Verleger, hört endlich auf zu jammern!

Es war ein erwartbares Ritual: Die Tagesschau-App für iPad und iPhone ist erschienen und die Verlegerverbände für Zeitungen und Zeitschriften stimmen das Jammerlied von der Wettbewerbsverzerrung an. Man kann die ARD für vieles kritisieren - aber gerade Tagesschau-App taugt nicht zur Kritik. Im Gegenteil: Sie lässt sich hervorragend mit dem öffentlichen Auftrag der ARD begründen. Verlage sollten aufhören zu jammern und lieber ernsthaft nach digitalen Erlösmodellen suchen.

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Es war ein erwartbares Ritual: Die Tagesschau-App für iPad und iPhone ist erschienen und die Verlegerverbände für Zeitungen und Zeitschriften stimmen das Jammerlied von der Wettbewerbsverzerrung an. Man kann die ARD für vieles kritisieren – aber gerade Tagesschau-App taugt nicht zur Kritik. Im Gegenteil: Sie lässt sich hervorragend mit dem öffentlichen Auftrag der ARD begründen. Verlage sollten aufhören zu jammern und lieber ernsthaft nach digitalen Erlösmodellen suchen.

Wettbewerbsverzerrung” lautet das Totschlag-Argument der Verlage in Bezug auf die lange angekündigte App der Tagesschau. Aber welcher Wettbewerb soll hier verzerrt werden? Die App der Tagesschau nimmt genau jene Inhalte, die bereits auf der Website gratis zur Verfügung stehen, verpackt sie neu und stellt sie auf iPhone und iPad zur Verfügung. Der Aufschrei, den dieser banale Vorgang nach sich zieht, zeigt, wie sehr das Thema Verpackung mittlerweile über die Inhalte dominiert.

Die Verlage wittern in Geräten wie dem iPad so etwas wie ein Wundermittel, mit dem sie genau die gleichen Inhalte, die sie im Web verschenken, neu verpacken und teuer verkaufen können. Weil es in der App ein bisschen schicker ausschaut und man sich dort leichter zurechtfindet. In Wahrheit wird nur versucht, alten Wein in neue Schläuche abzufüllen. Die Tagesschau-App hat nun eine sehr schicke und technisch ausgereifte Verpackung bekommen – in erster Linie das stört die Verlage. Weil es ihre eigene Recycling-Taktik so offensichtlich werden lässt.

Nun wird die ARD, beispielsweise in der FAZ, dafür kritisiert, dass die App keinen Mehrwert gegenüber der Website bietet und dass sie kostenfrei zur Verfügung steht. Hätte die ARD exklusive Inhalte in die App reingepackt und sie zum Kauf angeboten, dann wäre der Aufschrei der Verlage nochmal deutlich größer ausgefallen – und dann mit Recht. Natürlich darf die ARD ihre Gebühren nicht nutzen, um ein öffentlich subventioniertes Pay-Modell auf der Apple-Plattform zu etablieren. Das wäre eine wirkliche Wettbewerbsverzerrung. Ganz zurecht wurde beispielsweise auch ZDF Enterprises schon dafür kritisiert, dass von Gebühren bezahlte ZDF-Serien im iTunes-Store gegen Geld zum Download angeboten werden.

Die aufgekratzten Pressemitteilungen von VDZ und BDZV zum Thema Tagesschau-App suggerieren zudem eine Einigkeit unter den Verlagen, die es gar nicht gibt. Der Spiegel Verlag bietet mit Spiegel Online das vielleicht umfangreichste, völlig kostenlose Nachrichten-Angebot im Netz und macht keine Anstalten, sich in Richtung Bezahl-Inhalte zu bewegen. Axel Springer experimentiert an vielen Fronten mit Bezahl-Inhalten und würde am liebsten für alles künftig Geld nehmen. Die Zeit experimentiert mit einem Misch-Modell, das kostenlose Online-Inhalte und exklusive Print-Inhalte innerhalb einer App zusammenführt. Die Verlage konkurrieren untereinander um das beste Modell, um Leser, Abonnenten und Erlöse – und das ist völlig okay.

Die Tagesschau war im TV und im Web schon immer da – jetzt ist sie auch auf Smartphones und Tablets präsent. So what!? Wenn Verlage das verbieten wollen, könnten sie, logisch zu Ende gedacht, auch den ganzen öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen. Aber das will, bei aller berechtigten Kritik an ARD und ZDF, zum Glück niemand. Die Verlags-Verantwortlichen sollten sich lieber die zahlreichen begeisterten Nutzer-Kommentare zur Tagesschau-App durchlesen und sich fragen, warum Apps aus ihrem Hause oft so schlechte Nutzer-Wertungen bekommen.

Also, liebe Verleger: Hört auf zu jammern, reißt Euch am Riemen und denkt nach über sinnvolle neue Inhalte, die eben nicht das Standard-Nachrichtenangebot abdecken. Warum ist zum Beispiel noch niemand auf die Idee gekommen, eine Kinder- oder Jugend-App für iPad und Co. zu produzieren? Der TV-Sender Super RTL erzielt mit seinem Bezahl-Web-Angebot Toggo.de schöne Umsätze – so etwas wäre sicher auch auf dem iPad denkbar. Letztlich dürfte auch auf dem iPad gelten, dass der Erfolg für Bezahl-Inhalte eher in einer lukrativen Nische zu finden ist. Allgemeine Nachrichten lassen sich nicht als Bezahl-Inhalte umverpacken. Weder im Web noch auf dem iPad, noch sonstwo.

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