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Schmidt, Kerner & Pocher – die Loser 2010

Sie gehörten zu den populärsten Köpfen des deutschen Fernsehens: Harald Schmidt, Johannes B. Kerner und Oliver Pocher. Sie waren Tagesgespräch, sorgten für Diskussionen und Aufsehen. Doch diese Zeiten sind vorbei. Im Jahr 2010 erlebten alle drei einen bitteren Karriereknick. Kaum jemand will noch ihre Sendungen sehen, in anderen Medien tauchen sie nur noch selten auf und niemand scheint sich noch für sie zu interessieren. Was ist los mit Schmidt, Kerner und Pocher?

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Am Donnerstagabend waren sie alle drei im Fernsehen zu sehen: Johannes B. Kerner lud Oliver Pocher in seinen Jahresrückblick ein – Grund unbekannt – und Harald Schmidt spulte eine weitere seiner Shows herunter, bevor er demnächst den ARD-Abflug macht. Der Erfolg, den sie an diesem Abend mit ihren Sendungen hatten, ist symptomatisch für das Jahr 2010. Der Sat.1-Jahresrückblick landete mit 2,61 Mio. Zuschauern und einem sehr mittelmäßigen Marktanteil von 10,6% auf Platz 23 der Tages-Charts – noch hinter dem nachmittäglichen Biathlon-Weltcup. Für Harald Schmidt interessierten sich um 23.30 nur 1,05 Mio. Leute – ein mieser Marktanteil von 8,5%. Schmidt, Kerner und Pocher im Jahr 2010 – eine MEEDIA-Bestandsaufnahme:

Harald Schmidt

Wer am Donnerstagabend zum ersten Mal seit längerer Zeit die Show des Late-Night-Veteranen eingeschaltet hat, dürfte sich ordentlich erschrocken haben. Ein schlecht vorbereiteter Schmidt spulte seine pointenlosen Sprüche herunter, wirkte oft fahrig und alt und hatte offenbar keine Lust auf die eigene Sendung. Wo ist der Charme, der geniale Humor, der Mix aus Intellekt und Spontanität, der ihn früher so ausgezeichnet hat und ihn – mindestens in der Medienbranche – zur wichtigsten Figur des deutschen Fernsehens gemacht hat?

Die Hoffnung, die geweckt wurde, als sich Schmidt von seinem Missverständnis namens Oliver Pocher trennte, ist längst verflogen. Ohne Pocher, so scheint es, ist Schmidt noch schlechter. Da hilft auch sein Team um Katrin Bauerfeind nicht. Ohnehin scheint kaum noch jemand zu wissen, wann Schmidt gerade sendet – und wann nicht. Gerade mal 21 Shows gab es im Jahr 2010 bislang – für eine irgendwie aktuell angelegte Late-Night-Sendung ein Witz. Nur 1,2 Mio. Menschen taten sich die Schmidt-Shows 2010 noch an – der Marktanteil von 8,3% liegt sogar unter den Zahlen aus den anderthalb "Schmidt & Pocher"-Jahren. Vor allem das junge Publikum nimmt Reißaus: 410.000 14- bis 49-Jährige reichen nur noch für 6,2% – der schlechteste Wert in der Karriere des Entertainers. Die ARD-Oberen werden inzwischen wohl nicht mehr allzu traurig sein, dass Schmidt ihnen den Rücken kehrt. Zumindest in der aktuellen Form gibt es keinen Grund, seine Show einzuschalten.

Johannes B. Kerner

Der Transfer galt im Frühjahr 2009 als Sensation der Fernsehbranche. Johannes B. Kerner würde zu Sat.1 wechseln und dort das wichtigste Sendergesicht werden. Doch die Euphorie dürfte beim Sender längst einer Ernüchterung gewichen sein. Zwar moderiert Kerner gewohnt solide die Champions-League-Übertragungen weg, doch mit seinem eigenen Magazin ist er bis heute nicht auf die Füße gekommen. Vielleicht war es ein Fehler, anfänglich oft auf seltsame Trash-Themen zu setzen, doch auch die Prise mehr Seriosität, die Kerner mittlerweile ab und zu liefert, hilft dem Magazin offenbar nicht.

1,23 Mio. Zuschauer fand "Kerner" im Jahr 2010 bisher im Durchschnitt – ein mieser Marktanteil von 8,3%. Auch bei den für Sat.1 so wichtigen 14- bis 49-Jährigen reichen die 0,66 Mio. nur für unbefriedigende 9,7%. Richtig gut läuft es für "Kerner" immer nur dann, wenn er im direkten Anschluss an einen Quotenkracher läuft – wie am 11. November nach dem "Da Vinci Code". Insgesamt wirkt ein Themenmix aus "Die berühmtesten Verschlüsselungstechniken von der Antike bis heute", "Der ultimative Schätz-Test", "Der unglaubliche Würger aus Schottland", "der große Test bei Kerners Schulstunde Musik" und "Deutschlands berühmtester Namenforscher" (Sendung vom 18. November) wie eine Reise in die Shows und Magazine der 80er- oder 90er-Jahre. Nichts, was man nicht schonmal irgendwo gesehen hat, keine Überraschungen, kein Einschaltgrund.

Oliver Pocher

Das größte Sorgenkind aus unserem Loser-Trio ist Oliver Pocher. Auch er galt für Sat.1 als Hoffnungsträger und auch bei ihm sind die Hoffnungen längst verflogen. Seine Late-Night-Show kommt trotz diverser Konzeptänderungen nicht in Fahrt. Wenn Pocher den Papst parodiert, lachen nichtmal Papst-Hasser, wenn er gegen Tischtennis-Legende Jörg Rosskopf antritt, wirkt das altbacken und wenn er Castor-Gegner(-Darsteller) auf der Bühne gegen Polizisten(-Darsteller) antreten lässt, weß auch niemand, was das soll. Selbst Skandälchen wie der als Pocher geschmackloserweise in Jörg-Kachelmann-Verkleidung vor dem Mannheimer Landgericht auftrat, helfen seiner Quote nicht mehr.

630.000 14- bis 49-Jährige reichten in seinen 2010er-Shows bisher nur für 7,1%. Zum Vergleich: Der Sat.1-12-Monats-Durchschnittswert liegt in dieser Zielgruppe derzeit bei 10,7%. Im Gesamtpublikum erreicht Pocher mit 890.000 Zuschauern und 4,5% nichtmal die Hälfte des Sat.1-Normalwertes von 10,1%. Kurz vor Weihnachten wird Pocher – wenn nichts dazwischen kommt – ein trauriges Jubiläum feiern: Ein Jahr "Die Oliver Pocher Show" ohne zweistelligen Marktanteil in der Zielgruppe.

Noch hält sein Sender an seiner Show fest. Ob "Die Oliver Pocher Show" aber auch noch dann zu sehen ist, wenn ab Herbst 2011 Harald Schmidt zweimal pro Woche um 23.15 Uhr sendet, bleibt abzuwarten. Das ist eigentlich ohnehin der größte Witz an der ganzen Sache: Statt sich von einem seiner beiden Krisengesichter zu trennen, holt Sat.1 sich mit Schmidt noch das dritte dazu. Andererseits kann man das natürlich auch "konsequent" nennen.

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