Birkenstock-Ablösung nicht überraschend

Mit dem Anwalt Reinhard Birkenstock verliert die Verteidigung des ehemaligen ARD-Wetterexperten Jörg Kachelmann ihr Gesicht. Kachelmann hat Birkenstock und den weiteren Anwalt Klaus Schroth offenbar von ihren Aufgaben entbunden und setzt stattdessen nun auf den bekannten Hamburger Anwalt Johann Schwenn. Das Auswechseln von Birkenstock kommt für Prozessbeobachter nicht unbedingt überraschend - höchstens reichlich spät. Bislang hat er seinem Mandanten eher geschadet als genutzt.

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Die Strategie von Reinhard Birkenstock war von Beginn an reichlich undurchsichtig. Zunächst zögerte er noch vor Prozessbeginn lange mit Haftbeschwerden und suchte einen Kuschelkurs mit der Staatsanwaltschaft. Das Ergebnis war eine außergewöhnliche lange Untersuchungshaft für seinen Mandaten Jörg Kachelmann, dem vorgeworfen wird, seine ehemalige Freundin vergewaltigt zu haben. Kachelmann bestreitet die Tat. Erst das Oberlandesgericht Karlsruhe beendete Ende Juli nach rund vier Monaten die U-Haft.

In der Wochenzeitung Zeit beschrieb die Journalistin Sabine Rückert, die sehr Partei für Kachelmann ergriff, Birkenstock schon früh als “Problem für Kachelmann”. Es gebe wenig, was sich an seiner Verteidigung rühmen ließe. “Die spärlichen Briefe des Verteidigers an die Staatsanwaltschaft legen die Befürchtung nahe, er beherrsche nicht das gesamte der Verteidigung zu Gebote stehende Instrumentarium der Strafprozessordnung gleichermaßen virtuos”, schrieb Rückert in der Zeit. Seine Verteidigung der “leisen Sohlen” passe eher zu einer Verteidigung eines Täters und nicht zur Verteidigung eines mutmaßlich Unschuldigen. Das konnte und kann man so sehen.
Mit dem Prozessauftakt änderte Birkenstock seine Methodik der leisen Sohle zwar, aber wieder nicht zum Vorteil seines Mandanten. Jetzt versuchte er mit Befangenheitsanträgen und prozessualen Winkelzügen, den Fortgang der Verhandlung zu verzögern und zu verkomplizieren. Seine langen, ermüdenden Einlassungen vor Gericht, waren dazu geneigt, Zuhörer und Richterschaft einzulullen – ein flammendes Bekenntnis zur Unschuld seines Mandanten fehlte.

Wer Jörg Kachelmann geraten hat, vor Gericht zu schweigen und sich nicht vorab psychologisch begutachten zu lassen, ist unbekannt. Vielleicht war es seine eigene Entscheidung, vielleicht war es ein anwaltlicher Rat. Sollte letzteres der Fall gewesen sein, wäre es kein guter Rat gewesen. Wer unschuldig ist, sollte frei sprechen und seine Unschuld vor Gericht selbst bekunden. Wer sein Recht in Anspruch nimmt und schweigt, scheint etwas zu verbergen zu haben. Das muss nicht so sein, aber der Eindruck entsteht.

So gesehen, ist die Überraschung eigentlich nicht, dass Reinhard Birkenstock abgelöst wurde, sondern vielmehr, dass er erst jetzt abgelöst wurde. Man darf gespannt sein, ob und wie sich die Strategie der Verteidigung mit Kachelmanns neuem Anwalt ändert Und vor allem: Ob Kachelmann sich nun auch bald selbst äußert. Der Prozess wird sich wahrscheinlich noch bis März nächstes Jahr hinziehen. Die Auswechslung des Verteidigers Birkenstock war vermutlich nicht die letzte Wendung.

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