„Facebook ist der Turbo-Stammtisch“

Als erster Chefredakteur Deutschlands ist Claus Strunz das Experiment eingegangen, sich als "Person des öffentlichen Lebens" auf Facebook dem Dialog mit dem Leser zu stellen. Und das, obwohl er als Privatperson beim Social Network nicht zu finden ist. Im MEEDIA-Interview erklärt der Chefredakteur des Hamburger Abendblatts, was er bisher von Facebook gelernt hat, welche "faszinierenden neuen Formen des Journalismus", die er dabei entdeckt hat und warum er trotzdem skeptisch bleibt.

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Als erster Chefredakteur Deutschlands sind Sie auf Facebook mit einer eigenen Fanpage vertreten, in der Sie, wie Sie als Leitmotto schreiben, Ihre Meinung zu "Hamburg, Politik, Kultur, Wirtschaft und Sport" kundtun. Wie fällt Ihr Fazit nach einem Monat aus?

Claus Strunz: Facebook ist schnell, authentisch, ehrlich, ungeschönt. Mal launig-unterhaltsam, mal brisant, selten langweilig. Ein Fazit fällt mir schwer, weil ich noch mitten im Lernprozess bin. Aber ich freue mich natürlich darüber, dass auf meiner Seite lebhaft diskutiert wird. Dass täglich schon bis zu 5000 Menschen auf der Seite sind, hätte ich nicht erwartet.  

Sie sind verhältnismäßig spät zu Facebook gestoßen. Warum jetzt?

Spät? Sagten Sie nicht gerade, ich sei der erste…  Privat bleibe ich dabei: Wenn ich alte Schulfreunde wieder mal treffen will, rufe ich sie an.

Fast 500 Facebook-Fans im ersten Monat sind nicht wenig. Entspricht das Ihrer Zielsetzung? Und was möchten Sie erreichen?

Die Zahl ist doch faszinierend. Aber es geht mir gar nicht um Masse, sondern um den Dialog mit den Usern. Der inspiriert und hat mich schon in dieser kurzen Zeit auf manche Idee gebracht, die ich allein nicht gehabt hätte.

Wie gefällt Ihnen die Interaktion mit den Nutzern? Fast jeder Eintrag wird ja zahlreich kommentiert…

Der interaktive Leserbrief, der Leitartikel, der gemeinsam entsteht und weiter geschrieben werden kann, nachdem er erschienen ist – das sind faszinierende neue Formen des Journalismus.

Was haben Sie bisher auf Facebook lernen können?

Dass Journalisten immer noch zu sehr an traditionellen Textformen und Redaktionsabläufen hängen. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu denen werden, die wir einst abgelöst haben – weil sie sich nicht von ihrer Schreibmaschine trennen konnten.

Wird die Seite komplett von Ihnen alleine gepflegt? Und wie viel Zeit nimmt Ihre Facebook-Aktivität pro Tag etwa in Anspruch?

Es ist eine Teamleistung, aber natürlich kommen meine Inhalte, meine Meinungsbeiträge und meine Fotos und Videos von mir. Ich befasse mich meistens in den Slots mit Facebook, die ich in meinem Kalender ohnehin für "Korrespondenz und Lektüre" geblockt habe.

Zum Inhalt: Sie greifen viele tagesaktuelle Themen auf wie den Wintereinbruch, die anstehenden Landtagswahlen, Bundesliga-Ergebnisse. Interessante Zusatz-Infos über die Abläufe in der Redaktion fehlen jedoch ebenso noch weitgehend wie privatere Einblicke, von einem Eisfoto aus dem Stadtpark einmal abgesehen. Warum?

Welche privateren Eindrücke vermissen Sie denn? Dass ich gerade eine Currywurst am Flughafen Tegel esse – oder lieber, dass unser Hund gestern länger geschlafen hat als sonst? Darauf werden Sie auf meiner Seite lange warten, es ist kein privates Profil, sondern der Facebookauftritt einer öffentlichen Person. Das Privateste wird also bleiben, dass ich dem 1. FC Nürnberg anhänge, was in der HSV- und Pauli-Stadt Hamburg aber auch schon wieder irgendwie politisch ist. Und was die redaktionellen Abläufe angeht: Solange nicht das Redaktionsgeheimnis berührt ist, kann ich mir da noch viele Insides vorstellen. Offenbar gibt es ein großes Interesse daran, wie es intern beim Abendblatt zugeht – das empfinde ich als Kompliment.

Laufen Sie mit der informativen Form Ihrer Postings, die natürlich oft auch zu Abendblatt.de-Inhalten verlinken, nicht Gefahr, sich mit der Abendblatt-Facebook-Fanpage zu doppeln?

Nein, das haben wir im Griff. Und wenn es doch einmal geschehen sollte – was wäre daran schlimm?

Der Medienblogger Michalis Pantelouris ist mit Ihrer Facebook-Präsenz, wie Sie selbst schreiben, "hart, aber fair" ins Gericht gegangen. Er findet Ihre Fanpage "banal bis egal" und resümiert: "Die Leistung des Chefredakteurs auf Facebook besteht praktisch ausschließlich darin, dass es ihn gibt." Was entgegnen Sie auf Pantelouris‘ Kritik?

Warum zitieren Sie nur den "harten" Teil und lassen den "fairen" weg? Der Mann hat auch geschrieben: "Ich bin der Meinung, dass Journalisten nicht nur für die Öffentlichkeit arbeiten sollten, sondern auch öffentlich – das heißt sichtbar, erreichbar und als Menschen, nicht (nur) als Teil von Organisationen und Institutionen… Rein technisch gesehen ist Strunz‘ Facebook-Fan-Seite ein richtiger Schritt. Und: "Fast jeder seiner Beiträge generiert ein paar Kommentare, die meistdiskutierten etwa ein Dutzend, was ich in dieser frühen Phase des Experimentes eine achtbare Größenordnung finde." Dass Herr Pantelouris Politik, Fußball und Themen des Alltags wie das Verkehrschaos in Hamburg "banal bis egal" findet, ist sein gutes Recht.

Sie haben sich bewusst dafür entschieden, mit einer "Fanpage" bei Facebook in Erscheinung zu treten – also als "Person des öffentlichen Interesses". Wie gefällt Ihnen als Privatperson selbst der Umgang auf Facebook – können Sie die Faszination, der inzwischen mehr als eine halbe Milliarde Menschen erlegen sind, nachvollziehen?

Wie bei allem, was plötzlich alle toll finden, bin ich eher skeptisch – vermutlich eine Berufskrankheit.

Und noch eine letzte Frage an den Journalisten Claus Strunz: Verändert Facebook mit seinem hohen Grad der Vernetzung und der Schnelligkeit, mit der Nachrichten zirkulieren, die journalistische Arbeitsweise?

Facebook kann Abläufe, Herangehensweisen, Perspektiven verändern. Aber inhaltlich hat Facebook doch nur den Stammtisch durch einen Turbo-Stammtisch ersetzt. Gute Journalisten haben am Stammtisch schon immer gut hingehört – und dann weitergedacht.

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