OpenLeaks will nicht selbst leaken

Wikileaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg hat seine Pläne für das Alternativportal OpenLeaks konkretisiert. Auf einer Veranstaltung in Berlin sagte er am Dienstagabend: "Wir werden niemals auch nur ein einziges Dokument veröffentlichen." Dem Stern erzählte Domscheit-Berg zudem, er und andere Aktivisten hätten bei ihrem Abgang im Spätsommer sowohl Dokumente als auch Teile des Systems von Wikileaks mitgenommen – und die Plattform des Julian Assange damit geschwächt.

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Dass sich die angestrebte Plattform OpenLeaks in erster Linie als technischer Dienstleister versteht, das hatte Daniel Domscheit-Berg schon früher deutlich gemacht: Der 32-jährige Informatiker will Informanten helfen, beim Durchstechen von brisantem Material an die Öffentlichkeit anonym zu bleiben. Nun aber überraschte Daniel Domscheit-Berg auf einer Veranstaltung der Heinrich Böll Stiftung (Grüne) mit der konkreten Ankündigung, auf seinem Portal nicht selbst leaken zu wollen: "Wir werden niemals auch nur ein einziges Dokument veröffentlichen."
Domscheit-Berg sagte weiter, OpenLeaks werde das Material lediglich an seine Partner weiterleiten – bereinigt um Spuren wie Meta-Daten in den Dateien. Informanten könnten sich dafür entscheiden, ob sie ihre Dateien sofort allen OpenLeaks-Partnern zur Verfügung stellen wollten oder aber zunächst exklusiv nur einem. "Nach dem Ablauf einer vom Informanten selbst gesetzten Sperrfrist geht das Material aber am Ende in jedem Fall allen Partnern zu", sagte Domscheit-Berg. Ziel sei es, das geleakte Material möglichst breit zu verteilen. Ob letztlich aber jedermann Zugriff auf die Dateien erhalte, sei offen: Es liege an den Partnern, ob sie die Quellen lediglich auswerteten oder auch komplett veröffentlichen – auf ihren eigenen Seiten.
Dass OpenLeaks nun keine frei zugängliche Datenbank mehr plane, verblüffte das Berliner Publikum, darunter Netzaktivist Markus Beckedahl und die Sprecherin des Chaos-Computer-Clubs, Constanze Kurz. Sie entgegnete Domscheit-Berg empört: "Dann brauchen wir Sie ja gar nicht mehr!" Informanten könnten sich doch auch direkt an Medien oder Verbände wenden – auch anonym (Anm. d. Red.: Zeitungen starten teilweise selbst Plattformen, um die Anonymität von Datei-Lieferanten zu wahren, hierzulande unter anderem die WAZ). Domscheit-Berg sagte dazu, unter den angeschlossenen Partnern könnten durchaus auch Seiten sein, die sich auf das vollständige Leaken von brisantem Material spezialisiert hätten. Auch Wikileaks sei als Partner vorstellbar, "wenn sie unsere Standards erfüllen", so Domscheit-Berg.
Anders als Wikileaks derzeit setze er bei seinen Partnern aber vor allem darauf, dass unwesentliche Informationen in den Dokumenten anonymisiert würden. In seinem Buch "Inside Wikileaks", das er an diesem Donnerstag vorstellen wird und das unter Mitarbeit von Zeit-Online-Redakteurin Tina Klopp entstanden ist, werde er unter anderem diese Erfahrung aus dem Innenleben des Projekts berichten: "Alle Medienpartner – der Spiegel, die New York Times, der Guardian – haben Assange gebeten, die Dokumente aus Afghanistan um Angaben Unschuldiger zu bereinigen. Assange hat diese Zusage zwar tatsächlich gegeben, aber nur den Partnern, nicht uns. Wir haben fünf Tage vor Veröffentlichung davon erfahren, beiläufig und viel zu spät, um abertausende Dokumente zu schwärzen."
Der Wikileaks-Aussteiger versprach vollständige Transparenz für sein Projekt OpenLeaks. So werde "in den nächsten Tagen" im OpenLeaks-Blog ein Eintrag online gehen, das erste Spenden konkret benenne. Damit wolle er sich von Wikileaks unterscheiden, dessen Finanzlage bis heute teils noch im Verborgenen gehalten werde. Auf die Frage, wie er OpenLeaks finanzieren wolle, sagte Domscheit-Berg, er baue auf Spenden seiner Partner, nicht aber auf eine feste Gebühr. Den Kreis seiner Partner wolle er zudem begrenzt halten: Die Hälfte der angeblich technisch begrenzten Anzahl an "Slots" solle per Online-Voting bestimmt werden können, die Hälfte von Domscheid-Bergs OpenLeaks selbst. Partner könnten sowohl klassische Medienhäuser sein, aber auch Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs), also etwa Verbände wie Greenpeace oder Transparency International. Außerdem hoffe Domscheit-Berg auf eine Stiftung, die gleich mehrere Transparenz-Projekte fördere.
Zu Wikileaks äußert sich Domscheit-Berg, der einst Sprecher der Plattform war, am Donnerstag dieser Woche im Stern. Laut einer Vorabmeldung berichtete Domscheit-Berg, er habe mit seinem Ausstieg im Spätsommer 2010 sowohl einige noch unveröffentlichte Dokumente mitgenommen als auch Teile des Systems. Wikileaks habe die Sicherheit der Informanten "nicht mehr garantieren" können. Die Plattform kranke derzeit an vielen Ecken. So habe sie nicht einmal mehr eine verschlüsselte Seite, beklagte der Informatiker. Assange sei offenbar zu beschäftigt damit, den vorhandenen Datenschatz "auszuschlachten", so Domscheit-Berg, der sich am Dienstagabend in Berlin für eine Debatte über die Grenzen der Transparenz aussprach: " Es gibt definitiv einen Bedarf dafür, etwas geheim zu halten – so wie es auch ein Interesse an einem Recht gibt, Geheimnisse brechen zu dürfen."

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