Merkur: Chefredakteur rechnet mit Kirche ab

Heute erscheint die letzte eigenständige Ausgabe des Rheinischen Merkur. Der Chefredakteur der konfessionellen Wochenzeitung, Michael Rutz, rechnet darin mit der katholischen Kirche ab. In einem Leitartikel kritisiert er, die Kirche verlasse die Gläubigen, indem sie ihr Medienengagement reduziere "und damit die Kanzeln unserer Zeit geringer schätzt". Er stellt zudem die Frage, warum die Kirche keine Fördermittel mehr für die Zeitung bereitstellt.

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Mehr als fünf Milliarden Euro verdiene die katholische Kirche allein in Deutschland durch Kirchensteuereinnahmen. Rutz hält es deshalb für fraglich, ob das Geld wirklich der Grund für die Einstellung des Merkur sein könne. In den vergangenen 65 Jahren hatte die Wochenzeitung immer Produktionskostenzuschüsse erhalten. Doch die Förderung ist "von Jahr zu Jahr gefallen, zuletzt auf einen kleineren einstelligen Millionenbetrag", schreibt der 59-Jährige.
Alternativen zur Einstellung des Merkur, die laut Rutz vorhanden waren, seien von den Bischöfen nicht geprüft worden. "Das ist ein Zeichen der Zaghaftigkeit in Zeiten, in denen die Kirche eigentlich nichts dringlicher braucht als eine Offensive ihrer Glaubwürdigkeit, eine Präsentation ihrer Vorzüge." Der scheidende Chefredakteur wirft seinem Arbeitgeber mangelnde Reformbereitschaft und einen "Ausverkauf an Relevanz" vor. So entstehe eine "Spirale nach unten".
In seiner Vergangenheit hatte der Merkur mehrfach über Themen berichtet, die der Kirche nicht gefallen hatten. Der 59-Jährige begründet das damit, dass eine Wochenzeitung eine "notwendige Debattenfreude" vorweisen und immer "Forum der Mitte sein muss und nicht nur die Ränder des katholischen Fundamentalismus bedienen darf".
Neun Bistümer und die Bischofskonferenz als Dachorganisation aller 27 deutschen Diözesen halten sämtliche Anteile am Rheinischen Merkur. Künftig erscheint das 1946 gegründete Blatt als sechsseitige Beilage der Wochenzeitung Die Zeit. Die abgespeckte Version soll spätestens zum 1. Januar von einer Rumpf-Redaktion von sechs bis sieben Redakteuren produziert werden. Bislang umfasste die Redaktion rund 20 Redakteure. Auch Michael Rutz wird nach eigenen Angaben weiterhin als freier Mitarbeiter für die Beilage tätig sein.

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