„Die neue Generation schreibt besser als wir“

Die Zeit wurde gerade 65 Jahre alt – und ist damit jünger als einer ihrer ältesten Mitarbeiter. Theo Sommer gehört seit 54 Jahren der Wochenzeitung in verschiedenen Positionen an. Als Chefredakteur war er daran beteiligt, dass die Auflage auf eine halbe Million wuchs. Im ersten Teil des MEEDIA-Interviews spricht der 80-Jährige darüber, wie er zur Zeit kam, warum er Verleger Gerd Bucerius zweimal seinen Rücktritt androhte und was die heutige Journalisten-Generation von seiner unterscheidet.

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Herr Sommer, die Zeit feiert in diesem Jahr ihren 65. Geburtstag. Sie sind im vergangenen Sommer 80 Jahre alt geworden und gehören zu den ältesten Mitarbeitern der Zeitung. Wie haben Sie es erlebt, als die Zeit 1946 auf den Markt kam?
Das habe ich überhaupt nicht erlebt. Damals lebte ich in der Nähe von Stuttgart, die Zeit war eine Gründung der Engländer, ebenso wie die Welt, die am selben Tag von den Engländern in Hamburg gegründet wurde. Bei den damaligen Verhältnissen gelangten die Zeitungen nicht bis in den Süden Deutschlands. Die Auflage betrug 25.000 Exemplare, dafür gab’s Papier. Ein großer Teil davon ging nach Altona. Als die Kollegen dem nachspürten, stießen sie darauf, dass ein erklecklicher Teil am Fischmarkt zum Einwickeln der Heringe genutzt wurde. Heute ist die Auflage zwanzig mal so groß: über 500.000 Exemplare. Das war ein weiter, langer und nicht ganz kurvenloser Weg.
Wollten Sie damals schon Journalist werden?
Damals war ich noch Schüler, aber ich hatte einen Deutschlehrer, der offenbar meine Anlage erkannt hat. Denn er schrieb immer boshaft an den Rand der Aufsätze: "zu journalistisch". Er schrieb zudem für das Lokalblatt Theaterrezensionen. Eine davon war so daneben, dass ich einen Leserbrief schrieb. Das war übrigens das Erste, was je von mir gedruckt wurde. Das war im Jahr 1949.
Haben Sie das Exemplar noch?
Ja, jedenfalls den Ausschnitt.
Wie sind Sie zur Zeit gekommen?
Zur Zeit gekommen bin ich 1957. Damals ist nach vielen juristischen Auseinandersetzungen Gerd Bucerius als einer von drei Gründern Alleineigentümer geworden und hat die Zeitung dann umgekrempelt. Marion Gräfin Dönhoff wurde Politikchefin. Sie hatte damals den Politikwissenschaftler Theodor Eschenburg in Tübingen gefragt, ob es jemanden in seinem Seminar gebe, der zur Zeit passen würde. Damals war ich gerade dabei, als junger Familienvater in mühevollster Kleinarbeit meine Doktorarbeit zu schreiben. Und da habe ich natürlich zugegriffen. Denn ich wollte – wenn Journalist – dann am liebsten zu einer Wochenzeitung, und am liebsten nach Hamburg.  
Das heißt, dass Sie zufällig bei der Zeit gelandet sind?
In Tübingen gab es zwar wenige Exemplare der Zeit – damals lag die Auflage bei 44.000. Man las im Süden Christ und Welt, das erschien in Stuttgart. Ich hatte mir durchaus auch überlegt, nach meinem Studium der Politik, Geschichte und Internationalen Beziehungen Historiker oder Diplomat zu werden. Wie immer im Leben spielte aber der Zufall die große Rolle. Ich war später einmal Planungschef im Verteidigungsministerium, bei Helmut Schmidt, und habe dort die Erkenntnis gewonnen, dass Planen heißt, den Zufall durch den Irrtum ersetzen. Ich hatte also das Glück, bei der Zeit anzukommen. Erst als außenpolitischer Redakteur, dann als stellvertretender Chefredakteur und schließlich zwanzig Jahre lang als Chefredakteur. Danach war ich zehn Jahre Herausgeber. Auf diesem Posten habe ich meine Geschichtskenntnisse sehr gut verwenden können und habe durch viele Vorträge im Ausland ein Stück quasi-diplomatischer Aktivität entfalten können.
In die Liste Ihrer Positionen reiht sich auch die des Editor-at-Large ein, der Sie jetzt sind. In welche Rolle haben Sie sich am besten gefallen?
Das sind alles altersgemäße Rollen gewesen. Ich bin mit 43 Jahren Chefredakteur geworden, bin dann mit 63 ausgeschieden, weil ich fand, dass ein Jüngerer oder eine Jüngere heran muss. Marion Dönhoff hatte auch im Alter von 63 Jahren an mich abgegeben. Der Herausgeber-Posten ist ja im deutschen Presserecht nicht definiert. Das war eine ganz schöne Position: Man kann sich auf seinen Lorbeeren ausruhen, aber trotzdem zu allem seinen Senf dazugeben.
Was macht ein Editor-at-Large anders als der Herausgeber?
Er macht im Grunde das gleiche. Er ist nicht nur da, um Nachrufe zu schreiben über Leute, die die jüngere Generation nicht mehr kennt, sondern er wird immer um Rat gefragt. Er kann schreiben, er kümmert sich um Projekte, die nicht unmittelbar im Druck erscheinen. Die Zeit hat sich ja sehr verändert, früher hatten wir nur die Zeitung, heute haben wir ja vier oder fünf Publikationen: von Zeit Campus über Zeit Wissen bis zu Zeit Geschichte. Wir veranstalten viele Foren, von denen ich auch immer einige moderiere. Ab und zu vertrete ich die Zeit auch nach außen.
Editor-at-Large ist eine Begriff, der in der internationalen Presse-Welt sehr geläufig ist. Es klingt etwas besser als Alt-Chefredakteur. At-Large heißt, wenn Sie es nachschlagen, "auf freiem Fuß". Ein Ambassador-at-Large ist ein Botschafter, der keine Botschaft leitet, aber diplomatische Aufträge ausführt. Ein Criminal-at-Large ist ein entsprungener Häftling. Und ein Editor-at-Large ist eine Mischung aus beidem.
Sie waren maßgeblich daran beteiligt, dass die Auflage der Zeit auf eine halbe Million wuchs.
Ich war 20 Jahre Chefredakteur. In diesen Jahren stieg die Auflage von 330.000 auf 510.000 Exemplare. Das hatte zu tun mit unserem frühzeitigen Eintreten für die Ostpolitik und mit unserem Eintreten für soziale Markwirtschaft, in der nicht die kapitalistische Gier alles andere überwog. Unser Aufstieg hatte aber auch nicht nur mit dem Chefredakteur, sondern auch mit den Ressortleitern und dem ganzen Redaktionsteam zu tun. Das war schon eine Mannschafts-Leistung. In den 90ern hatten wir allerdings einen Durchhänger. Das lag wohl an Gerd Bucerius, der 1995 starb, und in seinen letzten Jahren keine große Entscheidungskraft mehr hatte. Man hätte damals einiges entscheiden müssen, um sich der neuen Situation anzupassen. Damals schossen die privaten Fernsehsender plötzlich wie Pilze aus dem Boden, damals begann der Computer Einzug zu halten. Damit veränderten sich die Lesegewohnheiten. Die Leute hatten auf einmal weniger Zeit, Zeitung zu lesen. Und wir haben einige Zeit gebraucht, das zu erkennen und uns anzupassen. Ab 2000 haben dann Michael Naumann und Josef Joffe als Chefredakteure, danach dann Giovanni di Lorenzo, verstanden, diesen Übergang zu schaffen und neue Leser zu gewinnen, ohne die alten zu verlieren. Das war ein schwieriger Spagat, aber es ist ihnen gelungen.
Wie haben sie das gemacht?
Sie haben die Seite 1 verändert. Heute ist sie mehr eine Litfaßsäule, auf der wir den Leser zeigen, was ihn im Inneren der Zeitung erwartet. Früher war dort vielmehr graues Blei zu finden. Das ist eine Anpassung an die neuen Sehgewohnheiten und eine Notwendigkeit, wenn man sich heute am Kiosk behaupten will.
Stellen Sie eine inhaltliche Verschiebung des Blattes fest?
Ich entdecke keine Verschiebung unseres Grundstandpunktes, der liberal ist, aber sich auch manchmal zwischen den Stühlen befindet – da haben wir uns auch immer wohl gefühlt. Aber es sind ganz andere Themen als früher in der Zeitung. Jeder der am Zuge war, musste sich mit neuen Themen auseinandersetzen. Ich habe zum Beispiel das Wissen-Ressort gegründet als ich vor dreißig Jahren merkte, da entsteht ein Feld, das auf ganz viele Interessen trifft. Dazu kam das Dossier. Wir hatten eine Zeit lang ganz dicke Ausgaben: sechs bis sieben Zeitungsseiten handelten nur über Geschichte. Dieser Umfang ist dann wieder geschrumpft. es sind andere Dinge interessanter geworden. Heute muss man zum Beispiel den jungen Leuten sagen, was ihre Chancen sind, eine Berufskarriere zu finden. Damals wurden wir schon an den Toren der Universitäten weggeworben.
Unterscheidet sich die heutige Journalisten-Generation von der damaligen?
Die neuere Generation schreibt sicher etwas anders als wir, ich würde sogar sagen: Sie schreibt besser. Die Zeit hat große Schreiber unter den 40-Jährigen. Darunter sind fabelhafte Leute, fast Schriftsteller. Jedes Jahr räumen wir Preise ab. Ich würde sogar neidlos sagen: Sie schreiben bannender als wir damals. Wir waren vielleicht sachlicher, und vielleicht sogar etwas langweiliger.
Gab es einen Tiefpunkt bei der Zeit, an den Sie sich nicht gerne erinnern?
An wirkliche Tiefen kann ich mich nicht erinnern, es ging ja immer aufwärts. Ich kann höchstens darüber nachdenken, wo wir oder ich total schieflagen. Ich war zum Beispiel der Ansicht, dass der Vietnamkrieg ein gerechter und notwendiger Krieg war, weil ich damals, wie viele andere auch, glaubte, dass das ein bewusster, von Stalin und Mao Zedong gelenkter Angriff auf Asien war, der uns auch in Europa bevorstehen würde. Das war ja alles kurz nach dem Bau der Berliner Mauer – so weit hergeholt schien die These nicht. Aber sie war falsch, und ich habe dann auch nach zwei Jahren gesagt, als die Amerikaner anfingen mit Luftangriffen, dass der Krieg so nicht zu gewinnen ist. Der zweite Fall war 1980, als in Polen das Kriegsrecht verhängt wurde, um die Opposition zu bändigen. Damals habe ich geschrieben, dass es besser sei, die Polen machten es, als dass die Sowjets einmarschierten. Heute wissen wir zwar, dass in Moskau über einen Einmarsch diskutiert, aber am Ende doch  beschlossen wurde, nicht militärisch zu intervenieren. Das war also ein Irrtum. Und das Dritte: Die Wiedervereinigung hat mich überrascht.
Was zählen Sie zu Ihren Höhepunkten bei der Zeit?
Unser Eintreten für die Ost- und Entspannungspolitik – dafür, dass man mit dem miserablen und verhassten SED-Regime redet, um Erleichterungen für die Brüder und Schwestern, so hieß es ja damals, zu erlangen. Dafür haben wir uns eingesetzt. Das hat das Bewusstsein, dass wir als Nation zusammen gehören, nicht nur gestärkt, sondern auch erhalten.
Sie koppeln Ihre Höhen und Tiefen an politische Ereignisse. Aber was zählt hausintern dazu? 
In einer Leitungsfunktion erleben Sie immer kleine Triumphe und Niederlagen, die sich dann im Rückblick völlig belanglos ausnehmen. Einer meiner wirklichen Tiefpunkte war, dass ich den Rauswurf von Fritz Raddatz als Feuilleton-Chef nicht verhindern konnte.
Was war damals im Jahr 1985 passiert?
Er hatte sich mit dem Verleger, Gerd Bucerius, auseinander gelebt. Bucerius schrieb mir Briefe: "Ich kann den Mann nicht länger ertragen." Dabei ging es immer um irgendwelche Meinungsäußerungen in seinen Feuilleton-Glossen. Und dann kam der Tag, an dem die Frankfurter Buchmesse eröffnet wurde. Uns fiel erst sehr spät ein, dass wir dazu einen kleineren Leitartikel bringen wollten. Raddatz schrieb den dann. Ich habe den Artikel abends noch gelesen und bin dabei über den Ausdruck "neue Unübersichtlichkeit" gestolpert, den Raddatz Goethe zuschrieb statt korrekterweise Habermas. Er habe ihn bei Goethe entdeckt, behauptete er. In weiteren Absätzen stand dann etwas über den Bahnhof in Frankfurt und die Schrebergärten, die der Buchmesse weichen mussten. Das alles brachte er in Verbindung mit Goethe. Nur: Goethe starb drei Jahre, bevor in Deutschland die erste Eisenbahn fuhr, und die Schrebergärten wurden Jahre später erst von Dr. Schreber ins Leben gerufen. Der Chef vom Dienst sagte damals, es war nachts um eins: "Das stimmt so nicht." Aber es war zu spät, es wurde schon angedruckt. Am nächsten Morgen flog ich nach Tokio und bekam die Mitteilung, dass Bucerius darauf gedrängt habe, Raddatz zu entlassen.
Was haben Sie unternommen?
Ich fand das falsch, denn er war ein glänzender Feuilleton-Chef, der Ideen nicht nur für sich, sondern auch für andere hatte. Nur in seiner Darstellung der Fakten war er etwas fantasiereich. Ich hätte ihm lieber einen HiWi zur Seite gestellt, der die Fakten kontrolliert, ihn aber nicht als Feuilleton-Chef abgesetzt. Es hatte ja schon zwei Phasen gegeben, in denen der Verleger von mir verlangt hatte, ihn rauszuschmeißen. Ich hatte daraufhin zwei Rücktrittsbriefe geschrieben: "Wenn Sie ihn raussetzen, dann müssen Sie mich mit raussetzen." Ich hatte es immer wieder geschafft, den Verleger zu überzeugen. Doch beim dritten Mal war das der Strohhalm zuviel, der dem Kamel das Rückgrat brach.
 Beim dritten Mal haben Sie keinen Rücktrittsbrief angedroht?
Nein, da war ich in Japan, und es war schon zu spät. Ich hätte es wahrscheinlich auch nicht noch einmal verhindern können. Ich kann nicht ausschließen, dass ich einen dritten Brief geschrieben hätte. Aber vielleicht wäre ich auch klug genug gewesen, zu sagen, dass das Ende der Fahnenstange erreicht ist.
Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews, welche Triumphe Theo Sommer bei der Zeit gefeiert hat, wie anfangs die Zusammenarbeit mit Helmut Schmidt war und was er von Gerd Bucerius, Marion Gräfin Dönhoff, Rudolf Augstein und Henri Nannen gelernt hat.

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