Zu Guttenberg – der verhinderte Journalist

Der Focus hat Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg auf dem Cover der aktuellen Ausgabe zum Mann des Jahres ausgerufen. Das ist nicht so überraschend. Überraschend ist dagegen, dass Focus-Chef Wolfram Weimer in einem kapriziös formulierten Text die journalistische Beinahe-Karriere des politischen Shootingstars zu Guttenberg enthüllt. Einst war die große Polit-Hoffnung der Konservativen nämlich ein kleiner Praktikant bei der Tageszeitung Die Welt.

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“Das Mediengespür Guttenbergs speist sich aus einer bisher geheim gehaltenen Quelle – es gibt einen Ausgangspunkt, vielleicht nicht gleich die wundersame Hexenküche, aber doch einen magischen Impulsort”, fabuliert Focus-Chef Wolfram Weimer in seinem Text zum Mann des Jahres. Mit dem “magischen Impulsort” meint er das Politik-Ressort der Springer-Tageszeitung Die Welt, deren Chefredakteur Weimer damals noch war. Die erste Begegnung mit dem Praktikanten zu Guttenberg beschreibt Weimer so: “Ich (…) staunte nicht schlecht, als plötzlich ein rückengerader Adelsspross in Berlin-untypischen knickerbockerähnlichen Beinkleidern vor uns stand, gerade mit dem Studium fertig und noch zaudernd ins Leben strebend, ‘mal Redaktionsluft schnuppern’ wollte. Er hatte nämlich ernste Ambitionen, Journalist zu werden.”

Anschließend gibt sich der damalige Welt- und heutige Focus-Chef ein paar textlichen Träumereien hin, wie es wohl gewesen wäre, wäre Praktikant zu Guttenberg nicht in die Politik gegangen, sondern im Journalismus geblieben: “Der Mann hätte innerhalb eines Jahres die Chefredaktionen vom Handelsblatt über den Stern bis zur FAZ übernommen, er wäre beim Hubschrauberflug über die DuMont Zentrale in Köln als Friedensstifter unterwegs, hätte womöglich nebenbei dem ZDF die geordnete Insolvenz empfohlen und die Rundfunkszwangsgebühr abgeschafft.”

Weiter schreibt Weimer: “Praktikant Guttenberg machte sich jedenfalls gut.” Obwohl er “von Spätdienst zu Spätdienst” gejagt worden sei, habe er die Kollegen mit “schneidender Intelligenz”, “journalistischem Instinkt” und “unnachahmlicher Höflichkeit” beeindruckt. Laut Weimer “eine Tugend, die unter uns Journalisten nicht wirklich zum Allerheiligsten des Repertoires gehört.”

Über das verspätete Praktikums-Zeugnis in Form einer Titelstory braucht sich Karl Theodor zu Guttenberg jedenfalls nicht zu beschweren. Der Text ist hier und da vielleicht ein bisschen schwülstig geraten (in Guttenberg stecke “diese frühneuzeitliche Zwischenwelt aus Haltung und Aufbruch, ihrem mythologischen Habitus, der Verheiratung von Macht und Methode, dem letzten Einklang von hergebrachter Adelsform und offener Rationalität.”) – aber alles in allem doch sicher zur vollsten Zufriedenheit des Ex-Praktikanten ausgefallen.

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