Wikileaks: Beschwerde gegen den Spiegel

Die Journalistin und Buchautorin Christiane Schulzki-Haddouti hat beim Presserat eine Beschwerde gegen den Spiegel eingereicht. Darin beklagt sie den Exklusivvertrag zwischen dem Nachrichtenmagazin und Wikileaks bei den geleakten Botschafts-Depeschen. So seien bis heute erst 1.344 von 251.287 Berichten veröffentlicht worden. "Andere Redaktionen und freie Journalisten können sich mangels Zugang kein eigenes Bild verschaffen." Zu MEEDIA sagte sie: "Komplexe Fachthemen bleiben so unzugänglich."

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Wenn der Spiegel im gegenwärtigen Veröffentlichungstempo weiter die Berichte online stellt, werde er "über Monate hinweg einen exklusiven Zugang zu dem Hauptteil des Materials haben", so Schulzki-Haddouti. Das stehe im Widerspruch zu dem, was der Pressekodex vorgibt. "Natürlich verstehe ich, dass der Spiegel sich einer immensen Datenmenge gegenübersieht. Aber meiner Meinung nach hätte man sich dann etwas mehr Zeit nehmen sollen", erklärt sie gegenüber MEEDIA. Schulzki-Haddouti ist Dozentin am Institut für Kommunikationswissenschaften der Universität Bonn und arbeitet als freie Journalistin für die c’t, Heise online, Financial Times Deutschland, die Süddeutsche Zeitung, die VDI-Nachrichten sowie Telepolis.

In ihrem Blog begründet die Buchautorin, weshalb sie beim Presserat gegen den Spiegel vorgeht: "Laut Richtlinie 1.1 des Pressekodex’ darf die ‚Unterrichtung der Öffentlichkeit über Vorgänge oder Ereignisse, die für die Meinungs- und Willensbildung wesentlich sind‘, ’nicht durch Exklusivverträge mit den Informanten oder durch deren Abschirmung eingeschränkt oder verhindert werden‘. Denn damit schließe derjenige, der ‚ein Informationsmonopol anstrebt‘, ‚die übrige Presse von der Beschaffung von Nachrichten dieser Bedeutung aus und behindert damit die Informationsfreiheit.’"

Die Journalistin fordert, dass der exklusive Zugang für den Spiegel im deutschsprachigen Raum aufgehoben wird. Sonst sei die Hamburger Redaktion "in der Lage über einen langen Zeitraum hinweg Agenda-Setting zu betreiben." Gegenüber MEEDIA sagte sie: "Ich habe selbst in vergangener Zeit an Themen gearbeitet, die ich gerne mit Hilfe dieser Unterlagen gegenprüfen würde. Aber leider habe ich dazu keine Chance."

Solche Exklusivverträge scheinen gegen das Grundprinzip von Wikileaks zu verstoßen. Denn das lautet, geheime, zensierte oder auf sonstige Weise in ihrer Zugänglichkeit beschränkte Dokumente, bei denen ein öffentliches Interesse besteht, publik zu machen. Dennoch hat sich die Enthüllungsplattform dazu entschlossen, enge Partnerschaften mit Medienunternehmen einzugehen. Diese müssen sich sogar an gewisse Sperrfristen halten. Ansonsten bekommen sie beim nächsten Scoop möglicherweise keine Informationen mehr. Schulzki-Haddouti: "Gerade komplexere Fachthemen, die nicht unbedingt massentauglich sind, bleiben so weiterhin unzugänglich."

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