von Schubert sank der Aktienkurs der Mistral Media AG von rund acht Euro auf 42 Cent. Bereits das Geschäftsjahr 2009 wurde mit einem Fehlbetrag in Höhe von 841.000 Euro abgeschlossen. Offenbar standen die Ausgaben der Hurricane in keinem gesunden Verhältnis zum Umsatz von rund 12 Millionen Euro pro Jahr.

Bemerkenswert ist aber auch, dass diese Vorwürfe erst zu dieser Strafanzeige führten, als Schubert mit seiner neuen Produktionsfirma Juni-TV startete und in Konkurrenz zu seiner ehemaligen Firma Hurricane trat.

Über die Gründe seines Ausscheidens bei Mistral gibt es keine genauen Angaben. Angeblich hat ein schweres Zerwürfnis zwischen Schubert und dem größten Anteilseigner der Mistral Media AG, dem israelischen Geschäftsmann Jacob Agam, im Juni 2010 zur Trennung geführt. Trotz dieses Zerwürfnisses arbeitete das Unternehmen nach eigenen Angaben bis vor wenigen Wochen mit Schubert zusammen.

Stephan Brühl, heutiger Vorstand der Mistral Media AG, betont auf Nachfrage von MEEDIA: „Es geht uns nicht um eine Wettbewerbssituation. Wir haben die Anzeige nicht für die Presse gemacht.“ Dennoch erfuhr der zuständige Staatsanwalt dem Vernehmen nach die Vorwürfe aus dem Spiegel, bevor er die Strafanzeige begutachten konnte. Brühl sagt: „Herr Schubert hat unserer Meinung nach nicht verstanden, dass das nicht sein Geld war, sondern das der Unternehmen Mistral Media und Hurricane und vor allem der Aktionäre.“

Mistral Media erklärt in der Anzeige zudem, erstmals im Dezember 2010 mit dem Ergebnis einer Betriebsprüfung konfrontiert worden zu sein, woraus sich der Abfluss von Geldern bei Hurricane für private Zwecke ergeben würde. Dem widerspricht das Schreiben des Finanzamtes Kölns mit Datum vom 6. Mai 2010, das ebenfalls angeführt wird. Dies rechtfertigt Brühl gegenüber MEEDIA so: „Die Sachverhalte, die nun zu den Vorwürfen gegen Herrn Schubert geführt haben, waren uns bis zum Dezember 2010 nicht bekannt. Das Schreiben der Finanzverwaltung vom 6. Mai 2010 war uns ebenfalls nicht bekannt und wurde uns erst im Januar 2011 durch den Steuerberater zur Kenntnis gebracht. Herr Schubert hatte uns darüber nichts berichtet. Die notwendigen internen Ermittlungen wurden danach sofort von mir veranlasst.“ Brühl weiter: „Die hier in Rede stehenden Reisekosten sind nach Meinung der Oberfinanzdirektion keine Betriebsausgaben sondern Privatausgaben. Wer tatsächlich das Format ‚Schillerstrasse‘ entwickelt hat, wird sich im Rahmen unserer Ermittlungen erst noch herausstellen. Die Vermarktung der Schillerstrasse im Ausland liegt beim Sender und nicht bei Hurricane, Herrn Schubert oder seiner Ehefrau.“
Schuberts Rechtsanwalt Björn Gercke liefert auf Anfrage von MEEDIA eine umfangreiche Stellungnahme, die im Folgenden dokumentiert ist: „Die Vorwürfe gegen Herrn Schubert sind haltlos. Es geht hier um rein steuerliche Fragen der Betriebsbezogenheit einzelner Ausgaben. Der Inhalt der Strafanzeige ist keineswegs neu, sondern dem heutigen Vorstand der Mistral Media AG seit Frühjahr 2010 bekannt. Es gab im vergangenen Jahr mit den Finanzbehörden diverse Gespräche, in denen genau das besprochen wurde. Daher kann ich nicht nachvollziehen, warum der heutige Vorstand der Mistral Media AG behauptet, von diesen Inhalten erstmals im Dezember 2010 erfahren zu haben. Zudem gab es Ende Februar 2011 mit den Finanzbehörden eine tatsächliche Verständigung. Mein Mandant selbst wird im Übrigen von den Finanzbehörden nicht in Anspruch genommen. Ihm wurde von den heute Handelnden vollständig Entlastung erteilt. Nicht zuletzt differiert der Betrag in der Anzeige gegen meinen Mandanten zu der Summe, die die Mistral Media AG zivilrechtlich gefordert hat. Wir werden uns zuerst gegenüber der Staatsanwaltschaft äußern und dazu beitragen den Sachverhalt lückenlos aufzuklären. Deshalb bitte ich Sie um Verständnis, dass wir nicht zuerst die Medien informieren. Herr Schubert ist aber nach einer Erklärung gegenüber der zuständigen Staatsanwaltschaft gerne bereit, sich auch zu Journalistenfragen zu äußern.“

Damit nicht genug. Seit dem 15. Februar 2011 liegen der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) Vorwürfe wegen Insiderhandels und unterlassener Ad-hoc-Mitteilungen gemäß § 15 Wertpapierhandelsgesetz gegen die Mistral Media AG vor. Marc Schubert lässt darin mitteilen, dass die Hurricane Fernsehproduktion von der Mistral Media AG verkauft wurde – angeblich ohne Wissen oder Zustimmung des Aufsichtsrates. Ausweislich eines notariell beglaubigten Handelsregisterauszuges vom 10. Dezember 2010 gehörte die Hurricane Fernsehproduktion mittlerweile der Kölner Advertico AG – einem Internetdienstleister. Über die Veräußerung ihrer wirtschaftlich mit Abstand wichtigsten Beteiligung und nach eigenen Angaben hauptsächlichen Einnahmequelle als auch den Kaufpreis hätte die Mistral Media AG den Kapitalmarkt unverzüglich informieren müssen. Dem Vernehmen nach wurde die Hurricane Fernsehproduktion inzwischen sogar an die Mistral Media AG zurück verkauft. Auch dieser Umstand oder der Kaufpreis wurden seitens der Mistral Media AG offenbar bislang nicht publiziert.

Stattdessen informierte die Mistral Media AG am 9. Dezember 2010 über mehrere Strafanzeigen gegen ehemalige Vorstände. Wörtlich heißt es in dieser Ad-hoc-Mitteilung: „Konkret soll der damalige Vorstand mit Zustimmung des Aufsichtsrats auf Grundlage eines manipulierten Gutachtens die Hurricane Fernsehproduktion GmbH von der Vertical Twister B.V., Niederlande, zu einem überhöhten Kaufpreis erworben haben. Hierdurch ist der Gesellschaft voraussichtlich ein Schaden in Höhe von ca. 5 Millionen Euro entstanden. Vor diesem Hintergrund haben die Vorstandsmitglieder Dirk Röthig und Stefan Brühl, die im Mai dieses Jahres in den Vorstand berufen worden waren, Strafanzeige gegen damals handelnde Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder sowie weitere Personen bei der Staatsanwaltschaft in Köln erstattet. Ebenso hat die Gesellschaft vor dem Landgericht Köln Klage gegen die Vertical Twister B.V. erhoben.“

Auf genau diese Forderung der Mistral Media AG gegen die Vertical Twister B.V. in Höhe von 5.662.730,80 Euro bezieht sich eine ergänzende Mitteilung an die Finanzdienstleistungsaufsicht vom 16. März 2011. Darin lässt Schubert unter Bezugnahme auf die Kammer für Handelssachen des Landgerichts Köln mitteilen, dass die Klage mit der Forderung gegen die Vertical Twister in der Zwischenzeit tatsächlich zurückgenommen und der Termin zur mündlichen Verhandlung im Juni aufgehoben sei. Durch den Verzicht auf die Klage und die Forderung oder der Zahlung eines symbolischen Betrages sei der Mistral Media AG ein Schaden zugefügt worden. Zudem stelle die Klagerücknahme eine Insiderinformation dar, über die der Kapitalmarkt unverzüglich hätte informiert werden müssen. Über die Klageerhebung informierte das Unternehmen seinerzeit noch taggleich in einer Ad-hoc-Mitteilung: „Die Mistral Media AG hat am 22. März 2010 eine Klage gegen die Vertical Twister B.V., Amsterdam, Niederlande, auf Zahlung von 5.662.730,80 Euro beim Landgericht Köln eingereicht.“

Doch auch Schubert, gegen den sich massive Vorwürfe richten, blieb nicht untätig: Am 10. März 2011 zeigte der gegenüber der Finanzdienstleistungsaufsicht vermeintlich unzutreffende und irreführende Ad-hoc-Mitteilungen der Mistral Media AG an. Am 16. Februar 2011 teilte Mistral Media Ad-hoc mit: „Der Vorstand der Mistral Media AG hat bei der Staatsanwaltschaft Köln Strafanzeige gegen den ehemaligen Vorstand und Geschäftsführer der Hurricane Fernsehproduktion GmbH wegen schwerer Untreue und wegen Betruges eingereicht. Zugleich fordert die Gesellschaft vom ehemaligen Vorstand die Zahlung von ca. 31 Millionen Euro.“

Laut Schubert ist das eine irreführende und falsche Information. Mistral Media AG hätte damit den Eindruck erweckt, dass gegen Schubert ein Anspruch in Höhe von „ca. 31 Millionen Euro“ bestehen würde. Jedoch sei Schubert mit Schreiben vom 12. Februar 2011 lediglich zur Zahlung von 1.378.742,20 Euro aufgefordert worden. Eine Summe, die vom Gesamtbetrag in der Strafanzeige gegen Schubert deutlich abweicht. Dieser behauptete Anspruch findet in der Ad-hoc-Mitteilung der Mistral Media AG keine Erwähnung. Ebenfalls unerwähnt bleibt – so Schubert – dass er nie zur Zahlung eines Betrages in Höhe von „ca. 31 Millionen Euro“ aufgefordert wurde.

Tatsächlich teilt ein Rechtsanwalt der Mistral Media AG am 12. Februar 2011 lediglich mit, dass man erneut auf Schubert zukommen werde. Eine Summe, um die der Wert des Unternehmens gemindert worden sein soll – und die fast genau dem Wert entspricht, der im Jahr 2006 als Wert der Hurricane Fernsehproduktion im Zuge des Verkaufs an die Mistral Media gutachterlich festgestellt wurde. Mit dieser Forderung wäre der Kauf der Hurricane für die Eigentümer der Mistral Media ein Nullsummenspiel. Der angebliche Anspruch in Höhe von „ca. 31 Millionen Euro“ laut dieser Ad-hoc-Meldung blieb nicht folgenlos. Am 16. Februar verzeichnete die Aktie der Mistral Media AG einen Kurssprung um rund 30 Prozent.

Marc Schubert vermutet eine Schmutzkampagne der Mistral Media AG gegen einen unliebsamen Wettbewerber im Buhlen um Aufträge der mächtigen Senderketten RTL und ProSiebenSat.1. Die Mistral Media spricht von strafrechtlich Relevanten Missmanagements Schuberts und spricht von einem Millionenschaden.
Doch wo liegt die Wahrheit? Das ist selbst für Branchenkenner derzeit kaum auszuloten. Erkennbar wird aber ein besorgniserregender Trend nicht nur der Werbe- und Medienbranche: Geschäftliche Differenzen und nicht einvernehmliche Trennungen von leitenden Managern werden immer häufiger unter Zuhilfenahme der Strafverfolgungsbehörden ausgetragen, die mit möglicherweise einseitigen Informationen benutzt und die Irre geführt werden. Insbesondere wenn bereits die bloße Existenz eines Ermittlungsverfahrens genügt um den wirtschaftlichen Ruf zu schädigen. Immer öfter kommt dabei der Vorwurf der Untreue zum Einsatz.

Ein schwammig formulierter Gesetzestext aus den 1930er Jahren, der oft als Mädchen für alles in Wirtschaftsstrafsachen bezeichnet wird. Für alle Betroffenen gilt die Unschuldsvermutung.

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