„Affäre um Plagiator keineswegs beendet“

Guttenberg verzichtet auf seinen Doktortitel. Damit ist für die meisten Kommentatoren die Affäre noch nicht ausgestanden. "Sollte er sein Amt behalten, ist er auf dem besten Weg, den Ruf eines unkalkulierbaren Luftikus' nicht mehr loszuwerden, ja als Karikatur zu gelten", schreibt Kai Biermann. Die noch hohe Guttenberg-Popularität zeigt für Michael Spreng eine neue Entwicklung in der politischen Kultur: "Die Entmachtung der – je nach Standort - öffentlichen oder veröffentlichten Meinung schreitet voran."

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Kai Biermann, Zeit Online: "Nicht nur beim Inhalt der Arbeit bediente er sich der gemeinhin als Salamitaktik bekannten Methode, auch beim Doktortitel selbst mühte er sich, im Untergang so gut wie nur möglich auszusehen. Den Titel nicht mehr führen zu wollen ist das eine, ihn aber in einer großzügig und freiwillig wirken wollenden Geste ‚zurückzugeben‘, grenzt an Realitätsverleugnung."
"Sollte er sein Amt behalten, ist er auf dem besten Weg, den Ruf eines unkalkulierbaren Luftikus‘ nicht mehr loszuwerden, ja als Karikatur zu gelten."
Michael Spreng, Sprengsatz: "Der Fall zu Guttenberg ist einer der spannendsten Skandale seit vielen Jahren – so wie er einer der ungewöhnlichsten und charismatischsten Politiker seit vielen Jahren ist. Gelingt es ihm, getragen von ungebrochener Popularität in der Bevölkerung, seinen Kopf aus der sich täglich verengenden Schlinge zu ziehen? Es könnte klappen, auch wenn es vielen nicht passt. Sein Schutzschild ist seine anhaltende und für die CDU/CSU unverzichtbare Popularität."
In der FAZ beschreibt Oliver Georgi die CDU-Veranstaltung in Kelkheim, auf der zu Guttenberg seinen Doktor-Verzicht bekannt gab: "Und dann kommen die Sätze, derentwegen Guttenberg nach Kelkheim gekommen ist und die er unbedingt hier in der Provinz sagen wollte und nicht in Berlin, weil ein Kotau an der Basis glaubwürdiger ist: ‚Es geht darum, den Schaden für die Universität, den Doktorvater und den Zweitkorrektor zu begrenzen. Deshalb war meine Entscheidung richtig, den Doktortitel nicht zu führen. Auch wenn das schmerzlich ist, wenn man so lange für ihn gearbeitet hat.‘ Jubel im Saal; vielen Guttenberg-Anhängern steht die Hoffnung ins Gesicht geschrieben, dass er das nun endlich war, der erhoffte Befreiungsschlag. (…) Was immer man in den vergangenen Tagen über schale Inszenierungen und schlechtes Timing sagen konnte: Das Timing hat er in Kelkheim wiedergefunden. Auch wenn die Frage unbeantwortet bleibt, für wen hier gerade das letzte Stündlein geschlagen hat – für den reuigen Sünder oder den unbelehrbaren."
Auch Spiegel Online berichtet aus Kelkheim: Für die Hamburger legte der Bayer einen "starken Auftritt" hin. Vor allem aber eine Abrechnung: mit sich selbst und mit den Medien. Es ist ein Befreiungsschlag durch Selbstkritik – und eine Kampfansage. Schwarz und Weiß. Wir hier, die dort. So hat Roland Koch Politik gemacht. Damit war Franz Josef Strauß erfolgreich. Es ist ein neuer Guttenberg zu beobachten an diesem Abend. Ein Guttenberg mit Stahlhelm."
Dirk Hautkapp, DerWesten.de: "Beim Massenpublikum wird der Freiherr damit ganz entschieden punkten. Der Mann macht Fehler. Der Mann steht, wenn es gar nicht mehr anders geht, für seine Fehler öffentlich ein. Mensch, einer wie wir! Schluss mit dem Rücktrittsgefasel! Schwamm drüber! Wird eine Mehrheit sagen und den Franken in den nächsten Umfragen wieder auf neue Höchstwerte hieven. Und bitte jetzt wieder zurück zu den wirklich wichtigen Dingen."

Financial Times Deutschland: "Die Ankündigung Guttenbergs ist reine Symbolpolitik. Er kann sich dafür entscheiden, den Doktortitel nicht mehr zu verwenden, zum Beispiel hat er ihn auf seiner Homepage schon getilgt. Rein rechtlich kann der CSU-Politiker den Titel jedoch nicht ablegen. Nur eine Universität, bei der ein Akademiker promovierte, kann dies formal tun. In Guttenbergs Fall ist das die Uni Bayreuth, die seine Dissertation mit "summa cum laude" beurteilt hatte, also der bestmöglichen Note."
Hamburger Abendblatt: "Es ist ein einmaliger Vorgang in der Bundespolitik und wohl auch einzigartig im deutschen Wissenschaftsbetrieb: Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) legt nach Bekanntwerden von Plagiatsvorwürfen seinen Doktortitel nieder. Die Affäre um ‚GuttenPlag‘, den „Plagiator“ oder auch „Copygate“ ist damit keineswegs beendet. Denn so wie eine Universität den akademischen Grad eines Dr. verleiht, so kann auch nur sie ihn wieder entziehen."

Tagesspiegel: "Witzig wollte er es machen, Karl-Theodor zu Guttenberg. Nur, es ist schlicht zum Witz geronnen, wie sich der Verteidigungsminister in seiner "wenn man so will Affäre" am Montagabend im hessischen Kelkheim präsentiert hat."

Lutz Kinkel, stern.de: "Guttenberg hat sich übers Wochenende seine Doktorarbeit angeschaut. Und naja. War nicht so toll. Jetzt will er den Titel zurückgeben. Dieser Minister, Pardon, verarscht uns alle."

Frankfurter Rundschau
: "Dieser Rückhalt in der nichtpolitischen Öffentlichkeit ist der beste Schutz für Guttenberg. Weder Merkel noch Seehofer könnten es sich erlauben, jetzt von ihm abzurücken. Ein Rücktritt hätte massive Folgen für die Wahlkämpfe der CDU in diesem Jahr. Deshalb kommt das Debakel der CDU in Hamburg Guttenberg noch zusätzlich zugute."

Christoph Seils, Cicero: "Das nennt man dann wohl ein Schuldeingeständnis auf Raten. Auch wenn Karl-Theodor zu Guttenberg nur das einräumte, was mittlerweile offensichtlich war. Der CSU-Politiker will dauerhaft auf seinen Doktortitel verzichten, erklärte er am Montagabend auf einer Veranstaltung im hessischen Kelkheim. Nicht in Berlin, sondern in der hessischen Provinz, nicht vor den Hauptstadtjournalisten, sondern vor den eigenen Anhängern rang sich der Verteidigungsminister zu einer Entschuldigung durch."

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