10 Jahre „Britt“: Setbesuch beim Talk-Relikt

Ganz Deutschland ist Daily-Talk frei. Ganz Deutschland? Nein! Eine unbeugsame Hamburgerin hört nicht auf, der gescripteten Konkurrenz Widerstand zu leisten: 17.053 Gäste standen auf der Bühne, 804 Lügner wurden in 1907 Lügendetektortests überführt und 293 Vaterschaften getestet – in einer Dekade kommt so einiges zusammen. Zum zehnten Geburtstag hat Britt zum "Talk über Talk" geladen. Der Pärchenstreit hat für eine Stunde Pause – doch schon vor der Jubiläums-Show bahnt sich ein kleines Drama an.

Anzeige

Die erste Aufzeichnung hat Britt Hagedorn an diesem Samstagnachmittag schon hinter sich. Die Luft ist längst stickig im Studio Hamburg, das deutlich kleiner wirkt als am Fernsehbildschirm. Einige Zuschauer stoßen zur zweiten Talkrunde hinzu, das Publikum wird noch einmal durchgemischt. Im Eifer des Gefechts will der Platzanweiser drei Freundinnen auseinander reißen. Doch beim Audience-Tetris lässt er dann doch noch die passende Lücke entstehen. Nach 10 Jahren Talkshow-Geschäft findet sich für jedes Problem eine Lösung.
Seit RTL im August 2009 die letzte Folge der "Oliver Geissen Show" ausgestrahlt hat, ist "Britt – Der Talk um eins" die einzige Überlebende eines fast vergessenen TV-Genres. Zwischenzeitlich sah es aus, als hätte auch die Hamburgerin schon mit ersten Schritten die grüne Meile des Daily Talk betreten, doch im Vergleich zum Vorjahr haben sich die Quoten 2010 um 1,2 Prozent verbessert. Durchschnittlich 14,9 Prozent der werberelevanten Zuschauer sahen die Sendung im vergangenen Jahr. Damit lag das Format sogar deutlich über dem Sat.1-Senderdurchschnitt.
"Ich will neben einem Promi sitzen", tönt es aus einer der Sitzreihen. Na klar, man ist schließlich beim Fernsehen, da müssen doch auch irgendwo Prominente sein. Abgesehen von einem Zuschauer, der als Elvis-Presley-Double erschienen ist, kommt einem allerdings niemand bekannt vor. Das Phantasiegebilde der jungen Zuschauerin dürfte damit eingestürzt sein. Aber immerhin sitzt Britts Familie zur Geburtstagshow im Publikum.
Für das Aufheben weiterer TV-Illusionen ist anschließend der Warm-Upper zuständig. Pinkes T-Shirt, schwarzes Sakko und definitiv ein Kandidat für das nächste Galileo-Special "Die härtesten Jobs der Welt". Der dauerstrahlende Mann – wie man ihn sonst von Bühnen auf Kaufhausparkplätzen kennt – erklärt, dass die ersten Showminuten diesmal anders ablaufen werden, weil Vera Int-Veen zunächst als falsche Britt "überraschen" soll. Erst wenn die Echte auftaucht, heißt es dann "richtig Rambazamba machen".
Nun geht er los, der Meta-Talk. Alles wie besprochen: Vera kommt von vorn – die Menge applaudiert. Britt stöckelt von oben die Treppe herab – die Menge tobt. Umarmen, Blumenübergeben, Platznehmen. Neben der früheren Sat.1-Talkerin sollte auch Andreas Türck einen mit Spannung erwarteten Auftritt in der Jubiläumssendung haben. Doch der Ex-Moderator musste krankheitsbedingt absagen.
Vera muss es also alleine richten. Doch diese Aufgabe übernimmt sie sichtlich gern. Anpacken kann die "Helferin mit Herz". Das sagt schon ihr Outfit. Die 43-Jährige ist praktisch gekleidet, Doc Martens und Jeans. Britt kommt in Pumps und Kleid. Die eine erklärt, dass sie ja nicht so oft Röcke trage. Die andere hat sich 2006 für den Playboy ausgezogen. Zwei Frauen, die gemeinsam knapp 20 Jahre Talkshowgeschichte auf dem Buckel haben, die unterschiedlicher trotzdem kaum sein könnten, aber dennoch eines teilen: Sie sind grundsympathisch.
"Bei mir menschelt es an allen Ecken und Enden", beschreibt Britt ihre Show und damit geht es auch gleich zu Beginn los. Ihr allererster Talkgast ist da. Titel der damaligen Sendung "Jung, allein, schwanger". Entsprechend hat die Frau auch ihre heute zehnjährige Tochter mitgebracht. Wie das Verhältnis zum Vater sei, fragt die Talkerin und überreicht einen Gutschein fürs Phantasialand. "Ooohhh", versucht der Einheizer das Publikum erfolglos zu animieren und da kommt auch schon die Werbepause.
Britt hat in zehn Jahren 14 werdende Mütter bei der Entbindung im Kreißsaal begleitet. Nach der Unterbrechung kann es also menschlich weiter gehen. Celine, Samatha, Vivien und wie Kinder von Eltern, die in einer Talkshow gebären, eben heißen, dürfen heute ein zweites Mal vor die Kamera. "Ihr könnt euch hier auf die Stufen setzen und noch ein bisschen die Show ansehen", sagt Britt nachdem die Kleinen ihre Geschenke abgeholt haben. Die Kinder haben noch nicht ganz Platz genommen, da ist es auch schon passiert: ein Best-of-Brüste-bei-Britt im Großformat auf den etlichen Flachbildschirmen und eine herrlich schockierte Moderatorin, die in Windeseile die Kinder aus dem Studio schaffen lässt. Der unfreiwillige Gag des Tages, lustiger als jedes "Haha, wie sahst du denn damals aus?"-Frisurengucken. Applaus, ganz ohne Vorklatscher.
Zum Schluss noch beim Team bedanken und da sind die zehn Jahre auch schon voll. Britt und Vera hatten sich viel zu erzählen und plauderten die durch den Türck-Ausfall zu füllende Zeit locker weg. Die eine bleibt, die andere geht. Vera verlässt das Studio allerdings nicht ohne noch für den menschlichsten Moment des Nachmittags zu sorgen. "Ich muss schnell los. Ich habe meiner Schwester versprochen auf ihre Kinder aufzupassen", sagt sie direkt nach dem Show-Ende und streift sich den Pulli über. Noch ein herzliches Drücken, dann ist Britt wieder die alleinige Talkerin auf weiter Fernseh-Flur. Für die 39-Jährige geht es in die dritte Talk-Runde – zurück zum Tagesgeschäft.
Die Zuschauer, die genug Daily-Talk getankt haben, verlassen das Studio. Doch einige von ihnen werden wiederkommen. An der Garderobenschlange im Besucherfoyer wird sich geduzt, ja sogar private Dinge werden ausgetauscht. Man kennt sich. "Bis nächste Woche", verabschieden sich die Stammgäste. Andere sind zum ersten Mal da. Einer erklärt begeistert, er habe die Tickets zu Weihnachten bekommen. Und es wird klar, warum sich der Sat.1-Talk um 13 Uhr als letztes Relikt einer anderen TV-Generation noch immer hält. "Brittchen aus Pinneberg" hat eben wahre Fans.
Die Jubiläumssendung wird am Mittwoch, 26. Januar 2011, um 13 Uhr auf Sat.1 ausgestrahlt.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige