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Facebook-Farce: der fragwürdige Spiegel-Titel

Es ist Anfang Januar – und es muss ein Internet-Titelthema her. Nachdem sich der Spiegel in den vergangenen Ausgaben immer wieder Google vorgenommen hat, ist nun der neue Emporkömmling dran: "Facebook & Co" werden als "Die Unersättlichen" gebrandmarkt, die mehr Daten plündern und bunkern, als Nutzer nur ahnen können. Die Erkenntnis ist so alt wie die Kritik des Magazins vorhersehbar. Tatsächlich haben die Hamburger die große Chance ausgelassen, die Facebook-Geschichte zu erzählen.

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Es ist Anfang Januar – und es muss ein Internet-Titelthema her. Nachdem sich der Spiegel in den vergangenen Ausgaben immer wieder Google vorgenommen hat, ist nun der neue Emporkömmling dran: "Facebook & Co" werden als "Die Unersättlichen" gebrandmarkt, die mehr Daten plündern und bunkern, als Nutzer nur ahnen können. Die Erkenntnis ist so alt wie die Kritik des Magazins vorhersehbar. Tatsächlich haben die Hamburger die große Chance ausgelassen, die Facebook-Geschichte zu erzählen – der Titel ist platt.

Da ist es wieder, das böse Internet: Nach dem "Konzern, der mehr über Sie weiß als Sie selbst", Google nämlich, geht es nun um die nächste Generation "Der Unersättlichen" – die der  Spiegel als "Facebook & Co" auch gleich beim Namen nennt.

"Die Firma erfindet immer neue Schikanen für die Privatsphäre", geht Autor Manfred Dworschak, der den 12-Seiter im Alleingang besorgt hat, auf das inzwischen drittwertvollste Internet-Unternehmen der Welt los. "Zu den jüngsten Streichen zählt der "Gefällt mir"-Schaltknopf."

Facebook am Pranger: „Immer neue Schikanen“

Bitte was: "Streiche?", "Gefällt mir-Schaltknopf"? Bereits an dieser kruden Beschreibung und Stigmatisierung wird klar, was der 51-jährige Spiegel-Autor auf den kommenden Seiten seiner Titelgeschichte rund um "die Datensammelwut" offenbar vorhat: Facebook & Co gehören tüchtig an den Pranger gestellt.     

Dabei geht es in der aktuellen Titelgeschichte eigentlich nur am Rande um Facebook: Es geht vor allem darum, was passiert, wenn professionelle Spähdienste auf Facebook, aber auch auf Mails oder WLAN-Verbindungen zugreifen und mit den erstandenen Daten ihr Unwesen treiben, sie an Firmen weiterverkaufen, die wieder Nutzerprofile erstellen, so dass am Ende nichts zurückbleibt als ein komplett ausgespähter User.

All das ist richtig und macht den Internet-Alltag damit sicher auch immer noch ein Stück beunruhigend. Aber all das ist eben auch nicht neu: Cookies gehörten auch schon vor zehn Jahren gelöscht, die Vertraulichkeit des Webseiten-Betreibers, dem ich meine Kreditkartendaten oder sonstige Informationen überlasse, natürlich streng überprüft, genau wie mein Selbstmitteilungsdrang in diversen Social Networks immer wieder hinterfragt.

"Heikle Daten": "Werden die Leute lernen, damit sparsam umzugehen?"

Manfred Dworschak bläst das Datenproblem, das es in der Form natürlich gibt, zu einer regelrechten Seuche auf."Für den Netzbürger wird es immer schwerer zu überblicken, wem er wo was genau verrät", folgert der Spiegel-Autor. Das mag durchaus so sein: Die meisten Facebook-Nutzer wissen oder ahnen zumindest, dass ihre Daten alles andere als sicher sind  – und doch dürfte es den meisten herzlich egal sein, welcher Konzern über sie welches Profil mit welchen Neigungsschwerpunkten erstellt. Der Hang zur Selbstmitteilung ist längst so weit gediehen, dass die virtuelle Verwundbarkeit zum Internet-Alltag gehört. Einen Abbruch hat das bislang aber weder Facebook noch Twitter noch Foursquare getan.  

Dworschak findet diese Entwicklung offenbar jedoch höchst beunruhigend – und landet wieder bei Facebook. "Kaum war der ‚Gefällt mir‘-Schalter etabliert, schickte Facebook sich an, die Mitglieder auch übers Netz hinaus ins echte Leben zu begleiten: Der neue Dienst ‚Facebook Orte‘ erlaubt es dem Nutzer, jederzeit mitzuteilen, wo er sich gerade aufhält. Das sind heikle Daten", folgert der langjährige Spiegel-Autor und mahnt: Werden die Leute lernen, damit sparsam umzugehen? Oder gewöhnen sie sich mit der Zeit daran, sich einer notorisch unberechenbaren Firma anzuvertrauen, wo sie arbeiten, leben und Urlaub machen?"

Bekannte Rhetorik: "Sagenhafte 450 Millionen Dollar gezahlt"

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Spätestens an dieser Stelle, die auf Seite vier erreicht ist, dürfte der Spiegel die meisten online-affinen Leser verloren haben. Dworschaks Belehrungen und Thesen sind arg einsnull-verdächtig und vorhersehbar. Das wird so schnell auf den ersten Seiten deutlich, wenn sich der Spiegel fast reflexartig auf die Neuigkeiten der vergangenen Woche stürzt – die Bewertung von Facebook.

"Sagenhafte 450 Millionen Dollar zahlte vor wenigen Tagen die US-Bank Goldman Sachs für einen Anteil von gerade mal 0,8 Prozent an Facebook", echauffiert sich Dworschak in jener altbekannten Spiegel-Rhetorik, die für den hoch bewerteten Aufsteiger Facebook zunächst bestenfalls die Skepsis der alten Welt über hat. Dass Facebook dabei inzwischen viel mehr verdient als noch vor Wochenfrist angenommen und die Aktie auf Basis des Goldman-Investments lediglich marktkonform bewertet wird, bleibt vollkommen unerwähnt.

Vergebene Chance: Statt die Facebook-Story, eine Story mit Facebook erzählt

Hier offenbart sich das eigentliche Problem der Titelgeschichte: Sie ist eine vergebene Chance. Vermutlich lag der 12-Seiter über die ausgespähten Netzbürger längst druckreif vor, als das Thema Facebook pünktlich zu Jahresbeginn durch das Goldman-Investment hochkochte. So hat die Titelgeschichte eilig noch das Label "Facebook & Co" verpasst bekommen, ohne jedoch die geweckten Erwartungen einlösen zu können – Leser werden enttäuscht sein.

Oder sogar ziemlich wütend, wie der Blogger und Modertor Richard Gutjahr dem Spiegel derb entgegen hält: "Eure Doppelmoral kotzt mich an": "Auch der Spiegel hat Ende 2010 auf seine konstant sinkenden Auflagenzahlen geblickt und sich gedacht: ‘Panic sells, lasst uns doch mal wieder etwas Angst verbreiten!", zieht der Bayer gegen die Hamburger vom Leder.

Richard Gutjahr: Breitseite gegen die Doppelmoral des Spiegel

Doch es geht Gutjahr mehr als nur um die Motivation zur Geschichte – es geht ihm vor allem um eine Anzeige am Ende des Artikels, in der Spiegel-Abonnenten geworben werden sollen – und mit ihnen, genau, ebenfalls jede Menge Nutzerdaten: "Mit welch perfiden Methoden die Pressehäuser selbst auf Datenjagd gehen, wird deutlich, wenn man einen Blick in deren Kleingedrucktes wirft", erklärt Gutjahr.

Ergo: Erst Datenkraken und -missbrauch anprangern, den dann aber nicht mal belegen (Spiegel-Titel: "Echte Schurkereien mögen bislang nur vereinzelt vorkommen") – das wirkt nicht besonders schlüssig, sondern am Ende eher wie ein Bumerang.

So oder so: Mit dieser Titelgeschichte hat sich der Spiegel keinen Gefallen getan. Die viel lesenswerteren Artikel über den Echtzeit-Politikstil unserer Tage ("Die zerhackte Zeit"), der längst von iPad und iPhone bestimmt wird, oder den erstaunlichen Erfolg von Borussia Dortmund ("Zwölf Freunde") hätten dem neuen Spiegel auf dem Cover besser zu Gesicht gestanden.

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