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„Der Tatort ist zur Marke geworden“

Für "Deutschland-Puzzle" nahm Klaus Werle deutsche Eigenarten unter die Lupe. MEEDIA erzählt der preisgekrönte Journalist und Buchautor, was den "Tatort" für die deutsche Seele so reizvoll macht. Seine These: Wir schalten jeden Sonntag ein, weil wir wissen, was uns erwartet. Und nicht, weil es spannend ist. Der Krimi als national zelebriertes Ritual. Im Interview verrät Werle, nach welchen Regeln ein "Tatort" funktioniert, was den perfekten Krimi ausmacht und wie der "Tatort" auch in Zukunft erfolgreich bleiben wird.

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Herr Werle, schauen Sie am Sonntag den Jubiläums-Tatort?
Ja, natürlich. Der Tatort ist für mich zum Ritual geworden. Früher habe ich das allein zelebriert, jetzt zusammen mit meiner Frau. Das beruhigt einen nach einer anstrengenden Woche und ist ein wunderbarer Fixpunkt.

Warum ist der Tatort ein Phänomen?
Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist es der Fixpunkt. Egal, was sich ändert: Am Sonntagabend kommt der Tatort. Ein weiterer Faktor ist die Regionalisierung – ein Kniff der Tatort-Erfinder. Da kann sich jede Region mal gebauchpinselt fühlen. Der Tatort ist aber vor allem so erfolgreich, weil er so beruhigend ist. Und nicht, weil er spannend ist. Denn eigentlich erwartet den Zuschauer jedes Mal dasselbe. Erst der Vorspann, dann der Mord, ein bisschen Privatkram der Ermittler, danach geht es wild hin und her, und am Ende sitzt der Mörder hinter Gittern. Im Vergleich zur Tagesschau, die uns immer wieder mit Horrorszenarien konfrontiert, ist das einfach pure Entspannung.

Also reden wir eigentlich von einem Anti-Krimi?
Durchaus. Das hat ein bisschen was vom “Wort zum Sonntag”. Die Welt wird kurz in Scherben geschlagen. Doch am Ende ist alles heil. Da gibt es zwei Mechanismen. Achten Sie selbst einmal darauf: Jeder Verdächtige, der vor 21.35 Uhr vorgeführt wird, ist grundsätzlich nicht der Mörder. Da können Sie die Uhr nach stellen. Weiteres Indiz: die Prominenz mancher Schauspieler. Wenn da einer mitspielt, den die Zuschauern kennen, ist es klar, dass er der Mörder sein muss.

Was ist Ihr Lieblings-Tatort?
Ganz klar: der Münsteraner. Und dass, obwohl er am weitesten weg ist von dem, was wir Krimi nennen. Er hat komödiantische Elemente. Jan-Josef Liefers und Axel Prahl machen einen wunderbaren Job. Es ist einfach eine gute Komödie im Gewand eines Krimis. Außerdem sind die Fälle klug konstruiert. Und er ist temporeich erzählt. Es gibt ja so viele langsame Tatorte. Bremen zum Beispiel. Und noch schlimmer: Bodensee. Da schalt ich dann auch ab.

Was auch unterstreicht, dass man nicht einschaltet, weil der Tatort spannend ist.
Genau. Man muss aber auch klar unterscheiden, was der Tatort früher war und was er heute ist. Anfang der Siebziger war das ein Straßenfeger. Heute gibt es ganz klar andere Formate, die weitaus spannender sind.

Wo wir gerade über die Konkurrenz reden: Muss sich der Tatort anpassen an Formate wie “CSI” oder “Bones”?

Ich glaube schon, dass der Tatort sich ändern sollte. Allerdings nicht hin zu effektvollen Krimiserien wie “CSI” oder “Bones”. Das würde nicht funktionieren. Er sollte die deutsche Realität immer wieder aufgreifen und in seinen Fällen verarbeiten. Die verändert sich ja auch. Und das macht er ganz gut bisher. Ob es in den Neunzigern um Asylanten ging oder heutzutage um Wirtschaftskriminalität: Was uns real betrifft, wird dort fiktiv behandelt.

Gibt es ein Geheimrezept für einen guten Tatort?
Man braucht einen sympathischen, unverwechselbaren Ermittler. Der muss Profil haben, ein Typ mit Ecken und Kanten sein. Der Fall muss spannend sein und darf ruhig etwas latente Aktualität haben. Was überhaupt nicht geht, ist das, was der Bremer Tatort verursacht. Da hat man einen Sender, der einen politisch belehren möchte. Aber wenn man politische und wirtschaftliche Themen aufgreift, ohne sie zu werten, kann das sehr spannend sein. Im Idealfall hat die Story dann noch einen unerwarteten Spin. So wie beim letzten Münsteraner Tatort, als der Vater von Ermittler Thiel (gespielt von Axel Prahl) verdächtigt wurde.

Drei der erfolgreichsten Tatorte liefen erst in den vergangenen zwei Jahren. Erlebt die Krimi-Reihe gerade ein Revival?
Absolut. Der Tatort ist zur Marke geworden. Und abgesehen vom Fußball ist es die letzte Instanz im deutschen Fernsehen, die einen Straßenfeger-Effekt hat. Als ich noch zur Schule ging, gab es Fernsehsendungen, über die man sich am nächsten Tag noch unterhalten hat. Dafür ist das Angebot ja heutzutage viel zu breit gefächert. Aber der “Tatort” schafft es immer wieder. Weiterer Vorteil: Der Tatort ist generationenübergreifend.

Aber warum?
Das liegt daran, dass sich der Tatort sehr behutsam modernisiert. Wenn er daherkommen würde wie ein Hochglanz-CSI mit seinen raschen Schnitten und ständigen Irrungen und Wirrungen in der Story, würde meine Mutter nicht mehr einschalten. Wenn er immer noch so wäre, wie in den Siebzigern, würde ich nicht mehr einschalten. Jetzt bildet der Krimi aber einen mainstreamigen kleinsten gemeinsamen Nenner. Und so bleibt er ein Ritual, an dem alle gerne teilnehmen, wenn gerade nichts anderes Spannendes passiert.

Zur Person: Klaus Werle studierte Germanistik, Geschichte und Anglistik. Seit 2004 arbeitet er als Redakteur für das Ressort Karriere beim Manager Magazin. In “Deutschland-Puzzle: 20 Teile – von ADAC bis Vollkornbrot” beleuchtet er das Phänomen “Tatort”.  Für seine Reportage "Die Waldmeister" und "Das Butterbrot-Prinzip" räumte er 2010 gleich zwei Auszeichnungen beim Journalistenpreis für Börse, Finanzen und Wirtschaft ab. Sein neues Buch “Die Perfektionierer” nimmt sich den Optimierungswahn unserer Gesellschaft zur Brust.

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