„Eiskalt den Rücken heruntergelaufen“

Der Auftritt von Monica Lierhaus am Samstagabend zum Abschluss der Verleihung der Goldenen Kamera in Berlin war eine Sensation: medial wie medizinisch. Ihre Rückkehr auf eine Millionenbühne wie aus dem Nichts beschäftigt die Medien auch am Montag. Die Reaktionen reichen von Rührung und Ergriffenheit bis hin zur Irritation. Auch wenn die Kommentare dem tapferen Auftritt der nach einer Gehirnblutung schwer gehandicapten Moderatorin Achtung zollen, so gibt es auch leise Kritik an der Inszenierung.

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Michael Hanfeld in der FAZ: Im Showgeschäft gibt es viele Momente voller falscher Gefühle und kalkulierter Emotionalisierung, doch gibt es auch wahre Momente wie an diesem Abend, die für Zyniker gleich wieder etwas Irritierendes und Schockierendes haben. Einen Moment wie jenen etwa, in dem der Schauspieler Thomas Kretschmann den verstorbenen Filmproduzenten Bernd Eichinger als „Naturgewalt“ und „Unikat“ würdigte und erst recht jenen, in dem Monica Lierhaus, von ihrer Krankheit noch sichtlich gezeichnet, vorsichtig die Bühne betrat und sagte: „Da bin ich.“

Süddeutsche Zeitung: Nur wenige Minuten später übrigens findet sich bei Bild.de ein ausführlicher Bericht über Monica Lierhaus‘ Rückkehr ins Leben, für den "es im Vorfeld dieses Auftritts zu gemeinsamen Treffen kam, zu Gesprächen". Man kann also getrost sagen, dass Springer – einem der Verlage, der mit seinem großen Interesse an Monica Lierhaus‘ Gesundheitszustand immer wieder aufgefallen war – mit der Hilfe des übertragenden Senders ZDF ein ziemlicher Coup gelungen ist.

Peer Schader für Spiegel Online: Im Saal hatten viele Gäste mit den Tränen zu kämpfen. Sichtlich angeschlagen erklärte die 40-Jährige, sie kämpfe sehr hart dafür, ihre Eigenständigkeit wiederzuerlangen und bedankte sich für den Ehrenpreis, den sie an diesem Abend verliehen bekam. "Ab heute möchte ich wieder an meiner Zukunft arbeiten", versprach sie und fing gleich damit an: Sie machte ihrem Lebensgefährten auf der Bühne einen Heiratsantrag. Das war bewegend und irritierend zugleich – vielleicht, weil es so überraschend kam, vielleicht weil es eine ungewöhnliche Art und ein ungewöhnlicher Ort ist, sich nach schwerer Krankheit in der Öffentlichkeit zurückzumelden.

Welt Online: Sie tippelt noch. Und sie ist heiser. Doch Monica Lierhaus‘ erster Auftritt nach zwei Jahren inklusive Heiratsantrag war eine kecke Kampfansage an das Leben.

Focus Online: Die Rückkehr als großer Fernsehmoment … Monica Lierhaus hat auch in der schwersten Phase ihres Lebens den Humor nicht verloren: Frau Meyer nennt sie ihren Rollstuhl. Sie hat ihn stehen lassen, als sie vor die Kamera zurückkehrte.

Ulrike Simon in der Frankfurter Rundschau: Als Lierhaus nun nach stehendem Applaus der Saalgäste ihre Rede hielt, schwenkten die Kameras immer wieder ins Publikum. Kaum jemand lächelte. Die meisten saßen da, mit vor Schreck geweiteten Augen. Nina Ruge kullerte eine Träne aus den Augen, Inka Bause zückte ein Taschentuch, Herbert Knaup schlug die Hände vors Gesicht. ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein sagte später, sie habe sich sehr gefreut, gleichzeitig sei es ihr „eiskalt den Rücken heruntergelaufen“. Offenbar hatten viele noch das Bild der quirligen, eloquenten Sportschaumoderatorin vor Augen. (…) Als Monica Lierhaus’ Krankheit bekannt wurde, bat der Norddeutsche Rundfunk die Medien, ihre Privatsphäre zu achten. Der Hamburger Promi-Anwalt Matthias Prinz verklagte alle, die Details veröffentlichten. Nicht einmal der Name der wenig bekannten Krankheit sollte genannt oder erklärt werden, was ein Aneurysma ist. (…) Nach raren Berichten, unter anderem in Bunte, war es zuletzt ruhig geworden um Monica Lierhaus. Das dürfte mit ihrem Auftritt während der Goldenen Kamera und der Titelstory, für die sie sich Bild am Sonntag zur Verfügung gestellt hat, vorbei sein, auch wenn es nun heißt, sie werde keine Interviews geben. Durch ihre Ankündigung, daran arbeiten zu wollen, „irgendwann wieder vor der Kamera stehen zu können“, noch dazu einem öffentlichen Heiratsantrag vor Fernsehkameras macht sie sich – wieder – zu einer öffentlichen Person, deren Anspruch auf Privatheit dem Interesse der Medien und eines Millionenpublikums gewichen sein dürfte.

Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ): „Da bin ich“, sagt Monica Lierhaus. Überraschend ist das und rührend. Aber auch ein wenig irritierend. Man hat sie ja nicht vergessen. Man hat Monica Lierhaus nur nicht erwartet. Nicht hier, nicht an diesem Abend. Nicht, nachdem über zwei Jahre so gut wie nichts von ihr zu hören war. Auch, weil sie das so wollte. (…) Es war schön, sie zu sehen, auch wenn die Spuren auf schmerzliche Weise verdeutlichen, wie weit ihr Weg noch sein wird.

Augsburger Allgemeine: Viele Fernsehzuschauer reagierten im Internet tief beeindruckt. Auf der Facebook-Seite der ZDF-Sendung "Leute heute", die der Goldenen Kamera im Anschluss ein Spezial widmete, meldeten sich noch in der Nacht viele Menschen zu Wort. Eine Nutzerin etwa schrieb: "Als Monica Lierhaus die Bühne betrat, bekam ich Gänsehaut und einen Kloß im Hals. Tief im Inneren hatte ich gehofft, dass sie wieder fast die ‚Alte‘ ist. So war ich noch mehr gerührt, dass sie so tapfer und stark ist, als ’neue‘ Monica Lierhaus aufzutreten."

Der Tagesspiegel: Mit kleinen, mühsamen, fast roboterhaften Schritten kehrte Monica Lierhaus am Samstagabend ins Rampenlicht zurück. (…) Man hatte über die Krankheit von Monica Lierhaus gehört und spekuliert, aber auf diesem Glamour-Gipfel der Schönen und Perfekten damit konfrontiert zu werden, wie erbarmungslos das Schicksal gerade auch eine schöne und perfektionshungrige Frau treffen kann, und wie viel Kraft es kostet, dagegen anzukämpfen, das schien zunächst Schockwirkung zu haben. Viele schlugen die Hände vors Gesicht. (…) In der Atmosphäre der Ergriffenheit schafften es nur wenige, ambivalente Gefühle zu äußern, die diese Zurschaustellung auch hervorrufen kann. Der Regisseur Dieter Wedel war einer von ihnen. „Ich hätte auf das Eheversprechen am Ende verzichten können. Ich meine, wir müssen aufpassen, dass nun nicht alles zur Show, zur Soap Opera verkommt.“

Kolumnist Franz-Josef Wagner in Bild: Sie waren die beste Sportreporterin, cool, frech. Die Frau, die wir bei der „Goldenen Kamera“ sahen, war zuerst ein Schock. Ihre Stimme war nicht die Stimme der Monica Lierhaus. Sie waren Monica Lierhaus II. Ich denke, dass Sie heute die noch bessere Monica Lierhaus sind. Die wahre. Die coole. Die Fighterin. Sie kämpften gegen den Tod. Sie waren schon fast tot und jetzt leben Sie. Sie tippelten tapfer auf die Bühne. Mühsam setzten Sie ein Bein vor das andere. Sie sind ein zweiter Mensch, ein Mensch von früher und ein Mensch danach. Als ich Sie so bei der „Goldenen Kamera“ sah, musste ich weinen. Ich weiß nicht, ob ich so viel Kraft hätte wie Sie. Ihre Reise vom Tod zum Leben ist ein Wunder.

Bild.de fragt: "Wieso hat sich die Tonlage der Sportmoderatorin so verändert?" und gibt die Antwort: "Sie hatte eine Sprechstörung, musste neu lernen, Laute zu formen. Wahrscheinlich benutzt sie jetzt andere Muskeln in Rachen oder Zunge als vorher, dadurch klingt ihre Sprech-Melodie anders."

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