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Der holprige Start von Facebook Messages

Mehr als zehn Wochen nach der offiziellen Ankündigung hat Facebook endlich seinen neuen Message-Dienst freigeschaltet. Mail, SMS und Chat werden zusammengeführt, externe Mail-Wechsel sind unter der Endung @facebook.com möglich. Leider strotzt die Startversion nur so vor Kinderkrankheiten. Mails sind verschwunden oder werden eigenwillig in Unterordner sortiert. Zudem gespenstisch: Alle Chat-Protokolle werden ab sofort im Gesprächverlauf gespeichert.

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Mehr als zehn Wochen nach der offiziellen Ankündigung hat Facebook endlich seinen neuen Message-Dienst freigeschaltet. Mail, SMS und Chat werden zusammengeführt, externe Mail-Wechsel sind unter der Endung @facebook.com möglich. Leider strotzt die Startversion nur so vor Kinderkrankheiten. Mails sind verschwunden oder werden eigenwillig in Unterordner sortiert. Gespenstisch: Zudem gespenstisch: Alle Chat-Protokolle werden ab sofort im Gesprächverlauf gespeichert.

Die Motivation ist klar: Nach dem Like-Button, dem bis dato wohl genialsten Schachzug in der unendlichen Facebook-Saga, hat das weltgrößte soziale Netzwerk nun sein nächstes trojanisches Pferd in die Online-Welt schleusst – sein neues Nachrichtenssystem, das unter der Endung @facebook.com auch mit Nicht-Mitgliedern kommuniziert.

Nicht nur der Rest der Onliner soll offenbar zu Facebook bekehrt werden, sondern auch alles natürlich viel besser und einfacher werden: Es geht Facebook um nicht weniger als Kommunikation der nächsten Ebene. Und die findet eben inzwischen auf allen Kanälen statt – Email, SMS, Instant Messaging inklusive. "Email ist einfach zu langsam", versuchte Zuckerberg die seit 15 Jahren vorherrschende elektronische Kommunikationsnorm bei der Produktvorstellung Mitte November zu beerdigen. SMS, Chat und Mail werden daher bei Facebook in einer einzigen Unterhaltung verschmolzen.

Dumm nur, wenn in der Praxis erst mal einiges schief geht. Ob man das neue Nachrichten-System ausprobieren wolle, fragt Facebook seine Mitglieder seit Ende vergangener Woche rhetorisch: Denn beim Ausprobieren bleibt es natürlich nicht – ein Klick, und man wird nie wieder zu seiner gewohnten Mail-Umgebung zurückkehren können. Genau wie beim Klick auf das neue Profil vor zwei Monaten gibt es kein Zurück mehr!

Das ist höchst ärgerlich, denn das Nachrichtensystem ist – so reizvoll eine Vereinigung aller Kommunikationskanäle auch sein mag – voller Fehler und Verschlechterungen:

Mails fehlen

Als augenscheinlichstes Feature bündelt Facebook alle Mails eines Nutzers in einem einzigen Thread. Das klingt reizvoll, ist in der Praxis aber sehr ungenau umgesetzt. Einige Mails sind schlicht verschwunden! Einige – vor allem kurze, unbeantwortete – finden sich bei detaillierter Suche im Unterordner "Sonstiges" wieder, in dem eigentlich nur die Nachrichten von Fanpages einfließen sollten, andere bleiben nicht auffindbar.

Angesichts der Herkules-Aufgabe, alle Mails eines Nutzers in einem einzigen Dialog-Thread zusammenzufassen, erscheint der Faux Pas fast absehbar: Teile fehlen. Eine längere Korrespondenz mit einem Facebook-Freund reißt etwa an einer Stelle ab, an der sie tatsächlich nicht endete. Andere kürzere Mails fließen nicht in den Thread ein. Facebook hat Mails verschluckt.

Allein das Gefühl, dass beim Upgrade des Mail-Systems, das ja eigentlich Verbesserung mit sich bringen, Mails verloren gegangen sein könnten, man aber zumindest bestimmte Mails erst einmal nicht mehr wiederfindet, ist ein echter GAU, der das Mail-Upgrade zum veritablen Desaster werden lässt.

Mails von früheren Freunden verschwinden

Wer kennt das nicht: Es gibt Facebook-Kontakte, die halten nicht ewig. Doch seit dem Mail-Upgrade vom Freitag gilt das auch für Mails: Facebook hat sich erlaubt, Mails von früheren Freunden aus der Mail-Liste zu entfernen – nicht der Nutzer trifft diese Entscheidung aktiv, sondern Facebook. Bei einem klassischen Mail-Dienst wie Gmail würde eine solche Bevormundung wohl wüste Protest-Stürme nach sich ziehen. Noch grotesker: Für Mails von gelöschten Nutzern, bei denen eine Löschung der Mail wesentlich nachvollziehbarer wäre, gilt das nicht – sie bleiben unter "Sonstiges" zumeist bestehen.

Gesendete Mails nicht mehr einzeln sichtbar

Die für jeden Nutzer sehr vertraute Unterteilung zwischen Posteingang und –ausgang hat Facebook aufgehoben. Beim neuen Facebook herrscht nun das Motto vor: Alles fließt – und zwar in chronologischer Reihenfolge. Dass es durchaus einmal hilfreich sein kann, nach einem bestimmten gesendeten Mail-Inhalt per Header zu suchen, fällt Facebook nicht ein – dafür muss dann der ganze Thread geladen werden.

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Kommunikationsklumpen

Schöne neue Kommunikationswelt? Der zusammengefasste neue Gesprächsverlauf soll dafür sorgen, dass das Durcheinander der gesendeten Nachrichten nun gebündelt wird. So stehen aber nun die kurze über das iPhone versendete Mail inmitten einem aus 30 Nachrichten bestehenden Verlauf. Kommunikationsbeiträge werden also rein chronologisch wiedergegeben, nicht mehr kausal. Es entstehen Kommunikationsklumpen.

Nachrichtenflut

Nachrichten via Mail, SMS und Chat laufen bei Facebook künftig in einem Message-Kanal ein. In der Praxis werden damit aber auch alte Wertigkeiten aufgehoben: Eine SMS, wenn sie denn einfließt – was bislang nicht über alle deutschen Mobilfunkprovider klappt – steht plötzlich unter der letzten Mail, die wiederum auf den vorangegangenen Chat folgt. Klingt praktisch: Aber möchte man das tatsächlich? Die logische Untergliederung geht auf diesem Weg zumindest völlig verloren. Die Einzelteile – also eine Mail oder SMS –, zu löschen, ist jedoch nicht möglich. Was bleibt, ist die ganze ungefilterte Kommunikationsflut.

Das Chat-Archiv

"Man kann nicht nicht kommunizieren", lautet wohl einer der meist zitierten Sätze – und Phrasen – der Kommunikationsbranche – unbestritten ist Watzlawicks Bonmot  in jedem Fall. Nur: Muss man deswegen wirklich jeden Fitzel archivieren? Dass Chats im Gegensatz zu früher gespeichert werden, sollte jeden erwachsenen Online-Nutzer bedenklich stimmen. Na schön, werden manche Facebooker einräumen, früher wurde immer der meiste Teil des Chats gelöscht, bis er nach einer Zeit verschwand.

Nun jedoch fließt jedes getippte Wort in den Kommunikationskanäle von Facebook ein – und damit auch ihrer Nutzer. Ein Chat-Protkoll steht im Thread also gleichberechtigt neben bzw unter einer Mail. Ein Chat, diese sicherlich spontanste aller schriftlichen Mitteilungen, erlangt damit eine völlig neue Bedeutung, die ihr vielleicht besser gar nicht zusteht: Es ist ein bisschen so, als würde der Zuruf an der Bushaltestelle gleichberechtigt unter einem Brief stehen.

Alte, längst vergessene Chats werden so irgendwann wieder lebendig und tauchen im Dialog-Fenster des Nutzers auf – die Vergangenheit holt einen also buchstäblich ein! Dass das Internet also tatsächlich kein einziges Wort vergisst, erlangt durch Facebooks neuen Message-Dienst plötzlich ganz neue, ziemlich gespenstische Bedeutung.

Die Browser-Bürde

Dass das neue Message-Center richtig viel Speicher benötigt, leuchtet jedem ein – schließlich greift das Social Network #1 wie eine Datenkrake auf das ganze Facebook-Leben zu. Damit werden jedoch selbst schnelle Rechner bei schnellsten Internet-Verbindungen überfordert. Ergebnis: ein "langsames Script". Der Browser ächzt, friert ein – und erholt sich bestenfalls wieder. Facebook ist langsamer geworden.
Fazit: Mit dem Mail-Upgrade hat sich Facebook in dieser Form keinen Gefallen getan, so gut die Intention der Vereinfachung auch gemeint sein mag. Tatsächlich scheint vielmehr eine neue Stufe der Willkürlichkeit erreicht. Dass das weltgrößte soziale Netzwerk proportional zur Größe und zur Nähe des Börsenganges immer weniger auf Nutzer-Befindlichkeiten Rücksicht nimmt, war absehbar.

Mit den letzten Upgrades, die die offenkundig keine Verbesserungen, sondern mitunter sogar Rückschritte mit sich brachten, bewegt sich Facebook inzwischen auf dünnerem Eis. Nicht jetzt, aber einmal wird das Rad der Willkür überdreht sein und Nutzer die Launen ihres 26-jährigen Schöpfers überdrüssig werden. Mit der Gutsherrenart der jüngsten Updates ist Facebook drauf und dran, Vertrauen zu verspielen.

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