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„Rachs Restaurantschule“: das MEEDIA-Fazit

Am Ende war die Quote wie das Wiedersehen: durchwachsen. RTLs Restauranttester Christian Rach und seine Azubis zogen Bilanz des Experiments einer Kochschule für Gescheiterte. Das war in der Hälfte der Fälle eine einseitige Angelegenheit, denn sechs der ehemals zwölf Novizen der Restaurantschule waren weg. Sie waren aussortiert worden und hatten entnervt aufgegeben. Am Ende bleibt ein professionell etabliertes Szene-Restaurant mit einem Hauch Sozial-Touch, der sich offenbar gut vermarkten lässt.

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Denn der "Slowman" im Hamburger Chilehaus läuft gut. Die Tische sind zu Stoßzeiten ausgebucht, Gäste stehen Schlange. Das von Berater Christian Rach und seinen Profi-Helfern mit erkennbar hohem finanziellen Aufwand aufgemöbelte Etablissement, die frühere "Weinhexe", hat durch das Reality TV mit hohen Zuschauerzahlen zahlreiche Neugierige in die mit Laufkundschaft sonst nicht gerade gesegneten Häuserschluchten am Hafenrand gespült. In vielen Reiseführern zählt das Rach-Projekt schon zu den Insider-Gastrotipps.
Dabei ist die von Jamie Oliver übernommene Idee, sozial Schwache ein Restaurant führen zu lassen, das verlockend Originelle, sozusagen der USP unter der Unzahl von hippen Gourmettempeln in der Metropole. Doch das Wiedersehen machte deutlich: Mit der Truppe der am Leben Verzweifelten, die Christian Rach einst in seinem "Tafelhaus" versammelte, wäre aus dem "Slowman" längst ein No-Man geworden. Koch Tim, der übrig blieb, so erfahren wir, war aus privaten wie gesundheitlichen Gründen über lange Zeit ausgefallen. Servicekraft Angelika macht ihren Job prima, ebenso Kollegin Rena. Reicht das, um eine Großküche wie die im "Slowman" auf Dampf zu halten? Wir erfahren auch: Die Ausbilder haben wenig freundliche Worte für die Leistung der Dropouts, und selbst den verbliebenen Kräften werden Probleme mit elementaren Arbeitstugenden bescheinigt: Zuverläsigkeit, Pünktlichkeit, Engagement. Es ist traurig, aber dass der Laden läuft, scheint ganz überwiegend den Profis, die Rach dazuholte, geschuldet zu sein.
Nicht alle vom Sender gecasteten Teilnehmer wussten das "einmalige Angebot" zu schätzen. Rapper Nourddine, der bereits mehrere Jobs als Handwerker und Tontechniker geschmissen hat, glänzte in seinem Berufspraktikum eher durch Abwesenheit als durch seine Kochkunst. Und auch Chan, der eine Ausbildung in der "Slowman"-Küche anfing und Tomaten Emotionen unterstellte ("Ich fühle mit, wenn ich sie aufschneide"), wurde aufgrund von Fehlzeiten geschasst. Nicht zu vergessen: Jasmina, die bereits am ersten Casting-Tag fünf Stunden zu spät kam. Ihre Ausflucht: "Der Auspuff ist abgefallen." Auf sie war beim Experiment nur in einer Sache Verlass: Unpünktlichkeit.
Alle zwölf Kandidaten hatten einen nicht unbedingt vorzeigbaren Lebenslauf. Das gehörte zum Konzept von "Rachs Restaurantschule". Ein Projekt, bei dem sie über sich selbst hinaus wachsen sollten. Drei der Kandidaten schieden jedoch schon vor Staffelende aus – wegen Unzuverlässigkeit, Überforderung und neuer Orientierung. Teils aus eigenem Antrieb, teils gezwungen.
 
Schon zu Beginn der Staffel war fraglich, ob Rach seine Kandidaten mit Hartz IV-Background, einem Katalog an Vorstrafen, monströsem Übergewicht und ohne Schulbildung derart trainieren könnte, dass sie den Betriebsablauf in den Griff bekommen und im Arbeitsalltag funktionieren. Geblieben von den einst zwölf Kandidaten sind sechs, Wackelkandidaten inklusive – unterm Strich eine enttäuschende Zahl. Das ließ sich auch Christian Rach anmerken. "Wir sind nicht perfekt, dafür erwarten Sie viel Leidenschaft und Spaß", heißt es auf der Homepage des "Slowman". Doch selbst daran wird bei der Hälfte der Übriggebliebenen noch gefeilt werden müssen, das zeigte sich auch gestern. Johnny bringt zuviel Unruhe ins Team, auch Marco muss seine Launen in den Griff kriegen und Teenie-Mutti Nina zeigt zu wenig Lernbereitschaft. Die Restaurantschule ist nach wie vor eine Baustelle, und es drängt sich der Eindruck auf, dass RTL die eine oder andere Lernkurve beim Wiedersehen geschönt hat, um überhaupt genügend Erfolgsgeschichten vermelden zu können. Man könnte auch sagen: Das Experiment ist gescheitert, jedenfalls im Sinne des von Rach anfangs propagierten Anspruchs.
Hinterfragt werden sollte deshalb auch der Ansatz der Sendung: Da werden gescheiterte Existenzen in einen Topf geworfen mit Ehrgeiz, Wille und Leidenschaft der TV-Macher. Herauskommen sollen Vorzeige-Gastronomen, die aber am Drill und am gutmenschelnden Konzept scheitern, weil sie den Druck nicht aushalten, vor laufender Kamera die "Chance ihres Lebens" zu nutzen. Mit den Quoten der Staffel wird man in Köln zufrieden sein, auch wenn diese nicht das Top-Niveau des Klassikers "Rach der Restauranttester" erreichten. Wenn RTL allerdings eine weitere Auflage der "Restaurantschule" starten sollte, muss das Konzept auf den Prüfstand: Es hätte dem Format gut getan, wenn die Kandidaten umfassend gecoacht worden wären. Rach, so die bleibende Erkenntnis nach dem Experiment, ist Kochprofi und  Berater. Ein gelernter Mathematiker, der betriebliche und menschliche Schwächen glänzend analysieren kann. Ein guter Pädagoge ist er deshalb nicht.

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