Im Abendblatt-Quartier hakt es noch

"Für das Hamburger Abendblatt gehören die Stadtteilreporter zu den wichtigsten Vorhaben des Jahres", sagte Chefredakteur Claus Strunz gegenüber MEEDIA Ende Januar. Jetzt, über einen Monat nach dem Start des Hyperlokal-Projekts "Mein Quartier", haben wir uns die Stadtteilblogs genauer angeschaut. Das erste Fazit: Die Blogs unterscheiden sich stark in ihrer Qualität. Nur selten lässt sich auch ohne Titel erraten, aus welchem Quartier gebloggt wird. Und: Die Verzahnung von Online und Print läuft noch nicht rund.

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Die Riege der 18 Stadtteil-Blogger setzt sich zusammen aus Studenten, PR-Schaffenden und anderen, die gerne in ihrer Freizeit mehr schreiben wollen. Erste journalistische Erfahrungen waren beim Blogger-Casting des Abendblattes durchaus gewünscht. Der unterschiedliche berufliche und akademische Hintergrund ist aber auch das, was “Mein Quartier” so schwer fassbar macht.

Schaut man sich die Blogs zu den sieben Vierteln (unter anderem Sternschanze, Eppendorf, St. Pauli) genauer an, bekommt man als Hamburger nicht überall den Eindruck, umfassend über das informiert zu werden, was im eigenen Kiez gerade passiert. Natürlich lebt gerade das Hyperlokale davon, dass man auch über neue Baustellen, Verspätungen bei der Müllabfuhr und Straftaten an der Straßenecke informiert wird. Aber all das sagt noch relativ wenig über das aus, worüber in meiner Nachbarschaft diskutiert wird.
Einen wirklich guten Jobs machen die Staddteilreportern für St. Pauli. Hier bekommt man als Leser das Gefühl, dass die Blogger für ihre Leser auf der Straße unterwegs sind, nachhaken und maßgeschneidert über ihre Nachbarschaft berichten. Ob das nun ein geplantes millionenschweres Bauprojekt, ein Interview mit der Inhaberin eines neuen Ladens oder ein kleines Hintergrundstück zu einem neuen Straßennamen ist.
Ganz anders im Grindelviertel: mit dem hohen Anteil an Studenten und der Universität eigentlich ein Platz für viele menschelnde Geschichten. Doch die findet man hier nur wenig. Dafür weitergeleitete Pressemitteilungen für Ausstellungen und Theaterstücke. Und überraschenderweise zur Karnevalszeit einen Blogeintrag zum Faschingsfest in der Schweiz.
Nun stellt sich nach einigen Wochen “Mein Quartier” die Frage: Was sollen die Blogs bringen? Leserbindung? Lesergewinnung? Immerhin erklärte Strunz Ende Januar, dass zuerst Blogs in den Stadtteilen starten sollten, "in denen bisher nicht die Kernleserschaft der Abendblatt-Leser zu Hause ist. Natürlich freuen wir uns über neue Leser, und sicher ist das auch ein Ziel. Für uns geht es aber in erster Linie darum, neue Leser, die nicht printsozialisiert sind und die wir über klassische Wege bisher nicht erreicht haben, von unseren digitalen Angeboten zu überzeugen."

Aber noch wirken die Quartier-Blogs unpersönlich. Jeder Eintrag ist offenkundig von “reporter” verfasst. Hier würde ein Bild des Autoren in den Blogposts selbst Wunder wirken. Ähnlich wie bei einer Kolumne schafft man doch gerade über persönliche Ansprache, eigenen Stil und das Einstehen mit dem eigenen Gesicht eine Beziehung zum Leser, baut sich eine Fanbase auf und bindet im nächsten Schritt Leser an ein Blog – oder im nächsten Schritt an eine Zeitung.
Das gelingt im Hyperlokalismus aber wirklich nur dann, wenn die Bürger-Reporter auch auf der Straße unterwegs sind. Doch viele Einträge in den anderen Stadtteilblogs basieren oft nur auf Pressemitteilungen der Polizei, von Museen oder Clubs. Dafür brauchen die Autoren kein Blog. Solche Ausgehtipps binden niemanden stärker an ein Blatt. Gerade mit dem renommierten Hamburger Abendblatt im Hintergrund fehlt es den Blogs noch an einer Blaupause, worüber sie berichten wollen – und worüber nicht. Hier sollten sich die Verantwortlichen die Frage stellen, ob man die Blogger auf eine Linie einschwört, ohne sie in ihrer Themenwahl zu beschneiden.

Etwas inkonsequent ist auch die Verzahnung von Online und Print. Jeden Mittwoch bekommen die Stadtteilreporter eine eigene Seite im Blatt, berichten dort über die Top-News aus ihrem Quartier. Mehr Bilder und Beobachtungen soll es auf der Stadtteilreporter-Übersichtsseite geben. Doch die funktioniert bisher nur als Landing-Page, die nur auf die Blogs verlinkt. Als Hamburger, der man ja nicht jeden Tag nur in einem Stadtteil unterwegs ist, wünscht man sich zumindest eine Zusammenstellung der aktuellen Themen auf der Webseite.

Ohne Frage: “Mein Quartier” ist ein lobenswertes Projekt. Strunz bemerkte selbst im Januar: "Der große Aufwand, sowohl was die Kosten als auch die Zeit betrifft, ist für viele Redaktionen sicherlich ein Chancenkiller. Ohne unseren Projektpartner Vodafone, der die Laptops und Handys stellt, wäre dieses Projekt auch für uns deutlich schwieriger in der Umsetzung geworden.” Doch was an technischer Infrastruktur bereitsteht, das muss auch an journalistischer/bloggerischer Infrastruktur her. Dann kann die Regionalzeitung auch von ihren Quartier-Reportern profitieren.

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