„Talkshows mit Herd- und Wasseranschluss“

Er gilt als der wohl beste deutsche Koch. Doch im Gegensatz zu seinen Star-Schülern Johann Lafer und Alfons Schuhbeck hat Eckart Witzigmann keine eigene TV-Show. Im Spiegel-Interview lästert der "Jahrhundertkoch" (Gault Millau) kräftig über seine Fernsehkollegen. Witzigmann hält Kochshows für "Talkshows mit Herd- und Wasseranschluss". Spitz merkt er an, dass heute jeder im Fernsehen schon "als kommender Spitzenkoch" gelte, wenn man nur "einen Ofen korrekt einschalten kann".

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Das Gespräch mit dem 69-Jährigen klammert geschickt das Problem aus, das auch Witzigmann immer wieder im Fernsehen zu sehen ist. Zudem hat auch der gebürtige Badgasteiner bereits unzählige Kochbücher verfasst und verkauft.

Stattdessen souffliert der Spiegel brav den Fakt, dass der ganze Koch-Boom nichts gebracht hat: Die Kinder werden immer dicker und die Tiefkühlkost-Umsätze steigen weiter. Als Antwort zitiert Witzigmann den US-amerikanischen Fernseh-Küchenchef Anthony Bourdain, der kochen im TV mit Pornografie verglichen hat. "Ich füge hinzu: Die Leut schauen zu und machen daheim dann immer dieselbe Stellung." Fast schon resigniert merkt Witzigmann noch an, dass "vom Zuschauen allein" niemand kochen lernt.

Auch mit den Auswirkungen durch das Web auf das Sterne-Business beschäftigt sich das Gespräch. Der 69-Jährige, der mittlerweile Patron des Mateschitz-Restaurant "Ikarus" ist, erzählt, wie er früher noch einzelnen Rezepten nachjagte. "In der Internetära ist jedes Rezept jederzeit überall zugänglich. Früher ist man als Koch noch mit zwei Koffern herumgereist, in denen das eigene Wissen archiviert war. Ich habe meine Schachteln mit den Karteikarten auch noch. Aber dass die Rezepte allgegenwärtig sind, bedeutet ja nicht, dass die Zahl derer wächst, die sie umsetzen können."

Ein wenig neidisch scheint Witzigmann auf die Küchen-Entertainer jedoch auch zu sein. "Ehrlich gesagt war ich früher vielleicht auch ein Idiot, dass ich manche Werbeverträge abgelehnt habe. Andererseits akzeptieren es nur wenige Gäste, wenn der Starkoch im eigenen Restaurant dann kaum noch selbst am Herd steht." Allerdings hält sich Witzigmann selbst für wenig TV-kompatibel: "Ich fühlte mich vor Kameras immer ziemlich unwohl. Und die Zusatzbelastung wäre mir zu viel. Mir ging es halt immer vor allem ums Produkt, das Gericht, das Menü." Offenbar vermisst der erste deutsche Küchenchef, der mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet wurde, genau diese Liebe zum Beruf bei seinen ehemaligen Schülern.

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