Illners mangelndes Gespür für Unterhaltung

Gute Unterhaltung ist ein schwieriges Geschäft. Das gilt, wenn man sie produzieren will aber offenbar auch, wenn man nur darüber redet. Die ZDF-Polit-Talkerin Maybrit Illner scheiterte am Donnerstag bei dem Versuch, mit Thomas Gottschalk, Zeit-Chef Giovanni di Lorenzo, Mathieu Carrière und "DSDS"-Produzentin Ute Biernat über gute und schlechte TV-Unterhaltung zu diskutieren. Maybrit Illner war vom Unterhaltungs-Thema überfordert.

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Selten konnte man eine so unsouveräne und auch uninformierte Talk-Show-Moderation sehen wie am Donnerstagabend bei "Maybrit Illner" im ZDF. Es ging damit los, dass Frau Illner schon in der Vorrede quasi von hinten durch die Brust ins Auge herbei-salbaderte, warum "das Niveau von Unterhaltung sehr politisch" sei. Irgendwie. Die Polit-Talkerin fremdelte erkennbar mit ihrem Thema. "Das Leben ist kein Ponyhof und Shakespeare keine englische Biersorte", witzelte Illner zu Beginn der Sendung. Das Zitat verschafft einen ganz guten Eindruck vom Niveau der Restmoderation.

Dabei hatte sie gute Gäste. Da war Thomas Gottschalk, optisch als eine Art Wiedergänger von Maximilian Schell inklusive weißem Schal und Vollbart. Die TV-Produzentin Ute Biernat war die Fachfrau fürs Trash-TV und Zeit-Chef Giovanni di Lorenzo gab gelassen den Anwalt für die Qualität. Einzig Ex-Dschungel-Insasse Mathieu Carrière war ein ganz kleines bisschen überflüssig, störte aber auch nicht weiter.

Das große Problem der Sendung war die Moderation. Mit nervösem Augendeckel-Geklimper und ungläubigem Auflachen staunte Frau Illner ständig, was es da alles zu geben scheint, in dieser so genannten "TV-Unterhaltung", die sie offenbar nur mit sehr spitzen Fingern anfassen wollte. Man ist ja eigentlich so "politisch". Das führte dazu, dass Maybrit Illner selbst älteste Hüte aus dem Schrank holte und so dem Publikum und sich selbst unter viel Gekicher und Geblinzel auseinandersetzte, dass diese, äh, wie heißt die noch?, "Dschungel-Show" ja nicht nur von der "Unterschicht oder Hartzern oder wie man das nennen will" (tatsächlich O-Ton Illner) geschaut wurde. Ach!?

Sogar der heilige Giovanni, der Schutzpatron der Print-Intellektuellen, bekannte sich dazu, die Dschungel-Show geschaut zu haben und dabei gut unterhalten worden zu sein. Di Lorenzo war es auch, der die einzig wirklich vernünftige Frage zum Thema des Abends stellte. Nämlich, warum es ARD und ZDF mit ihrem Milliarden-Budget nicht schaffen, neue kreative TV-Unterhaltungsformate zu entwickeln, sondern immer nur erfolgreiche Formate importieren oder bei den Privatsendern schlecht abkupfern. Die Frage warf di Lorenzo mehrfach in die Runde. Frau Illner schaute ihn dabei an, als sei sie gerade vom Mond eingeflogen und wisse nicht, wovon der lockige Mann da redet.

Weiter ging es es schön durcheinander mit dem verunglückten Samuel Koch bei "Wetten dass..?" und den Bohlen-Sprüchen, der Dschungel-Show usw. Thomas Gottschalk nahm milde lächelnd die zahlreichen Huldigungen wechselweise von Sankt Giovanni und eingeblendeten YouTube-Jubelpersern entgegen. Frau Biernat, die vor der Show offenbar große Vorräte an Kreide verzehrt hatte, erläuterte, warum Casting-Shows "ein ganz tolles Format" sind. Und Grillen-Gourmand Carrière rief die Dschungel-Show im Catweazle-artigen Überschwang gar zum neuen Bildungs-Fernsehen aus und erklärte Twitter und Facebook zur "Zukunft". Carrière: "Twitter und Facebook, das ist die Zukunft!"

Gottschalk war wenigstens für ein paar nette Sprüche gut: "Im Gegensatz zu Peter Alexander konnte ich meine Nachrufe noch lesen." Und: "Natürlich ist der Fasching im Puff lustiger als im Caritas-Altersheim. Aber den muss es auch geben." Er weiß halt, wie’s läuft, der Tommy. Frau Illner rollte wieder ausgiebig mit den Augenbällen und war am Ende sichtlich erleichtert, dass sie "die schöne Diskussion zu einem nicht ganz einfachen Thema" beenden konnte. Am Schluss dokumentierte sie nochmal ihre ganz eigene Vorstellung von unterhaltsamer Moderation, indem sie Mathieu Carrière fragte, welches Camp er denn als nächstes besuche. Catweazle-Carrière guckte da nur komisch. Was soll man auch zu so einer Quatsch-Frage sagen?

Nach dem Qualitätsgefasel konnte man im Zweiten gleich beim Thema bleiben. Nach Maybrit Illner kam Markus Lanz mit seiner Talkshow und empfing Mathieu Carrières Dschungel-Kollegen Rainer Langhans. So läuft die Arbeitsteilung bei moderner TV-Unterhaltung: Die Privaten machen sie und die Öffentlich-Rechtlichen reden darüber.

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