Wilde Talk-Tour durchs Wiki-Wunderland

Die Aufregung um die geheimen Tratsch-Dokumente, die von Wikileaks über die üblichen Kanäle (Spiegel, New York etc.) veröffentlicht wurden, veranlasste sogar die Redaktion von “Anne Will” aufzuwachen und ihr Programm hastig zu ändern. Statt über mobbende Chefs wurde nun also über den “schrägen” Entwicklungshilfe-Minister Dirk Niebel, “Teflon-Merkel” und die Internet-Revolution diskutiert. Otto-Normalzuschauer dürfte es freilich schwergefallen sein, dem wilden Ritt durchs Wiki-Wunderland zu folgen.

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Der Höhepunkt an Zuschauer-Herausforderung war erreicht, als Tagesspiegel-Chefredakteur Stephan-Andreas Cassdorf das ohnehin mäandernde Gespräch auch noch auf den Internet-Wurm Stuxnet brachte (der angeblich das iranische Atomprogramm sabotiert hat). Anne Will versuchte immer wieder, den Talk-Fluss in ruhigere Bahnen zu lenken und zur Sache zurückzukehren. Aber zu welcher Sache eigentlich?

War die Berufung Dirk Niebels zum Entwicklungshilfeminister nun eine “schräge Wahl”, wie die Amis laut den jüngsten Wikileaks-Enthüllungen denken? “Das kann man so einschätzen…”, lavierte der Betroffene Niebel, um kurz darauf zu konstatieren, seine Wahl sei doch nicht schräg gewesen. Kommunikations-Guerrillero Klaus Kocks rief und zeigefingerte dagegen: “Das war schon schräg!” Sascha-Lobo-Experte Sascha Lobo sekundierte: “Schräg sei da noch das freundlichste Wort, das ihm einfalle.” Ab und zu erschraken Lobo und Kocks, als sie sich argumentatorisch zu sehr auf einer Linie wähnten, und rückten dann unter lautem Gerufe und Zeigefingergeschwenke (Kocks) wieder voneinander ab. Kocks, indem er wahlweise rief “Gestohlene Daten – Hehlerware!” oder “Legal, illegal, scheißegal.”. Letzteren Schlachtruf wandelte Kocks gegen Ende in “Legal, illegal irrelevant" um.

Sascha Lobo redete auch der Irrelevanz das Wort. Was er von den Wikileaks-Enthüllungen halte, sei irrelevant, genauso irrelevant wie das, was die anderen Gäste davon halten. Denn so schlussfolgerte der professionelle Frisurenträger Lobo messerscharf: “Verhindern kann man das eh nicht.” Stattdessen wurden alle drei Sendeminuten eine neue Revolution ausgerufen: Die Internet-Revolution, die Datenschutz-Revolution, die Journalismus-Revolution, die Investigativ-Revolution usw. Da konnte einem nach dem beschaulichen Genuss des in gedämpften Braun-Tönen gehaltenen Tukur-Tatorts schon ganz schön schwummrig werden.

Interessant wäre zu wissen, wieviele der “normalen” “Anne Will”-Zuschauer am Sonntagabend überhaupt eine ungefähre Vorstellung davon haben, wer oder was Wikileaks ist. In der Sendung erfuhren Sie es jedenfalls nicht, bzw. bestenfalls andeutungsweise nach einer halben Stunde wildem Ducheinander-Gerede, als der Moderatorin einfiel, jetzt könnte man mal einen Erklär-Film über Wikileaks bringen. Und wer von den Otto-Normalzuschauern kann etwas mit dem Loboisten oder K. Kocks anfangen, die in den Untertiteln bei fast jeder Einblendung anders tituliert wurden. Mal als Blogger, dann als Autor, mal als Ex-VW-Vorstand und später als Kommunikationsberater. Wirr, irr and very irrelevant, my dear “Anne Will”-Redaktion.

Die “Anne-Will”-Sendung am Sonntag war aber nicht langweilig – und das kann man beileibe nicht über jede “Anne-Will”-Sendung sagen. Wer sich mit Medien und dem Internet auskennt sowie in der aktuellen Wikileaks-Debatte auf der Höhe der Zeit ist, konnte das Kasperle-Theater mit einigem Amüsement verfolgen. Alle anderen waren mit einem beherzten Druck auf den Ausschalt-Knopf wahrscheinlich besser bedient. Das Schlusswort gebührt einem wunderbaren Dialog zwischen dem Ex-Botschafter der USA, John Kornblum, und Frau Will. Kornblum: “Dieses Gespräch geht in die falsche Richtung!” Anne Will: “Schon wieder?” Sie hat es vermutlich ironisch gemeint. Da war aber auch was Wahres dran.

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