Raab-Absturz mit Lena-Dauerwerbesendung

Lange Zeit hielt sich standhaft das Gerücht: In Sachen TV-Unterhaltung ist Stefan Raab unfehlbar. Seit dem gestrigen Montagabend ist jedoch klar: Er kann auch scheitern. Der Versuch, mit der Publikums-Auswahl des nächsten Eurovision-Songs von Lena ein TV-Event zu konstruieren, ist misslungen. Statt kurzweiliger TV-Unterhaltung, gepaart mit großen Gefühlen dank überzeugender Gesangsbeiträge, wurde die Show zu einer einzigen Dauerwerbesendung für das neue Lena-Album, dass – passenderweise – heute erscheint.

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Den Machern der Show hätte auch vorher schon klar sein müssen, dass "Unser Song für Deutschland" eine zähe Veranstaltung werden würde. Rund vier Stunden Sendezeit spendierte ProSieben für das Vorführen von lediglich zwölf Liedern. Die Folge: Um die Pausen zwischen den Werbeblöcken sinnvoll zu füllen, wurde immer mindestens ein Lena-Lied aufgeführt, die jeweiligen Komponisten in einem langen Film vorgestellt und nach den Stücken ausgiebig die Jury befragt. 
In der ersten Folge gaben sich der Graf und Silbermond-Sängerin Stefanie Kloß größte Mühe, möglichst Handzahm dem Meister Raab nach dem Mund zu reden. Der Lena-Entdecker und -Produzent konnte sowieso nichts Kritisches sagen, weil er damit über seine eigene Arbeit hergezogen wäre. 
Als direkte Reaktion auf die erste Folge gaben sich gestern dann Anke Engelke und Joy Denalane möglichst viel Mühe, kratzbürstig zu wirken. Bei Engelke ist das ja noch charmant. Bei der Soulsängerin kippte das jedoch in eine besserwisserische Arroganz, wie sie selten im TV zu sehen ist. Denalane versuchte mit vielen englischen Fachausdrücken ihr Expertenstatus zu verteidigen, doch das Getue hätte sie sich ruhig sparen können. Denn selbst das musikalisch ungebildetste Publikum hörte, dass das Songmaterial – im Gegensatz zur ersten Sendung – bis auf zwei Ausnahmen weitestgehend dröge war. 
Zudem nahmen die eher ruhigen Nummern Lena einer ihrer größten Stärken: Kaum jemand in Europa kann mit soviel ersichtlichen Spaß eine beschwingte Nummer auf die Bühne bringen wie die 19-jährige Hannoveranerin. Das Kalkül war klar: Mit den vielen eher zurückgenommen Tracks wollten Raab und Lena zeigen, dass die Sängerin erwachsener geworden ist. Das ist zwar schön für ihre Persönlichkeitsentwicklung, aber schlecht für ein letztendlich vierstündiges TV-Format, das eigentlich nur unterhalten will. 
Trotzdem: Die Qualität der Kompositionen war vorzüglich, und es war ein Zeichen von höchstem Respekt, dass die Produzenten jeden Songwriter in einem langen Einspieler vorstellten. Doch letztendlich entstand ein gegenteiliger Effekt. Statt der geplanten Anerkennung der Komponisten wirkten die Filmchen mehr wie Making-Of-Clips, die gerne zum Zweck einer besseren Vermarktung produziert werden. Manchmal fehlte in den Einspielern nur noch die Teleshopping-Telefonnummer unter der der Track zu erwerben ist. 
Bei aller Kritik bleibt jedoch noch immer die eigentliche Kernfrage: Hat einer der vorgestellten Songs eine Chance beim Projekt Grand-Prix-Titelverteidigung? Die Antwort ist ein entschiedenes Jein. Drei Stücke haben das Potenzial, zumindest eine Top-Platzierung zu holen: Neben "Taken by a Stranger" sind es zwei Nummern, die aus der Feder von Lena und Stefan Raab stammen. Nun ist man wieder versucht zu hoffen, dass Raab vielleicht doch unfehlbar ist.
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