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Entschlüsselt: der „Traumschiff“-Kult

Jedes Jahr das gleiche Spiel. Festtagsbraten. Geschenke-Overkill. Verwandten-Terror. Und am zweiten Feiertag ist alles wieder gut, denn das ZDF zeigt "Das Traumschiff". 7,45 Mio. Zuschauern (darunter knapp 2 Mio. junge) verfolgten diesmal, wie der tatterige Schiffsarzt Doc Schröder unter die Haube kam. Mit an Bord: Harald Schmidt und Inka Bause. Was macht den Erfolg und den Reiz der Rentner-Gang auf der MS Deutschland aus? MEEDIA hat versucht, den Geheimnissen des "Traumschiff"-Kults auf die Spur zu kommen.

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Die Besatzung

Die Crew des Traumschiffs besteht für den TV-Zuschauer nur aus drei Personen: Siegfried Rauch als Kapitän Paulsen, Heide Keller (seit der ersten Folge dabei!) als Chef-Hostess Beatrice von Ledebur (allein der Name ein Gedicht) und der trotz sehr hohem Alter stets virile Schiffsarzt Doc Schröder. Wer lehrbuchmäßig etwas über die ganz besondere Chemie zwischen diesem Rentner-Trio erfahren möchte, sollte sich auf DVD unbedingt (!) Die Las-Vegas-Folge des "Traumschiffs" besorgen. Das ist die wahrscheinlich beste Folge aller Zeiten, die an Drehbuch-Absurditäten und bizarren Gastauftritten (Siegfried und Roy) alles bisher dagewesene in den Schatten stellt und auch künftig kaum zu toppen sein dürfte. Selbst Rentner weit jenseits der Siebzig und kleine Kinder können das "Traumschiff" spätestens nach dem Genuss dieser Folge nie wieder ganz ernst nehmen. Allein welche Handlungs-Kapriolen geschlagen werden, um die Traumschiff-Crew samt Passagieren alle in die Wüstenstadt Las Vegas zu verfrachten, ist mehr als einen Schenkelklopfer wert. Aber wir schweifen ab …
Nun sind Siegfried Rauch, Horst Naumann (Doc Schröder) und Heide Keller keine wirklich schlechten Schauspieler. Was bewegt diese Leute dazu, beim Traumschiff mitzumachen? Monster-Quote? Dicke Gagen? Sechs Wochen Dauer-Urlaub auf ZDF-Kosten? Wahrscheinlich all dies. Aber man wird den Eindruck nicht los, dass es den drei "Traumschiff"-Altvorderen auch Spaß macht. Wenn Siegfried Rauch mit Kapitänsmütze einen raunzigen Spruch in Richtung Beatrice loslässt (Sorry, aber wir können die Rollen und Darsteller beim besten Willen nicht mehr auseinanderhalten) oder sich die beiden Charmeure der ganz alten Schule mal wieder auf steifbeinigen Freiersfüßen befinden, dann meint man doch glatt so etwas wie Selbstironie zu bemerken. Dass man sich nie ganz sicher sein kann, ob diese kurzen Momente der echten Komik gewollt sind oder ganz und gar unfreiwillig einfach so passieren, das macht einen Teil des Reizes aus. Insofern ist es ein echter Verlust, dass Doc Schröder nach der Hochzeit mit Karin Dor endgültig von Bord gegangen ist. Sein Nachfolger, der geschniegelte Herr-Kaiser-Darsteller aus der Hamburg-Mannheimer-Werbung, muss erst noch so zehn, zwanzig Jahre auf dem "Traumschiff" runterreißen, bevor er ins beste Alter für die Serie kommt.

Die Gaststars

Ein weiterer wichtiger Faktor für den Erfolg der Serie sind die Gaststars. Diesmal war die RTL-Bauern-Kupplerin Inka Bause samt ihrer frechen Frisur an Bord. Praktischerweise firmierte sie in der Serie (als Fitnesstrainerin) unter ihrem echten Vornamen. Wahrscheinlich, um die Zuschauer nicht zusätzlich zu verwirren. Beim Zuschauen konnte der perverse Wunsch aufsteigen, die Autoren hätten noch einen oder zwei "Bauer sucht Frau"-Protagonisten mit in die Story reingeschrieben – Josef und Narumol auf Hochzeitsreise oder so – aber das wäre womöglich dann doch wieder zu krank und menschenverachtend. Die Macher dürfen die Realsatire-Schraube nicht überdrehen. Sonst haben sie wieder den Effekt wie bei der bereits erwähnten Las-Vegas-Folge. Wenn die Omma denkt, sie wird beim "Traumschiff" verar…., dann befinden sich Produzent Rademann und Co. in gefährlichen Gewässern.
Ebenso in der jüngsten Folge mit dabei: ein gnadenlos fehlbesetzter Harald Schmidt. Als Kreuzfahrtdirektor Oskar sah Schmidt in der Uniform nicht nur reichlich bescheuert aus, die Autoren hatten ihm auch den mit Abstand schlechtesten Text ins Drehbuch geschrieben, was beim "Traumschiff" durchaus etwas heißen will. Schmidt versuchte dies damit auszugleichen, dass er noch schlechter spielte als der Text ohnehin schon war. Man musste dauernd an seine alte Hexal-Werbung denken. Nicht schön anzusehen. Warum macht der Mann das? Wahrscheinlich weiß er, dass es auf Textqualität und Schauspielkunst beim "Traumschiff" nun wirklich nicht ankommt. Die Gesamtkomposition macht’s und außerdem: Wer sagt schon Nein zu sechs Wochen Gratis-Cruise in der Karibik mit einer nun wirklich überschaubaren Anzahl an Drehtagen. An Bord war schon so mancher: von Thomas Gottschalk über André Rieu bis hin zu Udo Jürgens. Auch seriösere Schauspiel-Zeitgenossen wie Ben Becker oder Otto Sander waren sich nicht zu blöd, ein paar Gaga-Dialoge aufzusagen und dafür den Sundowner for free zu schlenzen.
Für die Zuschauer erfüllt der Aufgalopp der bekannten und sattsam bekannten Gesichter eine durchaus heimelige Funktion. Man kennt sie schon, die Leutchen, die da auf dem Schiff allerlei Irrungen, Wirrungen in Liebesdingen erleben. Da macht es auch nichts, dass manche Darsteller, wie Gila von Weitershausen, ständig an Bord sind, nur unter immer anderen Namen mit neuen Geschichten aber der gleichen Frisur. Das hat man bis zur nächste Folge im nächsten Jahr eh wieder vergessen. Ja, oft fällt es sogar schwer, die blonden Frauen und sehr exakt geföhnten "jungen" Herren einer einzigen Folge korrekt auseinanderzuhalten. War das jetzt der erste Offizier Hansen, der da durch Panama City rennt, oder war das der andere, der eigentlich keine Kinder kriegen kann, aber dann doch eins kriegt, weil, ja man weiß es nicht so genau. Ist aber auch egal. Wichtig ist nur eines. Top-"Traumschiff"-Regel Numero uno: Niemand an Bord des Traumschiffs darf den Eindruck erwecken, er oder sie würde schwitzen. Ausnahme: dicke Männer in "lustigen" Rollen. Diese müssen sich dann aber mit einem Fächer ständig Luft zufächeln. Keine Ahnung, ob es so eine Rolle wirklich mal gab. Aber sie würde sehr gut passen.

Die Landschaft

Ach, die Landschaft. Sie ist der offizielle Star der Serie. Fragen Sie mal in Ihrem Bekannten- und Verwandtenkreis ältere Damen, warum sie das "Traumschiff" gucken. Die Standard-Antwort lautet: die Landschaft! Schöne Ansichtskarten-Bilder aus allen Teilen der Welt. Garantiert elendsfrei. Selbst eine Lagerhalle in Panama sieht aus, als könne man dort vom Fußboden essen. Die Dritte Welt – wie mit Perwoll gewaschen. Polizeibeamte in fernen Ländern sprechen selbstredend alle fließend Deutsch und tragen korrekt gebügelte Beinkleider. Und in jeder, wirklich jeder, Folge führen Einheimische in farbenfrohen Trachten ein Tänzchen auf. Meistens hinter einer Bar oder vor einem erleuchteten Hotel-Pool. Die Einheimischen lächeln, schauen sauber aus in ihren Baströckchen und halten ansonsten die Klappe. Will heißen: Sie verlangen kein Trinkgeld und rauben keinen aus. So soll es sein. Immer wird auch ein bisschen 08/15-Reiseführer-Wissen eingestreut. Hier das Opernhaus in Sydney, Kapitän Paulsen referiert zwei Sekunden lang über den Panama-Kanal, Beatrice erfährt Interessantes über das Scheichtum in Dubai usw. Das muss dann aber auch reichen. Schließlich fällt es schwer genug, den Sprüngen zu folgen, die das Drehbuch schlägt. Was uns zum nächsten Thema bringt.

Die Handlung

Die Handlung beim "Traumschiff" ist genauso immergleich konfektioniert wie das Setting mit den Eingeborenen-Tänzen. Es gibt pro Folge zwei Handlungsstränge mit Passagieren und einen mit der Besatzung. Am Schluss steht das Happy End. Ganz wichtig: Jede "Wendung" muss mit wabernder Synthie-Musik und minutenlangem Erzählen vorbereitet werden, damit es die Oma nicht vor Schreck daheim aus dem Sessel haut. Hinterher muss die "Wendung" dann nochmal nacherzählt werden. Praktisch, wenn man gerade auf dem Klo war. Das gilt besonders für die so genannten "Action"-Sequenzen, wenn etwa Wayne Carpendale dem Hafenpolizeichef mit den sinistren Augenbrauen einen Revolver entwindet. Generell gilt für die Handlung: Es kann gar nicht bescheuert genug zugehen. Da verliebt sich der Architekt in die Schwester seiner Freundin, es kommt zum Riesenkrach und zwei Minuten später ist nach einem Plattitüden-Monolog von Inka Bause alles wieder Friede, Freude, Eierkuchen. Kein Wunder, denn die Zeit drängt und es steht noch die Hochzeit vom Schiffsarzt auf dem Programm. Dass Handlungs-Stränge einfach mir nichts, dir nichts gekappt und Bord geworfen werden, daran hat man sich als treuer "Traumschiff"-Gucker nicht nur gewöhnt – man erwartet es sogar.

Es passt unwahrscheinlich gut, dass das "Traumschiff" nur einmal pro Jahr in die TV-See sticht: am zweiten Weihnachtsfeiertag und Neujahr. Mehr würde einer unerträglichen Überdosierung gleichkommen. Aber so ist das "Traumschiff" Bestandteil der festen Jahreswechsel-Rituale geworden. Auch jüngere Zeitgenossen, die sich zum Stamme der Ironiker rechnen, können ihre Freude an der Reihe haben. Die Älteren genießen die Landschaft und den betulichen Alt-Herren-Witz an Bord. Wir freuen uns jedenfalls schon jetzt auf die zweite Folge dieser Saison, die am Neujahrstag gesendet wird. Der ölige Nick Wilder ("Herr Kaiser") übernimmt die Rolle des Schiffsarztes. Er war auch schon zweimal mit dabei: einmal als Polizist in San Francisco und einmal als "Promikoch". Weiß aber wahrscheinlich eh keiner mehr, ist also egal. Als Gaststar ist dann unter anderem Christoph Maria Herbst an Bord. Man darf gespannt sein, ob die Macher ihn mit genauso schrecklichen Dialogen quälen wie Harald Schmidt (der als Event-Knalltüte Oskar auch wieder mit von der Partie ist). So eine Gratis-Kreuzfahrt, die will ja auch verdient sein. Reiseziel an Neujahr ist übrigens Bora-Bora. Herrliche Landschaften und eingeborene Tänzerinnen in Hula-Röckchen satt. Ahoi.

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Alle Kommentare

  1. Der Kult des einzig wahren Traumschiffs geht weit über die Fernsehserie hinaus. Als ehemaliges Besatzungsmitglied konnte ich eine enge Verbundenheit der Crew, des Filmteams UND der Gäste feststellen. Es war nicht nur ein fiktives Modell, es war die Wirklichkeit, die mit, zugegeben ziemlich vorhersehbaren Geschichten, in die Welt der Träume transportiert wurde.
    Wir halten den Traum am Leben!
    Gerd Schaufuß
    ehem. Techn. Offizier und Autor „Das Traumfisch“

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