RTL-Dschungel: die Grenzen des Systems

Sarah Knappik hat das Dschungelcamp verlassen. Zwischen Pomp und Psycho, Quatsch und Quote gerieten allerdings System und Konzept des Dschungelcamps spürbar an ihre Grenzen. Die gruppendynamische Dschungel-Saga gewann eine Eigendynamik, die RTL und Granada teilweise aus dem Driver´s Seat hebelte. Nach der Fülle ernster Konflikte der letzten Tage ist interessant, ob das das diesjährige Dschungelcamp so einfach zur Tagesordnung übergehen kann. Zumindest gestern blieben spürbare Brüche zurück.

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Locker, lustig und mit bösem Sarkasmus kommentierten Sonja Zietlow und Dirk Bach die Bewegungen der Camp-Bewohner. Die Folge war um 45 Minuten verlängert und erzielte eine neue Rekordquote. RTL hatte cross-promo-mäßig bereits vorgestern bewusst einen Spannungsbogen entworfen, der sich erst mit dem Ausstieg von Sarah Knappik innerhalb der gestrigen Folge auflöste und neue Spannungsbögen initiierte.

Für die Quote taugte diese Strategie. Vielleicht auch für die Seite der Einnahmen, die Anrufe für Sarah Knappik sicherten, obwohl ihr Ausscheiden schon bekannt gewesen sein mochte – auch wenn der Sender dies bestreitet. Inhaltlich jedoch taugte die Strategie nicht. So sah man gestern vieles, was unterhalb der Ebene von Sachaspekten überall dort geschehen kann, wo Menschen mit anderen Menschen zu tun haben: Intrigen, Allianzen, Ausgrenzungen. Drohungen und Beziehungsabbrüche, gruppeninterne Einteilungen der Welt in “gut“ und "böse“, “loyal“ und “illoyal“. Wer sich von derartigen Phänomenen unterhalten fühlte, bekam vieles geboten. Vielleicht zu viel in zu hoher Dichte, um all dies mit Unterhaltung noch verwechseln zu können:

Natürlich ist das Konzept des Dschungelcamps ebenso simpel wie grenzwertig. In den letzten beiden Tagen allerdings entglitt der Produktion an wesentlichen Stellen die Steuerung des Prozesses. Das System hatte anscheinend die Grenzen der Belastbarkeit erreicht. Plötzlich, so schien es, war die Kraft einer auch zerstörerischen Eigendynamik spürbar, und der mit ihr verbundene Ernst verschwand während der gesamten Folge nicht mehr.
Zietlow und Bach blieben ihrer Linie treu und witzelten. Jay und Indira absolvierten erfolgreich ihre Prüfung. Im Kern allerdings verändert das nichts. Es wirkte aufgesetzt, neben der Spur und vorbei am spürbar Wesentlichen: Die Luft war nicht rein im Camp, und aufgelöst wurde das nicht. Die Atmosphäre einer neuen Situation ungeklärter, ernster Konflikte säubert man nicht durch stoisches Festhalten an alten Verfahren und Routinen. Sarkasmus, Ironie und Weglächeln taugen nicht für die innere Realität der gestrigen Camp-Situation. Selbst Dschungelprüfungen, die ja – neben Unterhaltung – als existentielle Wettbewerbe um Nahrung letztlich die Dynamik verdichten sollen, taugen dann nicht, wenn durch ernste Konflikte die Dynamik ohnehin dicht genug ist. Man muss nicht verdichten, was dicht genug ist.
Weit über Ekelprüfungen und Sarkasmus hinaus ist das Dschungelcamp an einer wirklich schwierigen Stelle in unangenehmer Weise erwachsen geworden. Der Erfolg des Formates hatte damit begonnen, seine Väter zu fressen.

Ohne Sarah sortieren sich nun die Rollen neu: Sündenböcke eignen sich als Person besonders für diese informelle Rolle. Für Gruppen allerdings haben sie die Funktion, alles Kritische, Schwierige an sich zu binden. Der primäre Effekt für die anderen Gruppen-Mitglieder besteht darin, Differenzierung untereinander vermeiden zu können: jeder potentielle Konflikt, jede Form möglicher Spannungen kann beim Sündenbock "abgeladen“ werden. Sarah hat ihre Rolle gut wahrgenommen und "Hier!" gerufen, wenn immer Kritik zu binden war oder Belastungen nach Ventilen riefen.
Nun ist Sündenbock Sarah Geschichte, Nachfolger Peer in der Warteschleife. Und unter intensiverem Druck der eskalierten Situation sucht die Gruppe nach einem neuen Verfahren: einem neuen Sündenbock zum Beispiel, oder dem Weg bislang vermiedener Differenzierungen untereinander. Als alle gegen eine waren, blieb unklar, wo die einzelnen stehen. Das könnte sich nun ändern.
Der Abgang des Vehikels Sarah Knappik bot den anderen Campern darüber hinaus Gestaltungsräume:
Peer hat sich tränenreich vom Hutständer zum möglichen Mitfavoriten mit eigener Position  entwickelt, und auch der ursprüngliche Sympathie-Bonus von Indira und Jay ist fragiler geworden. Schwimmer Rupprath ist ansatzweise aufgewacht und hat Sarah als Bühne eigener, bemühter Vitalität nutzen können. Schauspieler Matthieu moralisiert weiter unglaubwürdig, jedoch auf höherem Niveau und emanzipiert sich von schauspielerischen Dorf-Bühnen in ein solides, moralisches Kleinstadt-Engagement. Nur Katy Karrenbauer blieb ihrer tragisch-farblosen Linie treu.

Zwischendrin lügt Peer mit Tränen in den Augen in Kamera und eigene Tasche, er sei wirklich dankbar für diese Erfahrung. Dem Manne, so denkt man, wird der weitere Zugang zu persönlichen Impulsen von Dankbarkeit durch die anderen im Camp auch in den kommenden Folgen nicht ganz verschlossen werden.

Der wirklich interessante Aspekt der weiteren Dschungelcamp-Folgen ist durch Prüfungen, Gruppendynamik und die Interaktion von Einzelschicksalen nur oberflächlich beschrieben. Er besteht möglicherweise eher in der Frage, ob mit den alten Verfahren und Prozessen der Ernst einer neuen Situation so bewältigt werden kann, dass Zuschauer gerne einschalten. Nach den letzten beiden Tagen einfach umzuschalten auf Ironie und Kakerlake, könnte zu dünn sein und wäre keine Antwort  zur Frage der Integration der deutlichen Brüche. Auch unter diesem Aspekt scheint  die Quote der kommenden Tage betrachtenswert.
Das schwierigste Szenario übrigens lässt alle ungeklärten Themen weiter offen: Die Gruppe reißt sich oberflächlich zusammen, der Psychologe (wahrscheinlich tragischerweise kein Gruppendynamiker) fummelt aus dem Off ein wenig an der Stabilisierung der Teilnehmer herum. Ab und an poppt ein Konflikt hoch, ohne wirklich geklärt werden zu können, und an der Oberfläche isst man Maden, entfernt sich weiter voneinander und sucht einen Dschungelkönig, den eigentlich niemand mehr braucht.

Bildungsfernsehen von RTL. Was man lernen kann? In allem Ernst: Dass es anstrengend, aber gut sein kann, “seine Luft“ sauber zu halten. Dass Offenheit vielleicht ambitioniert, aber Klarheit elementar ist. Und dass jeder Impuls, mit bequemen Argumenten scheinbarer Harmonie unter der Oberfläche wichtige Themen liegenzulassen, letztlich lausig ist. Sauber wird die Luft immer erst nach dem Konflikt, durch Klärung: nie vorher durch falsche Harmonie. Australien mag weit weg sein.
Diese Themen sind es nicht. Für niemanden.

Mehr über den Autor: www.lesko.ch

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