Kachelmanns Neuer: ein „harter Hund“

Anwalts-Casting via Zeitungs- und Magazin-Lektüre: Ganz zufällig kam Johann Schwenn, der Reinhard Birkenstock als federführenden Kachelmann-Verteidiger ablöste und heute erstmals im Mannheimer Gerichtssaal an der Seite des Moderators sitzt, nicht zu seinem neuen Job. Interessant ist der Umstand, dass Schwenn sich gerade im Cicero zu dem Fall äußerte und bereits einen ähnlichen Prozess in Oldenburg gewann. Zeit-Redakteurin Rückert schrieb darüber ein Buch und empfahl wohl auch Kachelmann den Juristen.

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Die Welt bezeichnet den Juristen Schwenn als "äußerst scharfsinnig und brillanten Rhetoriker, der kaum einem Duell aus dem Weg geht." Der Hamburger hat viel Erfahrung im Umgang mit delikaten Prozessen: Er hatte Mandate im VW-Sex- und -Korruptionsskandal oder der Reemtsma-Entführung inne. Zu seinen Mandanten gehörten der Ex-Stasi-Mann Markus Wolf, der einstige RAF-Terrorist Peter-Jürgen Boock und Ex-Radprofi Jan Ullrich. Der Neue ist promierfahren und gilt als "harter Hund".

Die Süddeutsche beschreibt den Hamburger als "smart" und attestiert dem Juristen, dass er auch in amerikanischen Gerichtsfilmen mitspielen könnte. "Das ist ein Mann mit klarer Kante, ja mit Handkante. Samtpfötchen? Eher Stahlpranken", heißt es in dem Text.

Die Richter und auch die Anklagevertreter müssen sich nun auf eine wesentlich härtere Gangart einstellen. Bereits im Magazin Cicero äußerte sich Schwenn zum Fall Kachelmann und zeigt gleich mal klare Kante gegen die Amtsträger in Mannheim: "Wer mit der Zeit geht, hält den sexuellen Missbrauch für die Pest unserer Tage. Da mögen die fallenden Zahlen der Kriminalstatistik sagen, was sie wollen: Gegen den Glauben an den Missbrauch scheint kein Kraut gewachsen. Dass dieser Glaube inzwischen auch jene erfasst hat, die es von Amts wegen besser wissen sollten, ist im Verfahren gegen Jörg Kachelmann zu besichtigen."

Neben Birkenstock musste auch Kachelmanns zweiter Wahlverteidiger, Klaus Schroth, gehen. Gegenüber der Welt lamentierte der Anwalt bereits in Richtung Zeugen und Richter: "Es ist der merkwürdigste Prozess, den ich je gehabt habe." Schroth beschwert sich, dass manche Zeugen schon vor ihrer Aussage Exklusivverträge mit Medien geschlossen hätten. "Da drohen amerikanische Verhältnisse. Das ist nicht mehr der Strafprozess, den ich richtig finde." Von Schwenn erhofft sich der Wettermoderator offenbar nun ein weit aggressiveres Vorgehen. Mehr Attacke und weniger Lamento. Der neue Wahlverteidiger ist in Justizkreisen für seine exzellente Kenntnis des Prozessrechts bekannt und dürfte für die Staatsanwaltschaft und das Gericht ein hakeliger, schwer berechenbarer Konterpart werden. Zudem gilt Schwenn als Revisionsspezialist, der sich nicht auf die Möglichkeit eines Freispruchs verlassen dürfte, sondern systematisch Anfechtungsgründe sammeln wird.

Die Verpflichtung von Schwenn hat jedoch möglicherweise eine interessante Vorgeschichte: In einem großen Dossier ließ die Zeit-Redakteurin Sabine Rückert bereits im Juni durchblicken, dass der wegen Vergewaltigung angeklagte Moderator längst frei wäre, wenn er einen anderen Anwalt hätte. Sie schrieb: "Die spärlichen Briefe des Verteidigers an die Staatsanwaltschaft legen die Befürchtung nahe, er beherrsche nicht das gesamte der Verteidigung zu Gebote stehende Instrumentarium der Strafprozessordnung gleichermaßen virtuos.“ Im Kachelmann-Verfahren wird der Hamburger es allerdings nicht leicht haben, denn er kommt spät in den Prozess, vielleicht zu spät: Die Vernehmung der Belastungszeugin, das aus Sicht der Verteidigung zentrale Thema, ist bereits komplett abgeschlossen. Schwenn hat keine Chance mehr, Fragen zu stellen und muss sich auf die schriftlichen Protokolle stützen.

Im Zuge der Recherche zu ihrem langen Zeit-Stück soll die Hamburgerin dem damaligen Kachelmann-Verteidiger Birkenstock eine E-Mail geschrieben haben, die später dem Kölner Stadtanzeiger zugespielt wurde. "Wir können nur zusammenkommen, wenn Ihre Verteidigung in dem angedeuteten Sinne professionalisiert wird, dazu sollten Sie sich überlegen, einen Kollegen einzubinden, der Verfahren dieser Art auch gewachsen ist", heißt es in der Mail. "Wenn Sie mein Buch gelesen haben, wissen Sie, wen ich in einem solchen Falle wählen würde." Angesichts solcher Äußerungen stellt sich die Frage, ob die hochdekorierte Autorin hier nicht die Grenzen des aus journalistischer Ethik Gebotenen überschreitet.

Neben ihrer journalistischen Tätigkeit hat Rückert bislang mit zwei Büchern für Aufsehen gesorgt: "Tote haben keine Lobby" über die Problemen der Pathologie in Deutschland und "Unrecht im Namen des Volkes" über einen eines Justizirrtums in Osnabrück. Ein Mann saß dort viereinhalb demütigende Jahre unschuldig im Gefängnis – wegen angeblicher Vergewaltigung seiner Nichte. Der Anwalt, der den vermeintlichen Vergewaltiger rausholte und deshalb eine zentrale Person in Rückerts Buch darstellt, heißt Johann Schwenn.

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