„Wikileaks birgt enorme zerstörerische Kraft“

Die Internetplattform Wikileaks hat Dokumente der US-Botschaften online gestellt, in denen über Politiker weltweit gelästert wird. Für Welt Online grenzt dieses Vorgehen an "Geheimnisverrat". Die Süddeutsche Zeitung ordnet es hingen als richtig ein, "sich der Geheimniskrämerei von Behörden zu widersetzen". Die Taz schreibt, dass der neueste Wikileaks-Coup vor allem der Arbeit von Journalisten zu verdanken sei und kommentiert: "So viel zum angeblichen Bedeutungsverlust der Presse im Zeitalter des Internets."

Anzeige

Welt Online
"Die neueste Volte von Wikileaks birgt enorme zerstörerische Kraft. Sie grenzt an Geheimnisverrat und ist geeignet, das Vertrauen diverser Staaten zu den USA über Jahre hinweg zu unterminieren. (…) Sie öffentlich zu machen sät Misstrauen, persönliche Feindschaft, Enttäuschung und bringt womöglich Menschen tatsächlich in Gefahr – etwa wenn es sich um geheimdienstliche Erkenntnisse bei befreundeten Staaten handeln sollte. Die mediale Wucht wird gewaltig sein. Der Schaden auch."
Taz.de
"Dabei wird gerne übersehen, dass Wikileaks selbst am wenigsten von den Informationen profitiert. Die eigentlichen Nutznießer sind die klassischen Medien wie New York Times, Guardian und Spiegel. Wikileaks hat erkannt, dass es dem interessierten Zeitgenossen wenig hilft, wenn er oder sie mehrere hunderttausend Dokumente vorgesetzt bekommt. Erst die Auswahl und Aufbereitung der Papiere macht diese auch lesbar. Erst die Arbeit von Journalisten macht damit auch den Erfolg von Wikileaks aus. So viel zum angeblichen Bedeutungsverlust der Presse im Zeitalter des Internets. Diese Arbeitsteilung ist praktisch. Wikileaks erledigt die Schmutzarbeit, große Magazine erhalten auflagenstarke Exklusivnachrichten, die Leser klopfen sich auf die Schenkel, und die USA stehen dumm da. Ob das aber eine auf Dauer tragfähige Kooperation ist, muss sich noch herausstellen. Wer weiß schon noch, worum es in der vorletzten Wikileaks-Enthüllung ging? Damit könnte das Enthüllungsportal bald dort ankommen, wo schon viele vermeintlich weltbewegende Geschichten gelagert sind: in den unendlichen Weiten des Archivs."
Bild
"Diese Enthüllungs-Affäre – ‚Berlingate‘ – ist kein Ruhmesblatt in den transatlantischen Beziehungen. Aber die deutsch-amerikanische Freundschaft ist für beide Länder zu wichtig, um sie an dieser Berliner Depesche aus der US-Botschaft kaputtgehen zu lassen."
Süddeutsche Zeitung
"Es ist richtig, sich der Geheimniskrämerei von Behörden zu widersetzen. Wenn Medien dies tun, können sie filtern, einordnen, Persönlichkeitsrechte schützen. Wenn Wikileaks große Mengen Rohmaterial ins Internet stellen sollte, fehlen solche Garantien. Es wäre nicht mehr das kontrollierte Leck, wie es Wikileaks im Namen trägt, sondern der Dammbruch. Weil es die Technik ermöglicht, kann heute jeder Dokumente veröffentlichen, seine Kollegen oder Arbeitgeber vorführen. Ein Außenministerium aber, das auch intern stets diplomatisch sein muss, funktioniert nicht. Ein Mensch, der niemandem mehr schreiben kann, was er denkt, auch nicht."
Frankfurter Rundschau
"Es gibt Dinge, die der Geheimhaltung unterliegen müssen. Da unterscheidet sich die politische Diplomatie nicht von anderen Betrieben. Für Dritte wäre es vielleicht ein großes Vergnügen, wenn die Personalakten eines Unternehmens am Schwarzen Brett hingen. Aber weder das Personal noch seine Chefs könnten darüber lachen."
Stern.de
"Die USA schäumten schon seit Tagen gegen die bevorstehenden Enthüllungen. Sie warfen Wikileaks vor, Staatsgeheimnisse zu verraten. Das ist Unsinn. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass es ein öffentliches Interesse daran gibt zu erfahren, was die USA über die Welt denken, wie sie Politik machen; was sie von Freunden und Feinden halten; und dass sie nicht davor zurückschrecken, Diplomaten damit zu beauftragen, andere Diplomaten auszuspionieren. Das alles ist hochnotpeinlich ist für die USA. Deshalb ist es so unterhaltsam zu lesen."
Handelsblatt.com
"Doch was hat die Welt davon, dass sie weiß, wie wenig oder wieviel die amerikanische Diplomatie vom deutschen Außenminister oder der deutschen Bundeskanzlerin hält? Die Lawine von diplomatischen Kabeln, die jetzt bekannt werden, sind ein Sammelsurium von Momentaufnahmen, von Einschätzungen, die mal fundiert, mal oberflächlich sind. Ihre Veröffentlichtung alleine vermittelt noch lange keine Wahrheit."
WAZ
"Jeder Zeitungsleser weiß, dass Guido Westerwelle als deutscher Außenminister einen schlechten Start hatte. Überraschend ist nur, dass auch die USA-Diplomaten dies so sahen."
Rheinische Post
"Die neue Wikileaks-Affäre ist der größte anzunehmende Unfall für die US-Diplomatie. (…) Es wird lange dauern, diesen Vertrauensbruch zu überwinden. Die selbst ernannte Aufklärungsmaschine Wikileaks feiert nach den Enthüllungen zum Afghanistan- und Irak-Krieg ihren dritten Coup. Wem nützt das Ende der Geheimdiplomatie aber, wenn dadurch die US-Beziehungen zu Verbündeten und der weltweite Anti-Terror-Kampf aufs Spiel gesetzt werden?"
Neue Osnabrücker Zeitung
"Zu fragen bleibt aber, ob Wikileaks tatsächlich dem hohen Anspruch
gerecht wird, Missstände aufzudecken. Hinweise auf üblen Umgang mit
Gefangenen in Guantánamo oder umstrittene Luftangriffe im Irak
gehören zweifellos ans Licht der Öffentlichkeit. Wenn nun aber
persönliche Einschätzungen amerikanischer Diplomaten über Politiker
anderer Länder ins Netz gestellt werden, dann dient dies erkennbar
auch der Befriedigung von Sensationslust und Voyeurismus. Und es
schadet dem Ansehen sowohl des Urhebers als auch des Geschmähten. Der
Erkenntniswert hält sich dagegen in Grenzen."

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige