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„Imitation ist das größte Kompliment“

Böse ist Christoph Amend nicht auf Focus-Boss Wolfram Weimer. Allerdings hat sich der Chefredakteur des Zeit Magazins auch nicht gerade gefreut, als die Münchener ihr Doppel-Cover-Experiment als "Innovation" verkauften. Dabei haben die Berliner für diese Idee schon alle wichtigen Preise gewonnen. Im MEEDIA-Interview kündigt der Blattmacher viele Neu- und Weiterentwicklungen, wie neue Foto-Kolumnen und den Ausbau von Food- und Living-Themen, an. Damit die Konkurrenz auch weiterhin gute Ideen kopieren kann.

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Mitte Oktober verkaufte der Focus die Einführung seines Doppel-Covers als Print-Innovation. Allerdings vergaß man in München zu erwähnen, dass Sie und Ihr Zeit Magazin als erster die Idee hatten, zwei Titelbilder hintereinander zu stellen. Wie war Ihre Reaktion auf die Focus-Innovation?
Ich musste schmunzeln, als ich gelesen habe, dass der Focus das Doppel-Cover als eigene Innovation vorstellte.
 
Sind Sie jetzt böse auf Wolfram Weimer und seine Redaktion?
Ach nein, Imitation ist ja das größte Kompliment. Das Doppel-Cover des Focus wurde in den anderen Medien eher routiniert zur Kenntnis genommen, ein Kollege von Ihnen schrieb, "der Focus geht mit der Zeit". Als wir 2007 mit diesem Konzept gestartet sind, war das noch anders.
 

Das aktuelle Doppel-Cover des Zeit Magazins

Wie war das denn?
Nicht wenige Kollegen sagten: Schöne Idee, aber Woche für Woche könnt ihr das nicht durchhalten.
 
Was passierte dann?
Wir haben durchgehalten, das Konzept immer weiter entwickelt. Dann kamen die ersten Auszeichnungen, und plötzlich sprachen viele vom Zeit-Magazin-Doppeltitel. Schließlich haben wir dreimal hintereinander das "Cover des Jahres" bei den Lead Awards gewonnen. Interessanterweise meldeten sich dann wieder Experten, die sagten, dass wir uns dieses ungewöhnliche Konzept nur leisten könnten, weil das Magazin nicht Woche für Woche am Kiosk mit anderen Blättern um Käufer konkurrieren muss. Insofern nehmen wir es auch als Kompliment, dass nun ein Nachrichtenmagazin mit dem Doppel-Cover-Konzept am Kiosk liegt.
 
Nur, was nutzt das ganze Lob von gestern. Auf die Gegenwart kommt es an.
Richtig. Und deshalb entwickeln wir das Magazin immer weiter. Das haben wir schon bei der Wiedereinführung des Zeit Magazins 2007 gesagt: Permanente Veränderung ist unser Prinzip.
 
Wie könnte sie aussehen?
Wir haben in diesem Jahr das Cover-Spektrum schon erweitert: Gemeinsam mit dem Künstler Andreas Gursky, der bei uns seine neuen Arbeiten gezeigt hat, haben wir das Cover um 90 Grad gedreht und quer gelegt. Und für unsere Jubiläumsausgabe zum 40. Geburtstag haben wir mit Claudia Schiffer 40 verschiedene Cover produziert. Mit dieser Aktion haben wir weltweit für Furore gesorgt. China, Australien, Russland, Amerika, Argentinien, in Europa: überall wurde über die Aktion berichtet.
 
Welche Funktion hat das Doppel-Cover für das Blatt?
Es erzeugt optische Opulenz, bei einem Heft, das meist nicht mehr als 50, 60 Seiten hat, ein schöner Effekt. Und wir erzählen schon auf den Titelseiten eine Geschichte, die neugierig macht.
 
Neben der intelligenten und manchmal auch lustigen Geschichte, die die zwei Titelbilder erzählen, sind die zwei Cover also auch eine Art optische Täuschung?
Ich würde eher sagen: Das Doppel-Cover ist ein effektiver Kniff, auch weil er automatisch die Frage stellt: Was ist wohl diesmal auf dem zweiten Titel?
 
Wann zündet das Zeit Magazin denn dann die nächste Innovationsstufe?
Zum Jahreswechsel. Wir haben uns auch etwas für das Doppelcover einfallen lassen.
 
Sie können ruhig ein wenig konkreter werden.
Nur wenn Sie verhindern, dass dieses Interview für den Focus-Server gesperrt wird.
 
Also gut, welche Neuerungen sind außerdem geplant?
Wir haben das Format unserer wöchentlichen Fotokolumne weiter entwickelt. Es ist auch hier ein Kompliment, dass die Idee – ein Fotograf zeigt ein Bild und schreibt selbst die Geschichte dazu – mittlerweile von einigen anderen Magazinen aufgegriffen wurde. Aber das ist auch Anlass für uns, im neuen Jahr einen Schritt weiterzugehen. Aus der Kolumne von Jürgen Teller ist übrigens mittlerweile selbst Kunst geworden. Die renommierte Wiener Galeristin Christine König,  leidenschaftliche Zeit-Leserin, hat Jürgen Teller vor einigen Wochen eingeladen, seine Bilder mit seinen Texten auszustellen – die Ausstellung in Wien ist ein großer Erfolg. Einige Arbeiten sind schon verkauft.
 
Wie teuer ist ein Foto samt der Entstehungsgeschichte, wie sie Teller im Zeit Magazin aufschreibt?
Auf dem Kunstmarkt kosten diese Prints in limitierter Stückzahl jetzt einige tausend britische Pfund. Die Zusammenarbeit mit Jürgen Teller setzen wir übrigens außerhalb der Kolumne fort, für nächstes Jahr sind bereits einige Produktionen geplant.
 
Welchen weiteren Magazin-Trends sehen Sie?
Wir werden das Thema Essen und Trinken mit einem neuen Ansatz ausbauen. Auch das ist eine Herausforderung, denn nie war die Kompetenz unserer Leser auf diesem Gebiet größer.
 
Das klingt nach einem elitären Heft für Besserverdiener, die mit den Problemen vieler Menschen in diesem Land nicht mehr viel zu tun haben.
Im Gegenteil: Unsere Leser haben ein sehr großes Bewusstsein für soziale Ungerechtigkeiten. Die werden wir auch weiterhin anprangern, immer erzählt aus einer persönlichen Perspektive, denn das Magazin ist die emotionale Seite der Zeit. Nehmen Sie unsere Titelgeschichte in der vergangenen Woche: Die Autorin Susanne Leinemann, die in einem bürgerlichen Viertel in Berlin brutal überfallen wurde, hat ihre Geschichte und die der Täter für uns aufgeschrieben. Ihre Geschichte geht über das persönliche Drama hinaus, sie stellt die politische Frage, ob wir als Gesellschaft mit jugendlichen Straftätern richtig umgehen.
Was ist mit dem Internet?
Wir haben aus unserer Magazinseite "Heiter bis glücklich – die Entdeckungen der Woche" ein Blog entwickelt, das wir täglich bespielen.
Und die Facebook-Seite des Zeit Magazins ist ein spannendes Spielfeld, auf dem wir aktuell reagieren können, sei es mit Kommentaren zu aktuellen Ereignissen, sei es mit Links zu neuen Videos oder zu neuen Seiten im Netz. Übrigens: Wenn wir spontan sonntags den "Tatort" auf Facebook kommentieren, kommentieren viele Zeit-Magazin-Leser mit.
 
Wo wir gerade die einzelnen Medien abfragen. Was ist mit dem iPad?
Das Zeit Magazin ist ja in der Zeit-Online-plus-App wunderbar präsent, und wir haben uns natürlich gefreut, als Apple gefragt hat, ob sie in ihrer iPad-Kampagne in diesem Herbst auch das Zeit Magazin zeigen dürfen. Das war ein erster, wichtiger Schritt. Wir haben zum 40. Geburtstag des Zeit Magazins eine Gratis-Quiz-App für das iPad entwickelt, mit der man das Wissen um die Geschichte des Magazins testen kann – komplett illustriert vom Zeichner der Martenstein-Kolumnen. Und wir haben zu unserem Claudia-Schiffer-Shooting zwei Videoclips produziert, die anschließend einen weiten Weg durchs Netz gegangen sind.
 
Glauben Sie ehrlich, dass Sie die Kompetenz für multimediale Inhalte haben, die dann tatsächlich auch das Niveau des Print-Heftes halten? Mit einem Video-Shooting ist es ja wohl kaum getan?
 
Die Videoclips, die wir gemeinsam mit Filmexperten produziert haben, sind schon ziemlich gut geworden, untermalt mit Musik vom renommierten Münchner DJ-Label Gomma. Seien Sie versichert: Wenn wir mehr multimediale Inhalte in unsere App einbauen, dann werden sie natürlich dem Niveau des Zeit Magazins entsprechen.
 
Sie haben mit ihrem Doppel-Cover den Focus beeinflusst. Welche Magazine beeinflussen die Macher des Zeit Magazins?

Wir lesen jede Menge internationale Magazine, Blogs und Webseiten, die uns inspirieren, das New York Magazine, das Sonntagsmagazin der New York Times, das T-Magazine, Gentlewoman, Fantastic Man, Apartamento, 032C, Achtung, Reigen, Les Mads… die Liste ist zu lang, um alle zu nennen. Optisch bin ich ziemlich beeindruckt von den Filmen, die der Fotograf Nick Knight auf seiner Seite Showstudio zeigt, gerade diese Woche seine Hommage an den Modemacher Alexander McQueen, für die Bjork extra ein Lied komponiert hat. Es ist spannend zu beobachten, wie sich derzeit die verschiedenen Medien gegenseitig beeinflussen, ob auf Papier, im Web oder auf dem iPad. Ach ja, und weil sie vorhin nach Trends fragten: Ich glaube, es gibt wieder eine große Sehnsucht nach Bildern, die Menschen so zeigen, wie sie sind – und nicht wie der Retoucheur sie schuf.
 
Was heißt das? Wollen wir in Magazinen mehr hässliche Menschen sehen?
Wir wollen zumindest öfter Bilder sehen, die die Welt nicht nur klinisch sauber zeigen, ohne dabei hässlich zu sein. Wir hatten vor kurzem eine Titelgeschichte über Gérard Depardieu, der unseren Fotografen auf seinem Weingut empfangen hat. Auf den Bildern sieht man, dass der Mann trotz aller Schicksalsschläge das Leben intensiv genießt und genossen hat – mit allen Konsequenzen, die das nach sich zieht. Die Fotos haben eine unglaublich befreiende Wirkung gehabt – für mich strahlt Depardieu seitdem noch mehr Lebenskraft aus.

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