„Mancher unterschätzt Online immer noch“

Er gilt als wahres Web-Talent: Stefan Plöchinger, derzeit noch Chef vom Dienst bei Spiegel Online, wird im März als Chefredakteur zu Sueddeutsche.de wechseln. Im Interview mit Thomas Leif, Vorsitzender von Netzwerk Recherche, spricht der 34-Jährige über die Trends im Online-Journalismus. "Redaktionen müssen in Social Networks präsenter werden." Dennoch sei seiner Meinung nach zu beachten: "Mancher Politiker und Journalist unterschätzt Online immer noch, obwohl hier tatsächlich Agendasetting passiert."

Anzeige

Welche journalistischen Impulse gehen nach Ihrer Analyse von Blogs in Deutschland aus?

Erstens sind viele inhaltlich eine Bereicherung. Oft drehen sich Blogs um Themen, für die andernorts Ressourcen fehlen, manche bieten gute Expertise, andere stoßen Kritik oder Debatten an, sie sind mal mehr, mal weniger interessant – in der Summe ein wichtiger Beitrag zur Pluralität im Netz. Zweitens ist die Form spannend: subjektiv, im Idealfall fokussiert und eher knackig als länglich. Solche Formate können auch Newssites gut tun, New York Times und Guardian machen es vor.

Nennen Sie bitte einige typische Fallbeispiele, wo Gegen-Öffentlichkeit, Kritik, Kontrolle und eine eigenständige Agenda-Funktion funktioniert?
Der Klassiker ist Bildblog, gerade weil sich die Kollegen dort auch um andere Medien als Bild kümmern. Die Kritik in diesem Blog mag manchmal etwas kleinteilig oder überspitzt sein, trotzdem ist es ein Muss für Onlinejournalisten – sei es nur zur Kontrolle der eigenen Site. Ansonsten lese ich zum Beispiel viele Techblogs aus den USA. Sie halten mich besser auf Stand als Newssites.
Welche strategischen Vorteile haben Blogs im Kontrast zum "etablierten Journalismus"?

Die spannendsten sind schneller, kürzer, subjektiver und damit in der Regel kurzweiliger als klassische Newsangebote. Zugleich können das die Nachteile sein: zu hektisch, zu wenig tief, zu persönlich, damit erschöpfend. Gute Blogger haben für sich eine Strategie gefunden, um die Vorteile der Form zu nutzen.
Wo sehen Sie die wesentlichen Defizite von Blogs in Deutschland?
Jedes ist anders. Ich kann keine gemeinsamen Defizite ausmachen, eine Generalisierung fände ich unredlich. Das einzige vielleicht: Zu wenige Blogs schaffen es bisher, durch eine gute Kombination von Kompetenz, Charakter und Stringenz wirklich populär zu werden. Ich wünsche mir manchmal mehr Blogs wie Sprengsatz; was Michael Spreng da macht, ist kontrovers, meist reflektiert und reizt damit die Leser – dabei kommt der Autor nicht mal aus einer netzaffinen Generation. Wie immer man zu seinen Thesen steht, von solchen Experimenten auch etablierter Kollegen könnte man mehr vertragen.
Glauben sie an die Legende von "online first"?
Apodiktische Regeln scheitern meistens an der Realität. Man muss letztlich je nach Geschichte entscheiden; jedes Thema ist ja anders. Generell: Eine Exklusivnachricht zum Beispiel muss nicht zuerst online erscheinen. Aber in der Regel sollte sie parallel zu Print erscheinen – weil die kombinierte Veröffentlichung die Schlagkraft erhöht.
Bei der Bild-Zeitung gilt dieser Slogan jedenfalls nach Aussage der Macher in der Praxis nicht.
Jeder legt sich seine eigene Strategie zurecht. Ich finde das klüger als generelle Regeln, die im Alltag nicht funktionieren.
Einer der führenden Online-Profis sagte kürzlich: "Die Bedeutung und Reichweite des Online-Journalismus in Deutschland werden überschätzt." Teilen Sie diese Einschätzung?
Erst mal: Ich hänge nicht der These an, dass sich Onlinejournalismus grundlegend von TV- oder Printjournalismus unterscheidet. Unser Handwerk bleibt letztlich das gleiche, die Menschen konsumieren uns heute nur anders als vor zehn Jahren. Viele lesen uns jetzt eben im Internet. Entsprechend ist die Bedeutung: Man sollte das Netz schätzen – nicht unter- oder überschätzen. Man sollte aus dieser gigantischen Chance etwas Relevantes machen, statt lange über Relevanzen zu debattieren.
Ihre Einschätzung: unterschätzt oder überschätzt?
Mancher Politiker und Journalist unterschätzt Online immer noch, obwohl hier tatsächlich Agendasetting passiert. Mancher Insider überschätzt Online – für Outsider dreht sich die Welt ja keineswegs nur ums Netz.
Wird das Potenzial des Online-Journalismus in Deutschland nach Ihrer Einschätzung ausgeschöpft? Quellenvielfalt, Eigenständigkeit, visuelle Aufarbeitung, thematische Multi-Media-Potentiale werden ja recht variabel genutzt.
In Deutschland weniger als in den USA, aber auch in den USA können die meisten Seiten noch lernen. In den vergangenen Monaten und Jahren haben wir Beat Blogs und spannende Integrationsformen für Facebook und Twitter auf Newssites gesehen, wunderbare Infografiken und Reportagen, die die mediale Vielfalt des Netzes nutzen. Das alles macht großen Spaß, auch dem Leser. Das Problem ist, dass solche Formen erst mal Zeit kosten – und wir aus Angst davor zu wenig versuchen. Meine Erfahrung ist: Wenn wir es versuchen, wird es oft einfacher als erwartet. Manchmal spart man sogar Ressourcen.
Was hindert sie am Versuch?
In wohl allen deutschen Online-Redaktionen die Routine und die Nöte des Alltags. Man muss sich zwingen, für kreative Formen Raum freizuschaufeln – und, falls sie sich bewähren, in den Alltag zu überführen.
Welche wesentlichen Unterschiede sehen Sie zwischen dem herkömmlichen Print- Journalismus u n d hochwertigen Online-Journalismus?
Wie gesagt, grundsätzlich gibt es handwerklich keine Unterschiede. In der Feinarbeit natürlich schon – von SEO bis zur pointierten Verkaufe von Geschichten. Online bedeutet: potentiell sekundenaktuell, potentiell unendlich tief, potentiell multimedial. Es kommt darauf an, was man aus diesem Potential macht. Die Möglichkeiten sind groß, aber man muss nicht alle nutzen, sondern nur jene, die für die jeweilige Geschichte die richtigen sind. Dies im Alltag zu schaffen und das nötige Rüstzeug zur Hand zu haben, ist die spezifische Herausforderung des Mediums.
Wie wichtig sind die SEO`s und wann macht ein Suchmaschinen-Optimierer  einen guten Job?
Google, Google News etc. sind für mich wie ein interaktiver Kiosk. Natürlich will man da gleich neben der Kasse liegen. Also optimiert man seine Seite. SEO steht aber nicht zwingend im Widerspruch zum guten alten Newsjournalismus, im Gegenteil. Wenn man zum Beispiel Newsgeschichten mit klaren nachrichtlichen Überschriften versieht, die Reizworte enthalten, dann ist das sowohl klassisches Blattmachen als auch SEO. Eine handwerkliche Aufgabe, die sich im Übrigen von jener in den Zeitungen nicht so sehr unterscheidet.
Was verstehen sie unter "pointierter Verkaufe"?
Die Aufmerksamkeitsschwelle des Lesers ist gering, sein Interesse flüchtig. Das verdrängt man als Journalist gern, aber es ist so. Also muss jede Überschrift und jeder Teaser das Publikum reizen, auf den Punkt getextet sein, die Geschichte blitzschnell verständlich machen. Jedes Wort muss sitzen, und die Geschichten müssen einen klug überlegten, möglichst überraschenden Spin haben – natürlich ohne an der Realität vorbei zu dichten, man darf den Leser nicht verladen. Auch das: gewohntes Handwerk, dicht dran an Print, aber bei Online fast immer unter größerem Zeitdruck.
Wie sieht ihr Rezept für den idealen "Teaser-Text" zu Beginn einer story aus?
Wenn der Spin der Geschichte überraschend ist, schreibt sich der Teaser wie von selbst. Wenn es eher klassische News sind, gibt es ein paar Tricks – den Artikel auf Reizworte und gute Zitate scannen, Kontrastkonstruktionen, Überhöhung und vieles mehr. Drei wichtige Regeln: Erstens den Teaser am Ende zwar öffnen auf das berühmte „mehr…“ hin, aber nichts elementar Wichtiges offen lassen, das frustriert Leser. Zweitens nicht übergeigen, das frustriert auch. Drittens sich zwingen, sich von Rezepten zu lösen. Eine Seite mit immer gleichen Teaserkonstruktionen ist langweilig.
Welche wesentlichen Zukunfts-Trends sehen Sie für die kommenden fünf Jahren im Feld des Online-Journalismus?
Fünf Jahre sind im Netz kaum zu überblicken. Für die kommenden zwei Jahren wäre meine Prognose: Die journalistischen Formen werden vielfältiger, das Layout hoffentlich kreativer und übersichtlicher, und wir müssen uns mit alternativen Plattformen auseinandersetzen. Redaktionen müssen in Social Networks präsenter werden. Wir brauchen attraktive Sites für Smartphones, Tablets, vielleicht sogar Fernseher, denn die Leute lesen uns längst nicht mehr nur am Rechner. Das ist mehr als eine technische Frage, sondern auch eine blattmacherische: Was ändert es, wenn Menschen unsere Site unterwegs oder im Wohnzimmer abrufen?
Ist diese Nutzung "alternativer Plattformen" nur eine Investitionsfrage der Verleger – oder welche Ressourcen sind nötig, um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen?
Es ist erst mal eine journalistisch-gestalterische Frage: Welche Informationen interessieren Menschen auf solchen Plattformen mehr, welche weniger? Wie präsentieren wir sie, womit experimentieren wir? Dafür sind wir Journalisten eigentlich Experten. Investitionen ergeben in der Regel nur Sinn, wenn wir diese Vorarbeit gemacht haben.
Welche Vorteile hätte ein Ende der Anonymisierungs-Kultur, die von vielen Online-Portalen gepflegt wird? Die WAZ und die Badische Zeitung  akzeptieren nur noch Leserstimmen mit Klarnamen; sie sind hier Vorreiter.
Vor allem auch Facebook und Twitter haben die Debattenkultur verändert. Mehr Menschen als früher sind heute bereit, identifizierbar im Netz zu kommentieren, und mittelfristig wird sich diese Position hoffentlich durchsetzen. Weniger Forentrolle, die provozieren – mehr reale Menschen, die debattieren, so dass die Qualität der Beiträge steigt.
Wie können sie denn die lästigen "Forentrolle"  filtern?
Beispiel: Wer mit seiner Facebook-Anmeldung einen Artikel kommentiert, tut dies in der Regel mit Klarnamen und Bild. In diesem Rahmen Thesen in den Raum zu schleudern, bloß um zu provozieren – das geschieht nach aller Erfahrung viel seltener, die Selbstdisziplin ist größer, man muss viel weniger eingreifen, die Stimmung ist besser.
Vergiften diese "Forentrolle" nicht die gewünschte, kreativ-intelligente Debattenkultur?
Ja, deshalb hoffe ich, dass sich Formen durchsetzen, wie sie bei Facebook zu sehen sind.
Viele Verlage "kannibalisieren" ihre Geschäftsmodelle selbst, in dem sie mit kostenlosen online-Angeboten den Käufermarkt ihrer Print-Produkte einengen. Welche Auswege sehen Sie hier und welche Bezahlmodelle haben künftig aus ihrer Sicht die realistischsten Umsetzungs-Chancen?
Man bezahlt nicht für Artikel, die man anderswo umsonst bekommt. Deshalb wird eine klassische Newssite immer effizienter über Anzeigen zu finanzieren sein als mit Paywalls – weil immer irgendwer kostenlos News bringen wird. Aber dass die Leser für Exklusives gern Geld ausgeben oder für ganzheitliche Leseerlebnisse auf einem Coffeetable-Gerät wie dem iPad, das zeigen Wall Street Journal und Spiegel. Mit das Wichtigste ist vermutlich, dass das Bezahlsystem so simpel und etabliert ist wie bei iTunes oder PayPal.
Wann wird hier etwas passieren?
Alle wesentlichen Verlage prüfen, planen, experimentieren, es ist Bewegung drin. Aber natürlich hat noch keiner das ideale Geschäftsmodell der Zukunft gefunden. Das macht die Sache ja so spannend.
Warum haben die Verlage dieses Thema "verschlafen"?

Das wird gern gesagt, stimmt so aber nicht. Weltweit, auch in Deutschland, experimentieren Verlage seit Jahren mit Paid Content und stellen zum Beispiel E-Paper  ihrer Zeitungen ins Netz – was in der Summe kein riesiger Erfolg war. Das liegt an vielem, vor allem an mangelnder Aufbereitung und daran, dass sich die meisten Menschen erst seit dem iPad vorstellen können, auf einem Monitor gern eine Zeitung oder Zeitschrift zu lesen. Das Haptische, das Blattmacherische und die menschlichen Gewohnheiten sind offensichtlich nicht zu unterschätzen. Eine wichtige Lernerfahrung der vergangenen Jahre.
Welche publizistische Innovationen stehen im deutschen online-Journalismus noch aus?
Data Journalism zum Beispiel. Das ist für uns weitgehend Neuland. Den Bundesetat oder Parteispenden zu dekodieren, auch so Simples wie Wahlergebnisse oder die Arbeitslosenzahlen, und zwar attraktiv und mit Erkenntnisgewinn für den Leser, offen und für Nutzung durch andere Sites zugänglich – das wäre ein Transparenzgewinn für eine Newssite, den Journalismus, die Demokratie.
DPA hat die Innovations-Einheit "Data Journalism" vor kurzem dichtgemacht?
Dazu kann ich im Ernst seriös nichts sagen.
Wie können solche qualitativen Optimierungs-Strategien umgesetzt werden?
Onlineredaktionen müssen ständig checken, ob die Strukturen stimmen, in denen sie arbeiten, Routinen hinterfragen und offene Debatten führen. Die Herausforderungen im Netz sind so vielfältig, dass ich jeder Redaktion interne Think Tanks und harte externe Sitekritiken empfehlen würde. Und dann: Get things done.
Was steht auf ihrem "Priorisierungs-Zettel" bezogen auf den online-Journalismus?
Jeden Tag versuchen, besser zu werden. Das ist das Wichtigste – alles Weitere siehe oben.

Das Interview führte Thomas Leif, Vorsitzender netzwerk recherche. Weitere Interviews mit online-Profis, Experten-Analysen und Praxis-Tipps sind in der 194-seitigen, neuen nr-Werkstatt "Online-Journalismus" nachzulesen. Die aktuelle Publikation kann unter www.netzwerkrecherche.de abgerufen werden.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige