Anzeige

„Er steckte in der medialen Zwangsjacke“

Die Affäre Guttenberg als öffentliches Lehrstück: Für MEEDIA hat der Medienwissenschaftler Professor Bernhard Pörksen die Fragen rund um den Plagiatsskandal analysiert. Dabei zeigt er sich eher überrascht, dass der Politiker überzeugt schien, die Diskussion um seine Dissertation einfach "aussitzen" zu können. Dazu, ist Pörksen überzeugt, hatte er "keine Chance". Der Experte erklärt auch, wie Projekte wie GuttenPlag-Wiki den Journalismus verändern und warum das Skandalmanagement des Ministers riskant war.

Anzeige

Herr Pörksen, was hätte Karl-Theodor zu Guttenberg machen sollen, um einen Rücktritt abzuwenden?
Als Wissenschaftler und Skandalforscher glaube ich, dass er von Anfang an keine Chance hatte, die Affäre einfach auszusitzen. Mich hat eher überrascht, wie er auf den Gedanken verfallen konnte, dies zu glauben. Ganz allgemein gesprochen: Es gibt vier Prinzipien des effektiven Skandal- und Krisenmanagements, die allesamt in einer merkwürdigen Art und Weise von seinen Beratern ignoriert wurden. Zum einen: Man muss schnell reagieren, um wieder handlungsfähig zu werden. Zum anderen: Man muss – sofort – maximale Transparenz erzeugen und mit einer ernsten Geste um Entschuldigung bitten. Und schließlich: Die Form des Krisenmanagements darf dem eigenen Image nicht widersprechen, das gleichsam wie eine mediale Zwangsjacke funktioniert, also nicht einfach nach Bedarf abgesteift werden kann: Wer als Inkarnation des glaubwürdigen, kantigen Anti-Politikers antritt, der muss auch entsprechend schnörkellos die eigenen Betrügereien offenbaren – und die Konsequenzen ziehen. All dies hat Karl-Theodor zu Guttenberg nicht getan.
Hätte die Bundesregierung schneller einschreiten sollen?
Nun, sie ist ja eingeschritten, aber nur mit einem einzigen Ziel: den Verteidigungsminister zu stützen. Zunächst wurden Kampagnenvorwürfe laut; man stellte den Überbringer der Nachricht, einen Bremer Professor, unter Linksverdacht, versuchte das Plagiat als Gerede über Fußnoten zu bagatellisieren, das im Angesicht sterbender Soldaten gleichsam pietätlos sei. Dann hat sich die Bundeskanzlerin – und hier beginnt das für Hochschulinsassen wirklich empörende Lehrstück öffentlich präsentierter Wissenschaftsverachtung – für eine Art Persönlichkeitssplitting zur Beschwichtigung entschieden und verlauten lassen, sie haben keinen „Inhaber einer Doktorarbeit“ berufen. Frei nach dem Motto: Als Promovend mag der Mann ein Versager sein, als Verteidigungsminister liefert er gute Arbeit. Diese Strategie war und ist eine Ohrfeige für alle redlich arbeitenden Doktoranden; sie setzt voraus, dass wissenschaftliches Fehlverhalten für die im öffentlichen Raum benötigte Moral ohne Bedeutung ist. Und sie konterkariert den doppelten Anspruch, der an deutschen Universitäten spätestens seit den Tagen von Wilhelm von Humboldt Programm ist: dass nämlich Bildung nicht nur Ausbildung bedeutet, sondern immer auch zur moralischen Selbstbildung beiträgt.
Wie ist Guttenbergs Skandalmanagement zu bewerten?
Guttenberg hat hoch riskant agiert – und hat aus der Sicht des Skandalforschers ein paar gewichtige Fehler gemacht, die ihm letztlich das Amt gekostet haben: Zum einen hat er sich sofort und zunächst ohne Not festgelegt, es habe keinen Ghostwriter gegeben. Zum anderen hat er die Plagiatsvorwürfe als „abstrus“ zurückgewiesen, sie also geleugnet. Später hat er dann – der Volksmund spricht hier von Salamitaktik – schritt- und scheibchenweise „handwerkliche Fehler“ eingeräumt, aber die Täuschungsabsicht bestritten. Faktisch ist es aber einfach nicht möglich, seitenlang gleichsam absichtslos abzuschreiben. Das heißt: Mit dieser Festlegung auf das absichtslose, immer noch vermeintlich redlich gesinnte Collagieren hat er einen zweiten Skandal provoziert und sich den Vorwurf eingehandelt, zu lügen. Skandalforscher sprechen in einem solchen Fall von einer Grenzüberschreitung zweiter Ordnung: der eigentliche Skandal wird nun befeuert, überdeckt und ergänzt von dem als skandalös empfundenen Umgang mit dem Skandal selbst. Genau das ist hier passiert. 
Gibt es in der Mediengeschichte einen Vergleichsfall?
Es gibt zahllose Beispiele für solche Versuche der Leugnung, der Beschwichtigung, der Ablenkung. Indes: Ein Positiv-Beispiel des glückenden Skandalmanagements ist nach wie vor der rasche, der schnörkellose Rücktritt von Margot Käßmann, der ihre Glaubwürdigkeit eher gestärkt hat. Sie hat sich imagekonform verhalten – und ist belohnt worden. Und an ihrem Fall kann (das ist die Gemeinsamkeit mit dem jetzigen Skandal) man lernen: Moralisierung produziert Skandalanfälligkeit; und wer besondere Ansprüche formuliert, der muss auch demgemäß handeln. Man erinnere sich: Es gab das vergleichsweise marginale Vergehen einer alkoholisierten Autofahrt. Und die unmittelbare, geradlinige Reaktion, ohne Versuche der Bagatellisierung, ohne falsche Scheu vor dem Schuldeingeständnis.   
Wie erklären Sie sich den anfangs hohen Zuspruch aus der Öffentlichkeit?
Zum einen wird diese Gesellschaft nicht nur von einer pauschalen Glorifizierung von Prominenz regiert, es gibt auch eine gewaltige Sehnsucht nach Authentizität, Echtheit, einen Überdruss an der allzu leicht durchschaubaren Inszenierung und der Show. Eben deshalb machen zunehmend kantig wirkende Anti-Kandidaten, die die politische Bühne betreten, Blitzkarrieren. Und Karl-Theodor zu Guttenberg war ein solcher charismatisch auftretender Anti-Kandidat, den sein Spiel mit dem Rücktritt Spitzenwerte der Popularität beschert hat. Dieses positive Vorurteil hat nun erkennbar eine gewisse Stabilität – ein Phänomen, das Ihnen jeder Sozialpsychologe bestätigen wird.
Welche Rolle spielte die Bild-Zeitung und ihre Pro-Guttenberg Berichterstattung in diesem Zusammenhang?
Die Bild-Zeitung vertrat bis zum heutigen Tag – nur eben in einer anderen Sprache – die Strategie der Krisenbewältigung, die auch die Spitze der Bundesregierung gewählt hat: Stützung des Skandalisierten um fast jeden Preis. Maßgeblich war hier der Schlachtruf des Kolumnisten Franz Josef Wagner: "Macht keinen guten Mann kaputt. Scheiß auf den Doktor." Aber ich muss ehrlich sagen: Die Bild-Zeitungs-Kritik der letzten Tage scheint mir eher als ein Nebenschauplatz. Die Kampagne war derart offensichtlich, dass man sich redaktionsintern eher fragen sollte: Wie kann es jetzt gelingen das Gesicht und den journalistischen Anspruch zu wahren, wenn man doch zurückrudern muss und das eigene Moral-Voting nicht gewirkt hat? Und ich gebe zu bedenken, dass Boulevardjournalisten andere Sorgen haben als die Zitierregeln zu verstehen, denen sich heute jeder BA-Student beugen muss. Mich hat die offensichtliche Wissenschaftsverachtung und der Werteopportunismus von Teilen der politischen Elite erzürnt. Franz Josef Wagner und seine eher lustigen Ferngutachten können einem da herzlich gleichgültig sein.
Die Internetgemeinde hat den Journalisten in diesem Fall bei der Recherche unter die Arme gegriffen, wie das Wiki GuttenPlag gezeigt hat. Wie verändern solche Projekte den Journalismus?
Sie zeigen erneut: Es ist unsinnig, den klassischen Journalismus und eine angeblich dilettantisch agierende Netzgemeinde gegeneinander auszuspielen. Die so genannten Laien und die professionellen Gatekeeper können sich wunderbar ergänzen – eben das zeigt dieser Fall: die blitzschnelle Recherche einer auf Entlarvung drängenden Schwarmintelligenz hat erkennbar auch die Qualitätsmedien des Landes beeindruckt und sie mit Material und der nötigen Entschiedenheit versorgt.
Was ist Ihre Meinung: Warum ist Herr zu Guttenberg letztlich doch zurückgetreten?
Es lässt sich immer wieder beobachten: Der Skandalisierte unterschätzt zunächst die Wucht und die Macht öffentlicher Empörung – und kann sich schließlich der einmal entfachten Dynamik nicht entziehen.

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige