Anzeige

DuMont: Zerreißprobe einer Print-Dynastie

Ein Medienkonzern zieht die Reißleine: In ungewohnt scharfer Form hat M. DuMont Schauberg den Ex-Vorstand und zuvor designierten Unternehmenschef kritisiert und Konstantin Neven DuMont durch Aberkennung noch verbliebener Ämter geächtet. Die heute in Zeitungen publizierte Maßnahme ist vorläufiger Schlusspunkt einer quälend langen Serie von Peinlichkeiten, in denen der Konzern wenig souverän wirkte. Matrix des Konflikts ist eine tragische Vater-Sohn-Beziehung. Eine Analyse von Christopher Lesko.

Anzeige

Der römische Kaiser Konstantin trug den Beinamen "der Große". Man mag streiten über die symbolische Kraft von Namen, mit denen Kinder auf die Welt kommen. Misst man jedoch der Namensgebung auch nur ansatzweise eine Bedeutung zu, so muss die Latte hoch gelegen haben für Konstantin Neven DuMont, als er in den langen Schatten der Lebensleistung eines wirklich großen Vaters geboren wurde: Vielleicht zu hoch für einen Mann, der öffentlich (mit-)diskutiert, was nicht in die Öffentlichkeit gehört.

Mit jeder Entscheidung, die Geschichte der öffentlichen Aufregungen um Konstantin Neven DuMont zu kommentieren, ist die Entscheidung für einen Ritt auf einer Rasierklinge getroffen. In einer Situation, die vieles bereits beschädigt und verletzt sieht, ist eine Mischung von Klarheit, Respekt und Reflexion nicht ganz leicht herzustellen.

Die Bewegungen um Konstantin Neven DuMont, um Blog-Einträge ungeklärter Verursacher, um Vorstandsfunktionen, Macht im  Unternehmen und Vater-Sohn-Beziehungen begannen ursächlich vielleicht früher, als es den Beteiligten bewusst gewesen sein mag. Als vor einigen Wochen der Medienjournalist Stefan Niggemeier aufdeckte, dass innerhalb seines Blogs  über einen längeren Zeitraum von Neven DuMonts IP-Adresse Beiträge einer großen Anzahl von Pseudo-Identitäten nachzuweisen waren, begann ein öffentlich diskutierter, paradoxer Prozess, der Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichkeit im Feld eines anerkannten Medienunternehmens unangemessen flexibilisierte: Das Medien-Business hatte seinen soliden Post-Sommerloch-Skandal.

Im Zentrum: Konstantin Neven DuMont, ein erwachsener Mann von immerhin 41 Jahren, Vorstandmitglied eines bedeutsamen Medienunternehmens mit Tradition und Herausgeber der Frankfurter Rundschau. Niggemeier veröffentlichte den Vorgang innerhalb seines Blogs. Sein Titel der "Systematischen Störung" schien auf die Übergriffe verschiedener Pseudo-ID´s innerhalb seines Blogs bezogen, öffnete unter der Oberfläche geschriebener Worte jedoch die Frage, ob den Resultaten systematischer Störung auch ein systematisch Gestörter als Verursacher zugrunde liegen mochte.

Der weitere Fortgang des Themas sah unterschiedliche Grenzüberschreitungen und war tragisch genug:
Da wurden Statusmeldungen des Unternehmens veröffentlicht, Konstantin Neven DuMont sei in Urlaub, die Vorstandsämter würden ruhen, es würde zu dem Thema nicht weiter kommuniziert. Da gab Konstantin Neven DuMont trotz des verkündeten "Maulkorbes" Interviews im Spiegel, dem Focus und der Bild und trieb seinen Vater Alfred Neven DuMont öffentlich in einen ernsten Loyalitätskonflikt zwischen Unternehmen und Lebenswerk auf der einen und leiblichem Sohn auf der anderen Seite. In aller Öffentlichkeit  wurden Aspekte familiärer Beziehungsgestaltung gezeichnet, die wirklich nicht in die Öffentlichkeit gehören, strategische Themen von Unternehmensführung  oder Nachfolgeregelung kommentiert, die vertraulichen Charakter haben.

All dies wirkte zunehmend  grenzenloser und folgte in impulsgesteuerter Eigendynamik jener getriebenen Energie, die in ähnlichen Situationen von Motoren tiefer Kränkung  generiert werden mag. Erwachsen und verantwortlich, so dachte man, geht irgendwie anders. Und: das ist wirklich traurig, da entgleitet allen sinnvolle Steuerung – auch der Presse.
Aus der Distanz scheinen weitere Aspekte alternativer Blickrichtungen einen Blick wert:

Funktion

Neben den Herausgeber-Funktionen hat Konstantin Neven DuMont mit den Themen "Strategie und Kommunikation" innerhalb des Vorstandes von MDM zwei Verantwortungsbereiche inne, die in anderen Vorständen kaum als Vorstandbereiche zu finden, sondern eher als vorbereitende Stabsstellen oder als zuarbeitende Abteilungen in Organisationen repräsentiert sind. Die gesamte Unternehmensstrategie wird langläufig als Aufgabe des Boards unter Federführung des CEO begriffen. Allein dieses Organisationskonstrukt scheint einen Gedanken wert, weil es – oberflächlich betrachtet – dem ursprünglich möglicherweise designierten Erben innerhalb eines Vorstandes – im Quervergleich mit vielen anderen Organisationen- nicht ein zentrales Aufgabenfeld der inhaltlich allerersten Reihe zuweist. Die Frage möglicher interner Motive (möglicherweise ist ja mit der aktuellen Regelung auch einem Wunsch Neven DuMonts entsprochen worden) für diese Besetzung mag offen bleiben. Zumindest jedoch scheint die Deutlichkeit, mit der Konstantin Neven DuMont via Presse seinen Vater zur Übergabe seiner Verantwortung auffordert, aus der Kraft der dem leiblichen Sohn  übertragenen Vorstandverantwortungen nur sehr begrenzt ablesbar.

Haltung und Loyalität

Man mag über die Qualität von Vorständen insgesamt denken, wie man will. Vielleicht unterscheiden sich manche Vorstandssitzungen in der Tat kaum von der Dynamik von Kindergeburtstagen. Aber: Man kann und muss von allen wichtigsten Verantwortlichen Basics erwarten, für deren Verletzung jeder Pförtner seine Kündigung erhielte: Loyalität und ein Minimum an sozialer Kontrolle eigener Emotionen in der Außenwirkung – spätestens dann, wenn das individuell öffentliche Auftreten das Unternehmen in Details beschädigen könnte.

Bei allem Verständnis für mögliche, innere Motive: Beides stand Konstantin Neven DuMont nicht in jeder Sekunde der letzten Wochen zur Verfügung: Die Fähigkeit zu öffentlich stabiler Loyalität und jene zur sozialen Kontrolle persönlicher Impulse.  Das Dilemma: Irgendwann einmal muss man damit beginnen – in Korrespondenz mit der selbst von ihm reklamierten Funktion –, das Verhalten eines  41-jährigen Vorstandes  auch an vernünftigen Kriterien eines erwachsenen Mannes zu messen. Wenn Vorstände insgesamt wie getriebene Hamster aus inneren Laufrädern ihrer Emotionen handeln würden, müsste man sich ernste Sorgen um die Zukunft von Unternehmen machen. Wo Loyalität und Kontrolle fragiler zu werden scheinen, wirkt das öffentliche Einklagen von Macht und verantwortlichen Positionen ansatzweise makaber.

Wären die Blog-Einträge bei Stefan Niggemeier vom Rechner des Pförtners bei MDS getätigt worden, könnte man sicher sein, dass sehr schnell personelle Konsequenzen gezogen worden wären. Betrachtete man darüber hinaus noch das professionelle Primärfeld Konstantin Neven DuMonts, geriete eine mögliche Bewertung übrigens noch kritischer. Wenn Journalismus, wenn Kommunikation auch als professionalisierter, überlegter und gesteuerter Umgang mit Nachrichten, Meinungen und dem Wort als Medium gelten mögen, schien Neven DuMonts Form öffentlicher Äußerungen in den vergangenen Wochen alles ignoriert zu haben, was fachlicher Kern seiner Ursprungs-Profession und Charakter seiner Rolle gefordert hätten. Mehr noch als für jeden Journalisten, müssten hohe qualitative Maßstäbe für einen Mann gelten, der in der Steuerung eines Unternehmens diese Verantwortungen repräsentiert und einfordert. Auch dies ist Teil der eingangs erwähnten Rasierklinge.

Vater und Sohn: Der alte Mann und das "Mehr"

Auf eine Reaktion des schon 83-Jährigen Vaters, Prof. Alfred Neven DuMont, hat man lange warten müssen. Wer seine Erklärung emotional präzise gelesen hat, spürt in den Zwischentönen stilistischer Old-Fashioned-Formulierungen nicht nur Spuren einer vergangenen Zeit. Es muss, so dachte man, dem alten Herrn unendlich zugesetzt haben, öffentlich und hartnäckig von seinem leiblichen Sohn in einen ernsten Loyalitätskonflikt gezerrt zu werden und dies durch tragfähige, interne Vereinbarungen nicht verhindern zu können. Zwischen dem leiblichen Sohn auf der einen Seite und dem Unternehmen als persönlichem Lebenswerk auf der anderen Seite Stellung beziehen zu müssen, belastet für einen 83-Jährigen in unzumutbarer Weise alle Grenzen der Kraft.

So platt es klingen mag: Söhne, die gute, respektvolle Beziehungen zu ihren Vätern haben, muten Vätern dieses Maß öffentlich sichtbarer Aggressivität nicht zu. Über mögliche individuelle Verzweiflung des Sohnes oder mögliche Differenzen in der Führung des Unternehmens hinaus hat hier Konstantin zu möglicher Größe nicht finden können. Man möchte gar nicht wissen, was genau letztlich hier wirklich wem heimgezahlt wurde.

Gleichzeitig allerdings bot dieses Vorgehen strategische Lücken, weil Konstantin selbst dem Vater jede Chance auf öffentliche Stützung des Sohnes genommen hatte. Hätte er diese wirklich vom Vater gewollt, er selbst hat sie verhindert: Man kann den eigenen Vater nicht öffentlich in eine Ecke treiben, um ihn zur Zustimmung für einen Sohn zu bitten, der seinerseits vielleicht Grenzen von Loyalität und etwaigen, internen Absprachen überschritten haben mochte. Über diese Hürde kommt letztlich  auch niemand, dessen Blut dicker sein mag als Wasser. Und: Man kann dem Sohn diese Bemerkung nicht ersparen. Die Bild-Interviews bildeten vor dem Hintergrund des Wettbewerbs zwischen Kölner Express und Bild einen zusätzlich überflüssigen Stich ins Herz väterlicher und unternehmerischer Loyalität. So wenig, wie man sich von Fröschen bei der Austrocknung ihres Teiches beraten lassen würde, wird der alte Neven DuMont seinen möglichen, öffentlichen Abgang durch die freudige Aufnahme von Gesprächen mit Konstantin beschleunigen.

Selbst, wenn er dies täte und Konstantin Neven DuMont und Christian DuMont Schütte jene freie Bahn gäbe, die Konstantin via Bild für beide öffentlich forderte, blieben bittere Spuren zurück. Und für Vater und Sohn mag auch nach dem jetzt vollzogenen Bruch gelten: Am Ende des Tages muss jeder für sich selbst entscheiden,  mit welchem Maß an moralischer Flexibilität er noch guten Herzens in den Spiegel schauen kann.

In Zeiten von Krise, Restrukturierungen und strategischer Unsicherheit im Spannungsfeld zwischen Print und Online hätte es klüger sein können, alle inneren Kräfte zu bündeln. Die Versuche dazu wird es gegeben haben, und man darf von zentral Verantwortlichen auch erwarten, dass sie im Sinne des Unternehmens den Verstand einschalten, wenn abzusehen ist, dass ein Sog von Emotionen Handlungsfähigkeit zu beeinträchtigen droht:  Kein Medienhaus Deutschlands braucht zusätzliche Zerrissenheit. Die mediale Berichterstattung des gesamten Prozesses hat ein Übriges dazu getan, dem Haus MDS die nötigen Schritte nicht dramatisch zu erleichtern.

Die Vorgänge in Stefan Niggemeiers Blog bildeten den sichtbaren Start eines Zusammenspiels vieler Handlungs- und Konfliktstränge auf gleichzeitig vorhandenen, unterschiedlichen Ebenen. Ein Drama, dem man sich einerseits nicht entziehen konnte, und bei welchem man andererseits  lieber nicht hätte zuschauen wollen. Die Frage, ob es opportun war, den Blog-Vorgang zu einem öffentlichen zu machen, ist gestellt worden. Auch die Frage der Motive dafür. Zumindest hat der Journalist Stefan Niggemeier mit der Veröffentlichung etwas getan, das man Konstantin Neven DuMont an einigen Stellen des Prozesses im Umgang mit sich selbst gewünscht hätte. Er hat einen 41-Jährigen, der wissen konnte,  dass Handeln Konsequenzen unterliegt, wie einen Erwachsenen behandelt, der Vorstand eines Medienunternehmens ist.

Wenn man einen Monat vor Weihnachten irgendetwas wünschen dürfte, wäre das De-Eskalation. Man müsste verstehen wollen, was man längst weiß und spürt: Dass auf diesem Weg, in diesem Stil für alle Beteiligten – auch die kommentierenden Medien – die Dinge so nicht besser werden. Es kann niemanden geben, der aus dieser Einbahnstraße ohne weitere Beschädigungen an ein Ziel gelangt. Jeder weitere Schritt innerhalb des gesamten Themas müsste von jedem Beteiligten vorher der zusätzlichen Prüfung unterzogen werden, ob er einer möglichen Verschärfung oder einer  Entspannung dient.
Gelingt dies nicht, dann müsste ein Text, der mit Konstantin als römischem Kaiser begonnen hat, mit Pyrrhus enden.

Nachtrag: Der Artikel wurde geschrieben, bevor der Aufsichtsrat seine heute publizierte Entscheidung getroffen hat, Konstantin Neven DuMont von allen Herausgeberämtern zu entbinden.

Mehr über den Autor: www.lesko.ch

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige