Stockholm: Eklatante Schwächen beim dapd

Zwei Explosionen im Stockholmer Weihnachtsgetümmel, die auch noch nach einem Terror-Anschlag riechen - dieser Vorfall war für die Agenturen ein Top-Thema. Ein Fall, bei dem aber nicht alle News-Dienstleister eine gute Figur machten: Kunden des dapd, der sich stets damit brüstet, das Material von tausenden AP-Reportern auswerten zu dürfen, mussten derbe Schwächen beobachten. Das zeigt einmal mehr, wie schwer es dem dapd fällt, den Marktführer dpa "verzichtbar" zu machen.

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Zwei Explosionen im Stockholmer Weihnachtsgetümmel, die auch noch nach einem Terror-Anschlag riechen – dieser Vorfall war für die Agenturen gewiss ein Top-Thema. Ein Fall, bei dem aber nicht alle News-Dienstleister eine gute Figur machten: Kunden des dapd, der sich stets damit brüstet, das Material von tausenden AP-Reportern auswerten zu dürfen, mussten derbe Schwächen beobachten. Das zeigt einmal mehr, wie schwer es dem dapd fällt, den Marktführer dpa "verzichtbar" zu machen.
Die Nachrichtenagentur dapd wirbt nicht nur gerne für sich – sie teilt auch ebenso gerne gegen ihren wichtigsten Konkurrenten aus, die Deutsche Presse-Agentur (dpa). Geht es nach den Eigentümern Martin Vorderwülbecke und Peter Löw, soll der dapd schließlich den deutschen Marktführer "verzichtbar" machen. Damit das klappt, haben die Inhaber des Deutschen Depeschendienstes (ddp) vor fast exakt einem Jahr den hiesigen Ableger der US-Agentur Associated Press (AP) erworben. Teil des Deals war auch eine Lizenz, die dem heutigen dapd für insgesamt 15 Jahre erlaubt, das Weltmaterial der AP-Reporter exklusiv für den deutschen Markt auszuwerten.
Die mächtige Auslandsberichterstattung über die AP-Lizenz ist zweifellos ein Asset, mit dem der dapd im Wettbewerb mit der dpa punkten könnte – so wie es der einstige eigene AP-Ableger auf dem deutschen Markt vorlebte. Das weiß auch die Führung um dapd-Chef Cord Dreyer: Dem Bundespresseamt drückte der Geschäftsführer, der zugleich Chefredakteur ist, ein "dapd Fact Sheet" in die Hand. Demnach sollen 466 Korrespondenten der dpa 2.649 des dapd gegenüber stehen, 93 Büros der dpa in aller Welt zudem 265 des dapd, der sich damit die AP-Infrastruktur zu eigen machte. Das Problem an der Sache ist nur: Dieser Scoop geht nicht auf, wenn sich der dapd nur zurückhaltend auf das AP-Material stürzt.
So geschehen eben an diesem Wochenende in der Causa "Stockholm". Der dapd war bei diesem Fall hierzulande zunächst und sogar mit Abstand der schnellste Dienst. Nachdem der internationale AP-Feed nämlich bereits um 17.50 Uhr schnellmeldete "2 cars explode in central Stockholm, 1 injured", übersetzte für den dapd eine Slot-Redakteurin das Material derart umgehend, dass die Kunden des dapd die Headline "Zwei Autos in Stockholm explodiert" schon sieben Minuten später auf dem Schirm hatten – pünktlich für die Nachrichten zur vollen Stunde.
Auch die erste Zusammenfassung "Toter bei Explosionen in Stockholm – Zwei Menschen verletzt – Ursache unklar (weitgehend neu)" gingen um 19.20 Uhr über den dapd-Ticker – immerhin eine respektable Stunde und 17 Minuten vor der gesamten Konkurrenz. Das allein zeigt, welches Potenzial im dapd schlummert. Die dpa hingegen folgte erst um 20.37 Uhr, Reuters und AFP sogar noch später. Von dann an aber stiegen die Mitbewerber des dapd voll ein – und der dapd über Stunden voll aus.
Beispiel dpa: Sie sendete Zusammenfassungen, berichtete wie auch AFP-Deutschland und Reuters auch zu nachtschlafender Zeit und damit insbesondere für die Radiosender und Online-Portale fortlaufend, teils mit Eil- und Überblicksmeldungen über weitere Neuerungen. Während der dapd seine Kundschaft also noch vor der "Tagesschau" damit zu Bett gehen ließ, dass die "Ursache unklar" sei, eilte die dpa kurz vor ein Uhr "Selbstmordattentäter in Stockholm schickte Drohbrief", gestützt auf die örtliche Partner-Agentur TT. Dabei meldete der internationale AP-Feed, auf den dapd seine Auslandsberichte im Wesentlichen stützt, deutlich vor Mitternacht, dass bei der schwedischen Agentur TT kurz vor den Explosionen eine entsprechende Mail eingelaufen sei – Wortlaut und islamistischer Hintergrund des Selbstmörders inklusive.
Während die deutschen Mitbewerber die ganze Nacht lang tickerten und die Redaktionen ständig mit neuen Details und offiziellen Reaktionen der Außenpolitik versorgten, und während über den internationalen AP-Feed im Auslandsressort des dapd in Frankfurt am Main wie in der Berliner Zentrale durchgehend neue Fakten aufliefen, reichte der dapd nichts davon an seine Kunden weiter. Schließt der dapd die Augen, hilft auch ein exklusiver Zugriff auf ein international breit aufgestelltes Reporter-Netz nichts.
Mit dem frühen Ausstieg aus der Berichterstattung ging nicht zuletzt auch die Dimension des Vorfalls am dapd vorbei. Der Korrespondent der dpa für Skandinavien, Thomas Borchert, notiert hingegen um 1.45 Uhr in einem seiner Berichte: "In Stockholm wird wahr, wovor sich Europa seit Wochen am meisten fürchtet." dapd-Abonnenten erfuhren indes erst um 7.45 Uhr und zudem noch für die bis dahin aufgelaufene Lage bemerkenswert vage: "Explosionen in Schweden offenbar islamistischer Anschlag".
Warum also nutzt der dapd seine exklusive AP-Lizenz bisweilen derart schlampig und warum beweist er seinen Kunden so, dass die Konkurrenz alles andere als "verzichtbar" ist? dapd-Sprecher Wolfgang Zehrt sagte dem MEEDIA-Tickerblog: "Da legen Sie den Finger in eine empfindliche Wunde, denn unser Besetzungsplan weist lediglich noch eine Lücke auf: die Nacht von Samstag auf Sonntag." Die solle spätestens zum 1. Januar geschlossen werden. Laut Zehrt eine intern längst angekündigte Maßnahme des neuen Auslandchefs André Uzulis, der gerade vom "Südkurier" kam.
Der dapd muss sich angesichts solcher Pannen fragen lassen, ob er in der Lage ist, das Weltgeschehen stets verlässlich abzudecken. Immerhin wanderten nach dem Verkauf des deutschen AP-Dienstes an die ddp-Eigentümer viele prominente Köpfe ab, darunter der einstige Auslandschef Peter Zschunke. Und der langjährige Chefredakteur Peter M. Gehrig wurde – wenn auch weiter mit seinem alten Titel – aus dem operativen Geschäft in die Leitung der "dapd Akademie" gelenkt.
"Was da am Samstagabend passiert ist, ist natürlich nicht schön, vor allem, weil wir anfangs sogar die Nase vorn hatten", erklärte Agentursprecher Zehrt weiter. Er räumte zudem ein: "Hier hat der Redakteur am Auslandsdesk die Tragweite von ‚Stockholm‘ nicht ausreichend erkannt und unsere Berichterstattung leider einfach beendet, statt dem Chef vom Dienst in Berlin auf die Lage im Ausland hinzuweisen." Dort, am Stammsitz des dapd, sitze "immer jemand, der sich aber nur um das Inland kümmert, wenn er von Frankfurt keine andere Ansage bekommt".
Hinweis 13. Dezember: Ich habe den Einschub, Cord Dreyer probiere sich neben seiner Aufgabe als Geschäftsführer auch als Chefredakteur, entfernt – und muss einräumen: Das war zu flapsig. Mir lag daran, Dreyers Doppelrolle als Chefredakteur und Geschäftsführer einen Seitenhieb zu verpassen – keinesfalls aber seiner Qualifikation für diese beiden Ressorts.
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