Show-Unfall: der Chor der Scheinheiligen

Der dramatische Unfall bei der ZDF-Show “Wetten dass..?” beherrscht auch nach dem Wochenende die Schlagzeilen. Das Thema nimmt die Menschen mit. Allerdings schlägt auch wieder die Stunde der professionellen Bedenkenträger. Kaum geschieht ein Unglück im Fernsehen, heben die Medienpolitiker ihre Köpfe und fordern Konsequenzen. Dabei ist kaum etwas so ungeeignet, eine Quotendiskussion vom Zaun zu brechen, wie der dramatische Unfall des jungen Mannes in der samstäglichen “Wetten dass..?”-Sendung.

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Martin Dörner ist der medienpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. Er geht soweit, in den Ruhr Nachrichten gleich ein neues Konzept für die Sendung “Wetten dass..?” zu fordern. „Bestimmte Risikowetten sollten in Zukunft nicht mehr stattfinden“, sagte er und forderte im gleichen Atemzug eine “neue Quotendebatte” und geißelte die “Sensationslust”. Die Grünen-Medienpolitikerin Tabea Rößner warnte vor dem “gefährlichen Buhlen um Fernsehzuschauer” und forderte, „im Kampf um bessere Quoten das Maß nicht zu verlieren“. Wer da nicht fehlen darf, ist Kurt Beck. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident ist Vorsitzender des ZDF-Verwaltungsrats und will nun ebenfalls eine Quotendebatte: “Natürlich müssen wir auch über die Themen Nervenkitzel, Waghalsigkeit und Quote reden", sagte Beck der Welt. Natürlich.

Es ist ein Chor der Scheinheiligen, der da sein leider allzu bekanntes Stück aufführt. Wenn etwas geschehen ist, tritt er auf und singt das immergleiche Lied vom “Darfnichtsoweitergehen” und “Habenwirimmerschongesagt”. Beim ZDF setzen Moderator Thomas Gottschalk und Programmchef Thomas Bellut das Büßergesicht auf und versprechen, man werde “nicht zur Tagesordnung übergehen”, wolle aber an der Sendung festhalten. Was auch sonst?

Auch das gehört zu Krisen-Ritual. Dabei ist es beileibe nichts Neues, dass bei “Wetten dass..?” spektakuläre und auch riskante Wettspiele vor laufender Kamera absolviert werden. Im Jahr 2008 brach sich ein Wettkandidat bei “Wetten dass..?” ein Bein, als er mit einem BMX-Rad über ein Haus springen wollte. Hätte die Wette mit den Sprungfedern am Samstag geklappt, Samuel Koch hätte gute Chancen gehabt, Wettkönig zu werden. Jetzt liegt er stattdessen im künstlichen Koma. Dass die Sendung nach dem Unfall abgebrochen wurde ist folgerichtig und war das einzig Vernünftige, was die Verantwortlichen tun konnten. Dass man den Fall untersucht, ist auch korrekt. Die vielstimmige Kritik am angeblichen Quotendruck und der Waghalsigkeit bei “Wetten dass..?” ist aber überzogen und wird folgenlos bleiben.

Der Unfall zeigt, warum das Wort “Risiko” bei “Risikosport” drinsteckt. Der Wettkandidat Samuel Koch ist in letzter Konsequenz selbst für sein Tun und seinen Unfall verantwortlich. Dass man ihm nur das Beste und eine baldige Genesung wünscht, steht außer Frage. Bei alpinen Ski-Abfahrten gibt es immer wieder schlimme Stürze, die teilweise lebensgefährlich sind. Beim Boxen hat jüngst Vitali Klitschko seinen Gegner Shannon Briggs so verprügelt, dass dieser auf die Intensivstation musste. Bei den vergangenen Olympischen Winterspielen in Vancouver starb ein Rennrodler nach einem Unfall im Eiskanal.

Nach jedem folgenschweren Unfall oder Zwischenfall gibt es die gleiche Diskussion um Konsequenzen und “das darf nicht so weitergehen”. Bisher ist es trotzdem immer wieder weitergegangen. Und immer wieder geschahen neue Unfälle. Das wird auch diesmal so sein, und zwar hoffentlich mit einem guten Ausgang für den Verunglückten.

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