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Der blasierte Herr Gniffke und sein Alibi-Blog

Wer als (selbst-)kritischer Medienmensch den Tag beginnt, sollte am besten einen großen Bogen um das Blog von Dr. Kai Gniffke machen, um seine möglicherweise gute Laune nicht aufs Spiel zu setzen. Es besteht nämlich die Gefahr, dass der "Tagesschau"-Chefredakteur denen die Leviten liest, die seine Sendung nicht ganz so toll finden wie er. Denen bescheinigt er schon mal, dass sie "böswillig" sind oder schlicht nichts von Qualität verstehen. Aktueller Fall: der TV-Auftritt von Monica Lierhaus.

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Immer wenn die letzte Nachrichten-Sendung auf der Schiene ist, scheint beim Verantwortlichen der ARD-Informationszentrale die Stunde des Sinnierens anzubrechen. So notierte er um 0:24 Uhr am Dienstag unter der Headline "Monica Lierhaus" zwei Tage nach dem überaus aufsehenerregenden Auftritt der früheren ARD-Sportmoderatorin bei der Gala zur Verleihung der Goldenen Kamera u.a. Folgendes: "In ihrem Auftritt steckte die ganze Energie, der Wille und die Beharrlichkeit, mit der sie ihrem Schicksal trotzt." Und gerät geradezu ins Schwärmen: "In ihrem Blick war die unprätentiöse Freundlichkeit, die ich schon seit Jahren an dieser Frau schätze. Sie ist ein Star, aber sie hat keine Star-Allüren."
Gniffkes Problem: All das, was er sieht, war für den Zuschauer der "Tagesschau" tabu. Und obwohl er an anderer Stelle einräumt, dass der Auftritt "niemanden kalt gelassen hat" und auch "auch in der ‚Tagesschau‘-Redaktion ein großes Gesprächsthema" war, verschweigt der Chefredakteur dabei das Wesentliche: dass die Menschen bei aller Freude über ein Wiedersehen mit Monica Lierhaus vor allem darüber redeten, wie schwer die Moderatorin von den Folgen einer missglückten Hirnoperation gezeichnet ist.
So etwas, glaubt Gniffke, gehört nicht in eine Nachrichtensendung: "Wenn man ein Ereignis auf seine Relevanz abklopft, würde man dieses Thema wohl nicht in der ‚Tagesschau‘ senden." Aber selbst im überaus qualitätsorientierten öffentlich-rechtlichen News-Headquarter kann man sich dem Ruf der Straße offenbar nicht völlig entziehen. Gnädig konstatiert Gniffke: "Es war und ist bis heute von so hohem Gesprächswert, dass wir diesen Auftritt in der ‚Tagesschau‘ am Sonntag haben mussten." Selbstverständlich nicht so, wie er anderswo behandelt worden wäre, man ist schließlich beim Qualitäts-Marktführer: "Nur haben wir es eben auf unsere Art und Weise vermittelt, auf eine Weise, die sich doch sehr von anderen Nachrichtenanbietern unterscheidet. Wir machen es nicht als langen Beitrag, sondern als kurzen Nachrichtenfilm."
Gniffke serviert eine überaus krude Argumentationskette, bei der die "Tagesschau" niemals verlieren kann. Was in der Sendung fehlt, genügt eben nicht dem öffentlich-rechtlichen Anspruch, was gesendet wird, muss auf eben diesen hingetrimmt werden – egal, ob der Beitrag dem Thema gerecht wird oder, wie im Fall des Lierhaus-"Kurzfilms", im Grunde komplett unverständlich ist. Die "Tagesschau" sendete mit 20 Stunden Vorbereitungszeit einen Einspieler, der neben einigen Preisträgern der Goldenen Kamera eine Mini-Sequenz der ins Bild trippelnden Monica Lierhaus zeigt, verbunden mit der eher nebensächlichen Information, dass der 40-Jährigen ein Sonderpreis verliehen worden war.
Hallo Herr Gniffke: Wer so etwas ausstrahlt und verantwortet, handelt nicht mit Anstand, sondern bevormundet seine Zuschauer in einer schlimmen und grotesken Weise. Hier wird ein Ereignis in nicht nachvollziehbarer Weise bis zur Unkenntlichkeit verschnitten und reduziert, mancher würde sagen: zensiert. Und als leitender ARD-Mitarbeiter sollte sich Gniffke für die Art schämen, wie hier mit dem selbstbewussten Auftritt einer Kollegin umgegangen wird. Der Chefredakteur hat entschieden, dass die zuvor für ein Millionenpublikum offensichtlichen Behinderungen ausgeblendet werden und dass seine Zuschauer, von der Kernbotschaft von Lierhaus nichts erfahren: dass sie wieder vor der Kamera stehen und moderieren will. Da wundert es nicht, dass Gniffke auch am folgenden Tag keinen Grund zu einer Meldung sah: "Heute waren wir uns einig, dass nicht unbedingt eine Lierhaus-Meldung in der 20Uhr sein muss. Dafür war die Mitteilung über ihr Engagement für die Fernsehlotterie nicht stark genug."
Leider ist der Umgang mit dem Thema Monica Lierhaus kein Einzelfall eines Fehltritts des ARD-Nachrichtenmacher. Schon das elend lange Herumgeeiere mit der Nachricht von der Verhaftung des ARD-Moderatoren Jörg Kachelmann im vergangenen Frühjahr war ein Tiefpunkt im Umgang mit News und dem Anspruch des Publikums zu erfahren, dass der Mann, der sonst nach den Nachrichten das Wetter ansagt, eben nicht im Urlaub oder sonstwie verschollen ist. Realität schafft Fakten, an denen man nicht aufgrund irgendeines selbst erdichteten Qualitäts-Postulats vorbei kann. Nur hat sich dies bis zu Kai Gniffke offenbar noch nicht herumgesprochen.
Sicherlich ist es nicht die Schuld des aktuellen Chefredakteurs, dass die "Tagesschau" bei vielen Zuschauern im Verruf steht, in vielen Fällen Zusammenhänge nicht zu erklären oder transparent zu machen, in besonderer Weise Verlautbarungs-Journalismus zu betreiben und besonders viel Sendezeit damit auszufüllen, Politiker-Pressekonferenzen beigewohnt zu haben. Vielleicht sind das einige der Gründe, warum so viele junge Leute den ARD-Nachrichten fernbleiben. Das hat eine gewisse Tradition, und es ist davon auszugehen, dass dies – Anspruch hin oder her – die Zuschauer der "Tagesschau" nicht gerade schlauer macht. Und es würde einen eigenen kritischen Beitrag füllen zu sondieren, wie ungleich die Startbedingungen von frei finanzierten Medien im Vergleich zum überaus üppig mit Gebühren ausgestatteten öffentlich-rechtlichen Fernsehen gerade bei der Berichterstattung im Ausland sind. Das alles kann man noch hinnehmen, schließlich gibt es viele Alternativ-Quellen für diejenigen, die es genauer wissen wollen.
Wenn aber wie jüngst bezüglich der Ägypten-Berichterstattung (zu Recht!) von der FAZ Kritik daran geübt wird, wie die "Tagesschau" mit der Eskalation im Land umgeht und wie sie die dortigen bürgerkriegsähnlichen Zustände abbildet, dann die Persil-Bescheinigung in eigener Sache, mit der Gniffke reflexartig kontert, peinlich und unangemessen. Qualität ist nämlich nicht grundsätzlich gleich Sendezeit, und es geht nicht darum, dass die "Tagesschau" – übertragen gesprochen – aufgefordert werde, "jede Rede von Fidel Castro live zu zeigen", wie der Chefredakteur behauptet. Und es wundert auch nicht, dass er sich hier im Blog auch eine verbale Entgleisung Richtung Frankfurter Allgemeine Zeitung leistet: "Ganz apart finde ich obendrein, dass man uns als Leuchttürme des Journalismus arabische Nachrichtenkanäle vorhält." Man muss Al-Jazeera nicht mögen, um mitzubekommen, dass den Reportern am Nil von Nachrichten-Profis aus aller Welt ein besonders guter Job bescheinigt wird.
Der Vergleich mit anderen Medien, so scheint es, ist für Gniffke kein Maßstab, weder im eigenen Land noch international. Wer das anders sieht, findet sich womöglich bald in einem selbstgerechten Web-Beitrag des Chefredakteurs wieder – das Blog als selbst erteiltes und Grimme-Preis-gekröntes Qualitäts-Alibi, das nur einem nicht gerecht wird: der gefühlten und tatsächlichen Realitäten seiner Sendung.

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