Mein Google TV im Test: Eine Enttäuschung!

Seit einigen Wochen gibt es in den USA "Google TV". Der Suchmaschinen-Gigant will so das Internet aufs Fernsehen bringen. Das klingt nach "the next big thing" und wird auch in Deutschland von Medienmanagern mit Spannung erwartet. Das Prinzip: Während des Fernsehens soll man auf dem Bildschirm surfen, nach seinen E-Mails schauen und twittern können. Die Google-Macher versprechen eine "TV-Revolution". MEEDIA-Herausgeber Dirk Manthey hat sich das "neue Fernsehen" in Kalifornien angesehen.

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Den USA geht es nicht gut dieser Tage. Die Obama-Regierung kriegt die Arbeitslosigkeit nicht in den Griff, und die Staatsverschuldung steigt und steigt. Immer mehr Amerikanern dämmert, dass China sie in ein paar Jahren als Wirtschaftsmacht Nummer eins ablösen wird. Die Folge: von New York bis Los Angeles macht sich eine spürbare Verunsicherung breit.

In Sachen Fernsehen und Internet sind die USA dagegen noch immer ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten – und Europäern und Asiaten um Einiges voraus. High Definition TV mit Hunderten von Kanälen ist hier längst eine Selbstverständlichkeit. Und über Apple TV, Amazons Video on Demand oder Netflix kann man per Knopfdruck tausende von Spielfilmen in gestochen scharfer Qualität auf den Bildschirm laden. Für TV- und Filmfans ist die USA wirklich ein Schlaraffenland.

Ganz neu dieser Tage ist Google TV, eine Gemeinschaftsentwicklung von Google, Intel, Sony und Logitech, die auf dem Mobilbetriebssystem Android und dem hauseigenen Browser Chrome basiert. Es ist mal wieder ein Versuch, das Internet auf den Fernseher zu bringen. Bisher sind alle ähnlichen Bemühungen gescheitert, aber jetzt probiert es ein Konzern, der nicht aufs Geld achten muß. Google-Chef Eric Schmidt: „Wir haben für Google TV keinerlei Business-Modell“. Das erinnert etwas an seinen Einstieg bei YouTube…

Wer Google TV in den USA haben will, muss sich entweder einen neuen Fernseher von Sony (Preise: zwischen 600 und 1.400 Dollar), einen Sony Blu-ray Player (299 Dollar) oder eine Set-Top-Box von Logitech (zwischen 299 und 180 Dollar) kaufen. Da wir mit unseren Fernsehern ganz zufrieden sind und einen DVD-Player angesichts der vielen Filmkanäle in HDTV nun wirklich nicht brauchen, entscheiden uns für die kleine Box.

Im Gegensatz zum iPad, bei dem es anfangs große Lieferschwierigkeiten gab, kommt das Logitech-Paket postwendend. Allzu groß scheint die Nachfrage nicht zu sein. In der Fedex-Sendung finde ich nicht nur eine kleine schwarze Box, sondern auch eine drahtlose Tastatur, die als „ intuitive companion keyboard controller“ gepriesen wird. Sie sieht so aus.

Das Anschließen ist kein Problem. Ein paar Stecker verbinden, das TV-Signal mit der Box synchronisieren und sein Gmail-Account eingeben. Das war’s.

Aber wenn man sich dann mit dem Keyboard erwartungsvoll vor den Fernseher setzt, wird man schnell enttäuscht. Eine "TV Revolution" hatte ich mir anders vorgestellt.

Zunächst fällt auf, dass die Nutzerführung alles andere als intuitiv ist, sie ist eher chaotisch. Man startet – typisch Google – auf einer schlichten Oberfläche. Auf der linken Seite vom Bildschirm findet man eine vertikale Navigation mit den Punkten "Bookmarks", "Applications", "Spotlight", "Most viewed" "Queue", "What’s on" und "Amazon Video", wobei sich mir auch nach einer halben Stunde nicht erschließt, wie sich genau die einzelnen Begriffe unterscheiden. Besonders verwirrend: Amazon Video gibt es einerseits als eigenen Navigationspunkt, aber dann findet man es voreingestellt auch unter "Bookmarks" und "Applications".

Ich klicke auf "Spotlight", da werden per Icon 17 Videokanäle angeboten. Darunter bekannte Namen wie "YouTube", "CNN", "New York Times"  oder "USA Today", aber auch völlig unbekannte Anbieter wie  "KQED", "MeeGenius" und "mSpot" oder "Sidereel".

Wenn man auf die "New York Times" geht, findet man die ziemlich langweiligen Videos der Webseite wieder. Bei CNN gibt es Einzelbeiträge der letzte Stunde, KQED ist so etwas wie Bürger-TV für Kalifornien. Bei MeeGenius werden Kinderbücher vorgelesen, bei mSpot und Sidereel kann man preiswert Spielfilme ansehen. So richtig interessieren tut mich das alles nicht. Selbst der vielversprechende Sender "Adult Swim" entpuppt sich als Enttäuschung. Es ist ein zweitklassiges Comedy-Programm.

Dann entdecke ich, wie ich ins Internet komme: man muss auf Applications gehen und dort unter den Apps "Chrome" auswählen. Aha! Warum man den "Chrome"-Browser nicht auf die erste Navigationsebene gelegt hat, bleibt mir ein Rätsel.

Internet auf dem Fernseh-Schirm ist eine ungewohnte Erfahrung. Irgendwie fühlt man sich zu weit weg, die Schrift ist verdammt klein und das Klicken mühsam. Ich gehe auf ein paar Webseiten, lese bei "Spiegel Online" über die jüngsten Wikileaks-Veröffentlichungen, gebe aber ziemlich schnell wieder auf. Internet auf dem Fernsehen macht keinen Spass. Danach hat man das Gefühl, man müsse sich beim Augenarzt anmelden.

Wo immer ich in der nächsten Stunde noch hinklicke, ich finde nichts, was mich wirklich interessiert. Die Software ist chaotisch aufgebaut, die Inhalte langweilig. Kurz, Google TV sucks! Was für eine Enttäuschung!

Ob der Branchenprimus noch die Kurve kriegt? Langfristig sehe ich für Google TV nur noch zwei Chancen:

• Wenn man sich so die Beiträge der Mediatheken der großen TV-Sender auf den Bildschirm holen kann. Das war ja einer der Pläne der Google-Macher, der aber nicht aufzugehen scheint. Nach ABC, CBS, NBC hat gerade auch die Fox-Kette eigene Online-Inhalte für Google TV gesperrt. Die US-Sender sind zu schlau, um sich ihr eigenes Grab zu schaufeln. (Nebenbei: bei den Mediatheken von ARD und ZDF ging es mir nicht besser. Ich bin zwar auf deren Seiten gekommen, hab dort aber kein Video starten können).

• Wenn es eines Tages nützliche Apps geben sollte, die speziell für den Fernseh-Schirm optimiert sind. Internet-Seiten wirken auf dem Bildschirm überladen und zu kleinteilig. Sie müssen wie beim iPad vereinfacht und angepasst werden. Aber die App-Entwickler werden sich nur die Mühe machen, wenn sie erwarten, dass Google TV sich im Markt auch durchsetzen wird. Und davon würde ich momentan nicht ausgehen.

Die Chancen für Google TV sind deshalb schlecht. Wer beim Fernsehen unbedingt surfen, twittern oder emailen will, ist mit einem Notebook auf dem Schoß ohnehin viel besser bedient.

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