GEO Special 2011: Weltreise in Heften

Trau keinem über 30: Wer dem alten Sponti-Spruch folgen wollte, dürfte das GEO Special eigentlich nicht mehr kaufen. Für die Blattmacher des G+J-Titels ist das Jubiläum zum Jahreswechsel der Anlass, sich selbst etwas zu trauen: Die Redaktion legte in allen Bereichen Hand ans Magazinkonzept und präsentiert mit der Ausgabe 1/2011 eine grundüberholte Variante. Dabei geht man bei GEO Heftüberarbeitungen traditionell weniger aufgeregt und marketinggetrieben an als anderswo - und das ist gut so.

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Obwohl das Cover, viele grafische Elemente "angefasst" und sogar die Schriften ausgetauscht wurden, werden viele Leser zwei Mal hinschauen müssen, bevor sie den Facelift bemerken. Am auffälligsten sind die Änderungen für das geschulte Auge auf dem Cover. Das Logo wirkt harmonischer, prägnanter und doch zurückgenommen: Bei gleich gebliebenem Format bleibt mehr Platz für die Titeloptik, der Gesamteindruck ist großzügiger.

So sehen die künftigen Cover aus (li.), daneben der frühere Look

Nicht angetastet wurde die Matrix des Heftes, das sich weiter der Grundidee "Die Welt entdecken" verschreibt. Dieses Leitmotiv treibt GEO Special seit drei Jahrzehnten an. Für Redaktionsleiterin Meike Kirsch ist das Magazin, wie sie im Editorial der Jubiläums-Ausgabe schreibt, "eine Weltreise in Heften; das Entdeckermagazin von GEO", das die Leser "zu Ortskennern macht, noch bevor (sie) abfliegen." Thematisch bedient das Heft eher die Sparte; es widmet sich den Ländern Syrien und Jordanien. Weitaus breitere Leserschaften dürften die folgenden Specials im Jubiläumsjahrgang finden, die Rom, Mecklenburg-Vorpommern, New York und Brasilien zum Thema haben. Zum Abschluss gibt es noch eine originelle Zugabe, die viele Träume bedienen dürfte: das Special Weltreise.
Was hat sich im Magazin geändert? Reduziert wurde im Lauf der Jahre der Anteil der Service-Details zum Zurechtfinden in fernen Ländern. Für GEO-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede ist dies Folge der veränderten Leserbedürfnisse: "Das kleine Einmaleins des Reisens ist inzwischen gelernt. Und Hotelauflistungen gibt es reichlich im Internet. Deshalb haben wir unseren Service umgestellt: auf besondere, sehr individuelle Empfehlungen, auf ausgesuchte Erlebnisberichte."
Die  wichtigsten Ziel-Informationen finden sich nun übersichtlich auf einer Doppelseite in der Startrubrik Kompass zusammengefasst. Neu im Heft sind nun Service-Elemente, die mehr die Kompetenz der Reiseprofis zeigen: individuelle Buch-, Surf- oder DVD-Empfehlungen etwa. Hinzu kommt auch das Ranking der "unvergesslichen Erlebnisse", das als Top 5-Liste in Kurzform abgebildet ist. Recht originell ist die Idee, Reisende vom Nachher-Wissen früherer Touristen profitieren zu lassen. Die Redaktion löst dies durch die Rubrik "Beim nächsten Mal", in der erklärt wird, was Reisende beim nächsten Besuch der Region anders machen würden.

Die Leser von GEO Special bekommen aber auch insgesamt ein anderes, wertigeres Magazin als die vielen einschlägigen Hefte von der Stange. "Im Reisejournalismus", sagt Chefredakteur Gaede, "sind Einladungs- und Gruppenreisen, veranstaltet von Touristikern, mittlerweile Standard. Wir ziehen es vor, auf eigene Rechnung unterwegs zu sein, unabhängig, unbeeinflusst. Und wir glauben, dass unsere Leser die Glaubwürdigkeit der Ergebnisse schätzen." Dies ist auch im Jubiläumsheft sichtbar, beispielsweise bei einem Feature über die Stellung der Frau in der jordanischen Gesellschaft. Da steckt ein anderes Verständnis dahinter als bei Führern, die ein Netz von Sehenswürdigkeiten stricken, und es erfordert und bedient ein anderes Bewusstsein bei den Reisenden, die sich auf komplexere Art mit der Region auseinandersetzen (müssen). Vielleicht ist dies einer der wesentlichen Gründe für den nachhaltigen Erfolg der GEO-Familie. In den Worten von Gaede klingt das schlicht so: "Wir versuchen, den Lesern etwas mehr zu vermitteln als Stadt-, Land-, Fluss-Wissen."
So ist die wesentliche Motivation bei der Titelüberarbeitung die Anpasssung des Grundkonzepts auf die moderne Reiserealität. "In der globalisierten Welt ist Reisen zu einer größeren Selbstverständlichkeit geworden", sagt Peter-Matthias Gaede. Aber: "Gleichzeitig ist es entzaubert, ist eine gewisse Unbeschwertheit verflogen. Anschläge, Revolten, Dürren, Überschwemmungen: Wir wissen, dass sie uns begegnen können. Zum Hintergrundrauschen vieler unserer Bewegungen gehören Ökologie und Klimawandel. Und dieser veränderten Form der Wahrnehmung der Welt tragen wir Rechnung." Für das Magazin bedeutet dies: "Unser Ziel bei der Überarbeitung der GEO Specials war es, auf Augenhöhe mit den real existierenden Reisenden zu agieren, also nicht zu aseptisch zu sein, nicht in der Komfortzone des klimatisierten Unterwegsseins zu verharren", sagt Gaede. "Außerdem sollen die GEO Specials jünger werden und frischer, mehr Überraschung und weniger Standards bieten." Heruntergebrochen auf einzelne Artikel heiße das: "GEO Special-Reportagen sind der Gegenentwurf zum Katalog. Mitunter sind sie im besten Sinne des Wortes exzentrisch."

Dabei beschwört der Chefredakteur die im Pauschaltourismus und dem verbreiteten Reise-Hopping umgeben von internationalen Hotel- und Fast Food-Ketten vielfach verdorrte ursprüngliche Begegnungserlebnis mit fremden Ländern und Kulturen: "Es geht auch um das Pathos des Reisens, darum, sich in einer besonderen Aura eines Reiseziels auszusetzen und sie im Heft spürbar werden zu lassen." Wem das zu verkopft klingt, für den hat Gaede auch eine ganz bodenständige Antwort in der Sache: "Es ist unser Anspruch, Reisen zu einer aufregenden Form des Lernens zu machen, ohne Betulichkeit."
Der Relaunch des Heftes könnte dem Heft auch aus wirtschaftlicher Sicht gut tun. Geo Special hat in den vergangenen zehn bis zwölf Jahren viele Käufer verloren. Wurden im Jahresdurchschnitt der vier IVW-Quartale 1999 noch 205.100 Magazine abgesetzt, waren es 2006 nur noch 93.436. Mehr als die Hälfte der Käufer sprangen also ab. Seit 2006 stagniert die verkaufte Auflage auf diesem Niveau und schwankt um die 90.000er Marke. 2010 landete das Magazin zuzüglich der Verkäufe älterer Ausgaben, die vielerorts noch erhältlich sind, genau bei 90.000. Davon entfielen 64.898 Exemplare auf den Einzelverkauf, 22.396 auf Abos. Der Brutto-Werbeumsatz des Magazins lag laut Nielsen 2010 bei 1,572 Mio. Euro – ein Minus von 0,145 Mio. Euro bzw. 8,4%.
Für alle Leser, die sich auf das neue GEO Special einlassen, hat der Verlag die Hoffnung auf die Erfüllung des alten Lebenstraums im Gepäck: Beim "Jubiläumsrätsel" winkt eine Weltreise zu zweit, 10.000 Euro Spesengeld inklusive. 

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