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Interessenskonflikte bei dpa und Co?

Im Februar diskutieren Journalisten und PR-Leute an der Hamburger Uni über den Komplex "PR und Journalismus - zwischen Konfrontation und Kooperation". Besonders anekdotenreich dürfte es in den Runden "Geld, Macht, Frust? Warum Journalisten in die PR wechseln" und "Wessen Stimme bin ich? Freie Journalisten zwischen Journalismus und PR" zugehen. Beides sind Themen, mit denen sich auch die Agenturen beschäftigen sollten. MEEDIA stellt zwei Beispiele aus der dpa zur Diskussion.

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Im Februar diskutieren Journalisten und PR-Leute an der Hamburger Uni über den Komplex "PR und Journalismus – zwischen Konfrontation und Kooperation". Besonders anekdotenreich dürfte es in den Runden "Geld, Macht, Frust? Warum Journalisten in die PR wechseln" und "Wessen Stimme bin ich? Freie Journalisten zwischen Journalismus und PR" zugehen. Beides sind Themen, mit denen sich auch die Agenturen beschäftigen sollten. MEEDIA stellt zwei Beispiele aus der dpa zur Diskussion.
Beispiel eins: Der 43-jährige Martin Bialecki machte bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa) eine bemerkenswerte Karriere: Erst leitete er das Ressort "Vermischtes", dann "Politik Deutschland" und das Hauptstadtbüro in Berlin. Ein Aufstieg, um den ihn viele beneidet haben. Ende 2009 aber wurde bekannt, dass Bialecki die Seiten wechseln wird.

Bialecki ging zur Agentur Plato Kommunikation, die Teil von Scholz & Friends ist. Nach eigener Definition bietet sie "maßgeschneiderte Dienst- und Beratungsleistungen" mit den beiden "Kerngeschäftsfeldern" Public Affairs und Public Relations. Der Job von Martin Bialecki war also, Politik wie Öffentlichkeit und Medien für die Ideen seiner Kunden zu begeistern. Unter Bialecki zog sich Plato teilweise aus dem umstrittenen Bereich der Public Affairs heraus und setzte verstärkt auf klassische PR.

Allein der Abgang Bialeckis sorgte für Erstaunen bei Kollegen. Noch bemerkenswerter war aber die Meldung vom November 2010: "Martin Bialecki übernimmt Leitung der Redaktion Politik der dpa". Er wechselte erneut die Seiten. Der Mann, der sich also ein Jahr lang im Dienste der PR und vieler Großkunden bewegte, sitzt seit dem 1. Januar 2011 wieder an seinem alten Posten.

Wer Bialecki persönlich kennt, der traut ihm zwar nicht mal im Traum zu, dass sich der Journalist in seiner neuen, alten Tätigkeit noch anderem verpflichtet fühlen wird als der Objektivität. Kritikern bietet seine Biographie aber dennoch eine Angriffsfläche.

Beispiel zwei: Jahrelang stand eine regelmäßige freie dpa-Mitarbeiterin sowohl auf der Payroll der Agentur als auch in Diensten der Einrichtung, über die sie vielfach für die dpa schrieb: dem Klinikum der Universität Greifswald. Seit 2007 griff die Journalistin der Pressestelle des Klinikums unter die Arme. Bezahlt wurde sie für ihre Mitarbeit am Klinikmagazin. Bei der dpa hat sie zuletzt über das Greifswalder Klinikum unter anderem die Meldungen "Forscher suchen nach maßgeschneiderter Medizin für Jedermann", "Greifswald Top-Standort der Herz-Forschung" und "Forscher entwickeln Internetsuchmaschine für Enzyme" untergebracht – viele weitere zur Entwicklung der Universität und ihrer rechtlich unabhängigen Klinik gingen voraus.

Immerhin: Anzeichen, dass die freie Journalistin von der Uni-Klinik für externe PR bezahlt wurde, gibt es nicht. Dabei führte sie für das Hausmagazin der Klinik gelegentlich auch längere Interviews mit den Greifswalder Hochschul-Medizinern. Ganz gleich, ob nun mit Vorsatz oder eher unbewusst: Mit ihrem direkten Zugang in die dpa war sie bis zuletzt ein Türöffner für die Themen der Universität. Dazu ist sie mit dem derzeitigen Pressesprecher der Universität verheiratet. Wie über das Geschehen an der Uni-Klinik schrieb die Journalistin neben vielen anderen Ereignissen in der Region auch über Entwicklungen an der Hochschule – begann damit allerdings deutlich vor dem Wechsel ihres Manns vom NDR zur Universitäts-Kommunikation. Die Mitarbeit am Klinik-Magazin hat sie nach eigenen Angaben im Herbst 2010 beendet. Sie wird von der Klinik indes noch unter "Externe Unterstützung" geführt.

Die dpa sagt zu alledem: "Es ist nicht nur normal und notwendig, sondern auch wünschenswert, dass freie Mitarbeiter auch woanders beruflich tätig sind. Gleichzeitig dürfen selbstverständlich keine Interessenskonflikte in der Berichterstattung entstehen. Darauf legen wir großen Wert." Wie der neue Agentursprecher Carsten Wieland MEEDIA weiter sagte, sehe die dpa in diesem Fall auch "keinen Grund, an der Integrität unserer freien Mitarbeiterin zu zweifeln", die als "sehr kritische, integre und zuverlässige Journalistin" gelte. Zu konkreten Überschneidungen von Themen ist es tatsächlich nicht gekommen. Keiner ihrer dpa-Beiträge über das Klinikum oder die Uni wirkt besonders werbend. In vielen finden sich auch kritische Positionen zur Hochschulpolitik wieder.

Die Diskussion: In beiden Fällen ging bisher offensichtlich alles gut. Aber muss das bei Konstellationen dieser Art auch immer so bleiben? Dürfen Agentur-Journalisten mit ihrem Know-how, mit ihren Kontakten und ihren Fähigkeiten zwischen Journalismus und PR so einfach wechseln – und vor allem auch mal eben wieder zurück? Wie glaubwürdig können sie und ihre Redaktionen dabei bleiben? Und: Welches PR-Engagement ihrer Freien dürfen dpa und Co. dulden und, wie im zweiten Beispiel, Abonnenten verschweigen? Ihre Kommentare bitte (am Ende der Seite).
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