„Linkkauf gängige Praxis in Web und Blogs“

Der Schleichwerbesumpf in der deutschen Blogger-Szene erhitzte die Gemüter. Leser forderten empört die Unabhängigkeit der Berichterstattung von Anzeigen und fragten sich, welchem Blog man noch trauen könne. Im MEEDIA-Interview sagt der SEO-Experte Johannes Beus, Gründer der SEO-Agentur Sistrix, nun sogar: "Den ersten Linkkauf in Deutschland habe ich im Jahr 2000 gesehen. Das ist längst gängige Praxis." Schleichwerbung fängt für ihn erst später an. Fest steht: Blogger können damit viel Geld verdienen.

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Herr Beus, Linkkauf – was ist das eigentlich?

Johannes Beus: Der Hauptteil des Google-Rankings baut auf Verlinkungen auf. Die können gesetzt werden, weil man tolle Inhalte hat. Aber bei gewissen Themen ist das natürlich schwierig. Wer einen Preisrechner für Versicherungen betreibt, wird kaum freiwillige Verlinkungen bekommen. Deshalb ist die Alternative, sich Links anders zu besorgen – durch Käufe oder durch Tauschgeschäfte.

Wie lange existiert diese Praxis schon?

So lange es Google gibt. Den ersten Linkkauf in Deutschland habe ich im Jahr 2000 gesehen.

Wozu kaufen Unternehmen Links auf fremden Seiten?

Das Ziel ist es, ein gutes Suchmaschinen-Ranking bei bestimmten Keywords zu erreichen.

Für wen ist das besonders relevant?

Für Seiten, die richtig Geld verdienen wollen und nicht die Inhalte haben, auf die andere freiwillig verlinken. Portale wie Sueddeutsche.de, Faz.net oder Spiegel.de brauchen das also nicht. Sondern eher Reisevermittler, Preisrechner, Versicherungsvergleiche etc.

Wie verbreitet ist diese Praxis?

Ich gehe davon aus, dass unter den Top 10 der genannten Branchen neun Links auf anderen Seiten kaufen. Auch in anderen Bereichen ist es weit verbreitet.

Welche Rolle spielt der PageRank beim Google-Ranking?

Er ist nur ein Faktor von mehr als 200. PageRank wird zwischen den Werten 0 bis 10 angezeigt, lässt sich aber leicht manipulieren. Wichtiger als der PageRank ist es, bei bestimmten Suchbegriffen weit oben zu stehen.

Warum wurden in der Schleichwerbeaffäre Links in recht kleinen Blogs gekauft?

Google schaut sich die Verlinkungen der Seiten genau an und analysiert, was ein natürlicher Backlinkaufbau ist und was nicht. Ziel der Linkkäufer war es logischerweise, einen natürlichen Backlinkaufbau zu suggerieren, und der basiert eben auch auf kleinen Seiten.

Wenn aber viele Links zu einem Keyword neu hereinkommen, müsste es doch auffallen.

Da die Aktion über einen längeren Zeitraum lief, war das sicherlich nicht so einfach für Google. Es gab auch keine Kennzeichnung als Werbung. Deshalb war es maschinell schwierig zu erkennen. Wenn Links als Werbung gekennzeichnet werden, fließen sie nicht mit ins Google-Ranking ein.

Google hält sich ziemlich bedeckt, spricht immer nur von "Maßnahmen", die es ergreifen würde. Was sind denn die üblichen Maßnahmen gegen Linkkäufer?

Es kann sein, dass der PageRank des Verkäufers herabgesetzt wird. Auf sein Ranking hat das keinen Einfluss. Aber für den Linkkäufer kann es sein, dass die Seite komplett aus dem Google Index genommen wird. Das hätte fatale Konsequenzen für die Firmen.

Warum ist nicht schon früher gegen diese Praxis vorgegangen worden?

Wer sollte denn dagegen vorgehen? Google versucht es im Rahmen des Möglichen. Aber Google will auch alle legitimen Links werten und eine Grenze lässt sich nur schwer ziehen. Je stärker das Unternehmen dagegen vorgeht, desto größer ist das Risiko, dass auch legitime Links aus der Wertung heraus fliegen. Dadurch würden sich die Suchergebnisse verschlechtern.

Würden Sie sich als Leser nicht veräppelt fühlen, wenn Sie nie sicher sein könnten, ob ein Link freiwillig gesetzt oder gekauft wurde?

Da muss man als Leser wohl selbst entscheiden, ob man einem Blog trauen kann oder nicht. Beim Linkkauf geht es wirklich nur um Links und nicht um ganze Beiträge. Auch bei klassischen Medien kann man sich doch nie ganz sicher sein, welche Beiträge aus freien Stücken geschrieben worden sind oder wo PR-Interessen im Hintergrund stehen. Oder wie ist es mit einem Autohersteller, der Journalisten zu einer Probefahrt einlädt, das Hotel bezahlt und dafür einen Link auf seine Seite bekommt? Ist dieser Link dann gekauft?

Welche Summen fließen üblicherweise in diesem Geschäft?

Bei der Geschichte, die Sascha Pallenberg öffentlich gemacht hat, waren es rund 30 Euro pro Link. Häufig ist es aber so, dass Verlinkungen von Unternehmen gemietet werden. Dann bekommen Verkäufer, je nach Größe und Bekanntheit ihrer Seite, 100 bis 200 Euro pro Monat und pro Link.

Wann ist Linkkauf erlaubt und wann gehört er Ihrer Meinung nach verboten?

Juristisch ist er ganz klar erlaubt. Ich glaube aus den bereits genannten Gründen auch nicht, dass man ihn sinnvoll verbieten könnte.

Sie hätten also kein Problem damit, wenn diese Praxis weiterläuft wie bisher?

Genau.

Aber viele haben sich über das Thema aufgeregt.

Das war so eine Geschichte, die durch alle Blogs getrieben wurde. Das kommt alle paar Monate vor.

HRS hat sich sogar öffentlich davon distanziert und seine SEO-Agentur abgemahnt.

HRS ist doch kein Kleinstbetrieb. Ich bin mir sicher, dass sie wussten, was ihre SEO-Agentur treibt. Und diese öffentliche Distanzierung ist eine reine PR-Maßnahme für Google, um sich vor einer Abstrafung im Ranking zu retten.

Wie würden Sie es denn bezeichnen, wenn verdeckt Links im Internet gekauft werden?

Linkkauf ist definitiv keine Schleichwerbung. Es ist gängige Praxis im Internet und in Blogs.

Wo fängt dann Schleichwerbung an?

Wenn ganze Beiträge gekauft werden, die nicht als Werbung gekennzeichnet sind, finde ich das nicht in Ordnung.

Enthüllt hat diese Blogger-Affäre Sascha Pallenberg. Er hat sie anfangs als "Tsunami" bezeichnet. Was würden Sie abschließend dazu sagen?

Ich würde sagen, das war eher ein Sturm im Wasserglas. Mit einem Effekt, der für Pallenberg auch noch nach hinten losging.

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