Zum Jubiläum: Die „Tagesschau“ von A bis Z

Einst startete sie mit nur vier Redakteuren, heute ist das Flaggschiff der ARD eine ganze Nachrichtenfabrik: Zum Jubiläum der "Tagesschau" hat MEEDIA-Autor Daniel Bouhs in einem Lexikon das Wichtigste zur Sendung zusammengefasst - von A wie Anfang, über E wie Expansion und Q wie Qualität bis hin zu Z wie Zukunft. Darin unter anderem: Die "Mutter aller News-Sendungen" wird bald multimedial. Touchscreens und interaktive Kulisse inklusive.

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ANFANG. Die "Tagesschau" flimmerte am zweiten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1952 das erste Mal über die Fernsehschirme der Republik – damals zählte sie nur ein paar Dutzend Zuschauer. Ursprünglich lebte die nur vierköpfige Redaktion deshalb auch vom Müll: Zunächst nur vier Redakteure verarbeiteten an drei Tagen die Woche, was ihr die damals noch viel populärere "Wochenschau" an Filmrollen übrig ließ. Das heutige Nachrichten-Flaggschiff des deutschen Fernsehens startete also in der Bedeutungslosigkeit.
AUSGABEN. Heute produziert die etwa 150-köpfige Zentralredaktion ARD-aktuell, die beim NDR in Hamburg-Lokstedt sitzt (Ansicht in Google Maps), bis zu zwölf Stunden pro Tag. Neben der Hauptausgabe um 20 Uhr sind das im Ersten werktags auch eigene Ausgaben um 14, 15, 16 und 17 Uhr. Zusätzlich kommen noch zwei Ausgaben in den frühen Morgenstunden dazu, die Nachtausgaben. In jeder zweiten Woche produziert ARD-aktuell außerdem die Nachrichten-Sendungen für das gemeinsame Vormittagsprogramm von ARD und ZDF. Sie ist damit halbstündig im "Morgenmagazin" auf Sendung sowie um neun und zwölf Uhr. Auch die "Tagesthemen", das "Nachtmagazin" und der stets am Wochenende gesendete "Wochenspiegel" wird hier zusammengestellt – wie auch der "ARD Jahresrückblick".
CHEFS. Da die "Tagesschau" eine der berüchtigten Gemeinschaftseinrichtungen der neun Landesrundfunkanstalten ist, wird ihre Chefredaktion von allen neun Intendanten benannt – und zwar mit einer Mehrheit von zwei Dritteln. "Erster Chefredakteur" ist seit 2006 Kai Gniffke, der vom Südwestrundfunk (SWR) kommt. Gniffke betreut im Tagesgeschäft die "Tagesschau". Der "Zweite Chefredakteur" ist Thomas Hinrichs. Der Ostfriese hat sein Geschäft beim Bayerischen Rundfunk (BR) gelernt. Er kümmert sich vornehmlich um die "Tagesthemen" und das "Nachtmagazin". Erst seit nun genau einem Jahr gehört auch der Chef von tagesschau.de, Jörg Sadrozinski, formell zur Chefredaktion. Die ist bis mindestens Ende 2011 gesetzt. Ihr wichtigster Mann im Hintergrund ist zudem Georg Grommes, der sich um die digtiale Strategie von ARD-aktuell kümmert.
DIGITALISIERUNG. Die "Tagesschau" arbeitete noch bis vor gut drei Jahren komplett mit Videokassetten. Erst im Februar 2007 begann sie damit, vom Server aus zu senden. Los ging es mit den "Tagesschauen" zwischen 12 und 16 Uhr. Seit dem 29. Januar 2008 fährt die Redaktion auch alle anderen Sendungen nicht mehr "von Band". Seitdem verschwimmen auch die Berufsbilder in der Redaktion: Redakteure schneiden immer mehr einfache Beiträge selbst. Aus Cuttern wurden gleichzeitig Mediengestalter, die viele Beiträge nur noch polieren. Mit der Digitalisierung fielen zudem etliche Kontrollinstanzen weg. So sind Redakteure heute – anders als früher noch – für die Einblendungen von Namen und Funktionen ("Inserts") selbst verantwortlich.
EXPANSION. Die "Tagesschau" will überall sein. Neben den Sendungen im Ersten (siehe "Ausgaben"), bestückt die Redaktion auch die Internetseite tagesschau.de, den ARD-Videotext, Mobilgeräte via Apps, Hybrid-Fernseher und den Digitalkanal EinsExtra mit ihren Beiträgen. So können Zuschauer sowohl auf tagesschau.de als auch mit einem Hybrid-Fernseher, der am Internet hängt, eine "Tagesschau24" abrufen. Sie enthält die aktuellsten Beiträge und soll im Umfang einer ständigen "20 Uhr" gleichen. Lediglich eine eigene Moderation fehlt ihr – bisher. Die wiederum erwartet das Publikum auf EinsExtra. Dort laufen nahezu im 24-Stunden-Betrieb "Tagesschau-Nachrichten im Viertelstundentakt", wie es auf dem Sender selbst heißt. Während sich die Redakteure von ARD-aktuell für die klassischen Ausgaben lediglich auf Berichte der Korrespondenten stützen, produzieren sie für EinsExtra vor allem vormittags und an den Wochenenden auch mehrere Beiträge pro Tag selbst. Dafür spannen sie vor allem Volontäre des NDR ein.
FEHLENTSCHEIDUNGEN. Sie sind rar, weil sich die "Tagesschau" angenehm selten am Boulevard vergreift – und damit ihren Grundzügen treu bleibt. Doch Ausnahmen bestätigen auch diese Regel. Etwa am 24. Februar 2004. Damals verlas Sprecher Jens Riewa – auf Betreiben seiner Chefs – die Meldung über einen Gurkenlaster-Unfall: "Der Sänger und Medienstar Daniel Küblböck ist bei einem Verkehrsunfall in Niederbayern verletzt worden." Bilder des C-Promis ("Deutschland sucht den Superstar") flimmerten über den Bildschirm. Relevant war das nicht, denn mit dem Leben rang da niemand. Tatsächlich greifen Kritiker der "Tagesschau" noch immer zu diesem Beispiel, was beweist: Fehlgriffe unterlaufen der Redaktion höchst selten.
FRAUEN. Dagmar Berghoff war die erste Frau, die der "Tagesschau" ihr Gesicht und vor allem ihre Stimme verleihen durfte. Berghoff ging am 16. Juni 1976 im Studio von ARD-aktuell auf Sendung. Der erste Auftritt in einer "20 Uhr" folgte schon eine Woche darauf.
JUBILÄUM. Wenn am Silvesterabend um 20 Uhr die 20.000. Hauptausgabe der "Tagesschau" über die Bildschirme flimmert, werden Rechner ins Grübeln kommen: Wer sich bei der Überprüfung dieses Meilensteins nur darauf bezieht, dass die "Tagesschau" am 26. Dezember 1952 startete, den dürften rasch große Zweifel plagen. Bei der Rechnung berücksichtigt werden muss nämlich zudem, dass die "Tagesschau" anfangs nur drei Mal in der Woche zu sehen war, dann zwar täglich, aber eben bis in die 60er Jahre hinein zunächst auch nur montags bis samstags und noch nicht an sieben Tagen in der Woche.
PANNEN. Auch sie sind in der "Tagesschau" selten, dafür aber dann umso ulkiger. Ein Klassiker ist der Berghoff’sche Versprecher, Boris Becker habe das "WCT-Turnier" gewonnen. Wie sie sich anschließend laut lachend durch die Sendung quält, das zeigt der ständige Adventskalender auf tagesschau.de – wie auch dieses neuere Fundstück: Susanne Daubner liest weiter, obwohl sich an jenem Sonntagvormittag eine Putzkraft unter ihren Moderationstisch beugt, der Sprecherin "Guten Morgen" wünscht und – völlig unbeirrt – mitten in der Livesendung den Mülleimer leert.
QUALITÄT. Sie ist gefährdet, weil die Redaktion immer mehr leisten muss (siehe "Ausgaben" und "Expansion"). Bei ARD-aktuell bemängeln viele, bei der hohen Taktung bleibe immer weniger Zeit, um sich mit den Themen zu beschäftigen. Die Chefredaktion um Kai Gniffke will gegensteuern und probierte dafür bereits die Anordnung seiner Leute an Thementischen und nicht mehr in Sendungsschichten aus. Ein Modell, das 2010 scheiterte (siehe MEEDIA-Bericht), in neuer Variante aber im Frühjahr 2011 wieder aufgelegt werden soll. Neben den Redakteuren klagen überdies auch Korrespondenten ihr Leid. Zuletzt kritisierte etwa Thomas Morawski vom Wiener ARD-Büro die "Verspartung" der Berichterstattung: "Da kommt man gar nicht mehr dazu, das Mikrofon aus der Hand zu legen und selbst zu recherchieren." Den "Tagesschau"-Dauerbetrieb auf EinsExtra schloss er in seine Kritik namentlich ein.
QUOTEN. Die Hauptausgabe der "Tagesschau" muss alles, nur nicht bangen. Im Jahr 2010 schalteten sie im Schnitt 9,14 Millionen Zuschauer ein – die zeitgleiche Ausstrahlung in den Dritten, bei Phoenix und 3sat mit eingerechnet. Die "heute" im Zweiten und zeitgleich auf 3sat sahen im Schnitt 3,96 Millionen, die stärkste private Konkurrenz mit Peter Kloeppels "RTL Aktuell" im Schnitt 3,91 Millionen.
STUDIOS. Derzeit sendet ARD-aktuell aus zwei baugleichen Studios. Aus einem strahlen sie die Sendungen im Ersten aus, aus dem anderen die Dauerproduktion mit viertelstündigen Ausgaben für EinsExtra. Im neuen Jahr 2011 wagen sie die Gratwanderung: Alle Sendungen, bis zu zwölf Stunden am Tag, sollen im fliegenden Wechsel aus einem Setting kommen. Dann soll in dem anderen, das über Monate außer Betrieb sein soll, ein neuer Schauplatz für die "Tagesschau" entstehen (siehe "Zukunft").
SYNERGIEN. Voraussichtlich bis zum Frühjahr 2011 sitzen Online- und TV-Redakteure von ARD-aktuell noch in getrennten Räumen (die "Tagesschau" im Erdgeschoss, die Onliner im zweiten Stockwerk). Schon jetzt aber arbeiten sie nicht mehr gänzlich nebeneinander her. Die "Tagesschau in 100 Sekunden" beispielsweise, die auch auf vielen Seiten von Verlagen ebenso zu sehen ist wie mit Mobiltelefonen, ist schon seit einigen Jahren keine exklusive Produktion der Onliner mehr, sondern wird immer zum Beginn einer Viertelstunden automatisiert aufgezeichnet. Heute entspricht sie nämlich dem Nachrichtenüberblick, der alle 15 Minuten auf EinsExtra eine neue Ausgabe der "Tagesschau" einläutet. Jeder Beitrag, sowohl für die Ausgaben im Ersten als auch für die auf dem ARD-Digitalkanal EinsExtra, bildet zudem technisch ein Segment: Er wird von den jeweiligen Bearbeitern soweit getagt, dass ihn andere TV- und auch Onlineredakteure mit einem Klick für ihr "Produkt" nutzen können. Für EinsExtra bebildert die Redaktion außerdem Beiträge der ARD-Inforadios, vor allem des hauseigenen NDR-Info.
TREUE. Die "Tagesschau" ist zwar eine Gemeinschaftseinrichtung aller neun Landesrundfunkanstalten der ARD. Trotzdem halten ihr nicht alle die Treue: Sowohl der BR als auch der MDR schalten die "Tagesschau" nicht mehr um 20 Uhr in ihren Dritten durch, sondern senden lieber eigenes Programm dagegen. Damit gefährden sie vorsätzlich die Quote des ARD-Flaggschiffes. Der BR produziert mit seiner "Rundschau" sogar mit großem Aufwand eigene Weltnachrichten im Fernsehen, drei stets aktuelle Ausgaben der "Rundschau in 100 Sekunden" inklusive: mit Welt-, Kultur- und Wirtschaftsnachrichten. Die "Tagesschau" leidet damit unter der Illoyalität ihrer Gesellschafter, die ihr nicht konsequent die Treue halten. Redakteure von ARD-aktuell berichten, vor allem der Kurs "Bayern first" führe dazu, dass auch die Zulieferungen des BR für die "Tagesschau" immer wieder zu Wünschen übrig ließen.
WETTBEWERB. Die "Tagesschau" ist keine Sendung mehr, sondern eine Legehennenbatterie für Nachrichten aller Art. Weil sie sich mit diesem Kurs, mit dem Gniffke sie fit für die Zukunft machen will, auf allen Plattformen tummelt, stört sie auch auf allen Kanälen die Konkurrenz. Ihre zu Weihnachten 2010 gestartete App für iPhones, Adroid-Telefone und Blackberrys löste schon zum Planungsbeginn ein Jahr zuvor einen Aufschrei aus, der nicht abebben will. Die ARD werfen Verleger jüngst gar vor, ihre Bestandsgarantie "überdehnt" zu haben. Und mit ihrem Dauerbetrieb im TV, den "Tagesschau-Nachrichten im Viertelstundentakt" auf EinsExtra, greift sie die Privatsender an: Mit n-tv und N24 ringen gleich zwei private News-Kanäle um die Gunst der Zuschauer. Sie allerdings – allen voran N24 – lassen echte inhaltliche Alternativen mehr und mehr vermissen. Da ist es nur konsequent, dass RTL-Lobbyist Tobias Schmid längst sagte, über EinsExtra sei vor Jahren gestritten worden: "Das Thema ist durch. Wir haben uns mit EinsExtra arrangiert."
ZETTELWIRTSCHAFT. Damit ist auch bei der "Tagesschau" fast Schluss: Seit etwa zwei Jahren lesen auch die Sprecher der Hauptausgabe viele Passagen vom Teleprompter ab, der die Texte über die Linse der Kamera laufen lässt. Offiziell ist zwar stets davon die Rede, der "Prompter" unterstütze die Sprecher lediglich, damit die in den ersten und letzten Sekunden ihrer Moderationsblöcke länger Blickkontakt mit ihren Zuschauern halten könnten. Letztlich aber spielt auch die "Tagesschau" damit nur noch jene Präzision vor, um die sie andere Sendungen beneiden. An der besonderen, nicht nur deutschlandweit einmalig Anmutung der "Tagesschau", dieses "Lesen vom Blatt", will Chefredakteur Kai Gniffke so lange wie möglich festhalten, wie er selbst sagt: "Die 20 Uhr lebt vom Mythos der Sprechersendung."
ZUKUNFT. Voraussichtlich Ende 2012 wird die "Tagesschau" aus einem neuen Setting senden (siehe auch "Studio"). Anders als "RTL aktuell" und die ZDF-"heute" will die "Tagesschau" dann allerdings gänzlich auf virtuelle Räume verzichten. "Wir werden unseren Zuschauern keine Spielereien zumuten", sagte Chefredakteur Kai Gniffke unlängst dazu. Im Gegensatz zu den anderen plane er auch künftig mit einer sogenannten Realkulisse. Interaktivität wird dennoch auch in den News des Ersten Einzug halten: Tom Buhrow und Co. sollen auf einer riesigen Videowand, die den Hintergrund bildet, per Fingerzeig mit Grafiken agieren können. Der Moderationstisch soll überdies ähnliches bieten wie Apples iPad und andere Tablet-PCs mit Touchscreen. Nur die Hauptausgabe will er davon weiter ausnehmen: "Ich kann mir bisher nicht vorstellen, dass ein Sprecher, der ausdrücklich vom Blatt lesen soll, aufsteht und mit seinen Fingern Grafiken steuert."
Der Autor befasst sich seit Jahren intensiv mit der "Tagesschau" und hat der Redaktion dafür mehrfach einen Besuch abgestattet. Die Sorgen und Nöte der Sendungsmacher hat er unter anderem in der taz-Reportage "News für immer und überall" notiert.

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