Syker Kreiszeitung: die Werder-Profis

Der 25.000-Seelen-Ort Syke, südlich von Bremen gelegen, hat es unter Fußballfans zu Ruhm gebracht. Dank seines Regionalblattes. Wer wissen will, wie Werder-Trainer Thomas Schaaf mit der aktuellen Krise umgeht oder was sich Austro-Sorgenkind Marko Arnautovic wieder geleistet hat, liest nicht das "Fachmagazin" Kicker, Springers Sportbild oder den lokalen Platzhirschen Weser-Kurier. Seit zehn Jahren bestimmt die Syker Kreiszeitung die Berichterstattung über den Fußballklub Werder Bremen.

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Geographisch gesehen liegt Syke in Niedersachsen, 20 Kilometer südlich von Bremen. In den ländlichen Kreisen Diepholz, Rotenburg oder Verden ist das Blatt die Nummer eins. In der Hansestadt selbst jedoch bekommt man die Kreiszeitung nur am Bahnhofskiosk und am Flughafen. Trotzdem gehören die Insider-Berichte der Land-Reporter zur Pflichtlektüre für echte Werder-Fans – in Bremen und in der Umgebung. Schon früh konzentrierten sich die Redakteure auf eine intensive Berichterstattung über den Fußball-Verein. "Sie haben etwas gemacht, was der Weser-Kurier damals nicht gemacht hat: Sie waren jeden Tag vor Ort", erinnert sich Werders Mediendirektor Tino Polster. 
Schon seit zehn Jahren ist täglich einer der Redakteure beim Training, fährt mit dem Klub ins Trainingslager, besucht sämtliche Pressekonferenzen und Spiele. "Wir sind überall da, wo Werder ist", erklärt der Sportredakteur Björn Knips. Ein großer Aufwand, den das dreiköpfige Werder-Team des Lokalblattes betreibt. Jeden Tag nimmt der Fußballverein eine eigene Seite ein. "Vor wichtigen Champions-League-Spielen oder einem Pokalfinale sind es auch mal zwei oder mehr Seiten", fügt der 38-Jährige hinzu.
Unter der Leitung der Chefredakteure Hans Willms und Heinz-Jürgen Ziller kommt die Kreiszeitung auf eine Auflage von rund 70.000 Exemplaren. Wie so gut wie alle Lokalzeitungen kämpfen auch die Nordlichter mit rückläufigen Auflagen. Alleine in den vergangen zwei Jahren gingen 2.000 Käufer verloren. Hauptanteilseigner an dem Blatt ist der Münchener Verleger Dirk Ippen.
Andere Bremer Medien, wie der Weser-Kurier, der mit 170.000 Exemplaren eine mehr als doppelt so hohe Auflage hat, hinkten bei der Werder-Berichterstattung lange hinterher – und das obwohl sie direkt in der Hansestadt sitzen. "Am Anfang waren wir neben der Bild-Zeitung die einzigen, die jeden Tag über Werder berichtet haben", sagt Knips. Davon profitiert die Redaktion noch heute. Sie hat einen guten Draht zum Geschäftsführer Klaus Allofs und den Spielern. "Manche Spieler erzählen uns etwas, wollen dann aber nicht genannt werden. Denn wer offen Kritik übt, fliegt aus der Mannschaft", sagt Knips. Mittlerweile hat der Weser-Kurier aber nachgezogen und ist ebenfalls täglich vor Ort am Bremer Stadion.
Die letzte große Exklusiv-Story drehte sich um eine Notoperation von Torsten Frings. Der Werder-Kapitän musste nachts nach einem Spiel unters Messer, weil sein Oberschenkel gefährlich angeschwollen war. In der Saison 2008/2009 deckten die Syker die "Märchenstunde vom Osterdeich" auf. Der Hintergrund: Werders ehemalige Stars Diego, der jetzt für den VfL Wolfsburg kickt, und Mesut Özil fehlten bei der Partie gegen den 1. FC Köln angeblich verletzungsbedingt. Kurz darauf kam heraus, dass sie zeitgleich zu dem Bundesligaspiel auf einem Bremer Sportplatz im Stadtteil Oberneuland gegen den Ball traten. Dort spielten die Ex-Bremer gerne privat. Verletzt waren sie nicht – Trainer Schaaf wollte sie nur für das nächste Spiel schonen. Sowohl die Fußballprofis als auch der Verein versuchten, die Aktion zu verschleiern.
Ein anderes Reporter-Highlight war während der WM 2006, ebenfalls mit Torsten Frings: "Als er nach dem Viertelfinale gegen Argentinien für das Halbfinale gesperrt werden sollte, waren wir die einzigen, die mit ihm gesprochen haben." Aber anstatt die Scoops an die große Glocke zu hängen, bleibt Knips bescheiden: "Wenn man sich intensiv mit einem Bundesligaverein beschäftigt, kommt man automatisch an solche Geschichten."
Nur mit Trainings-Berichten lässt sich die tägliche Werder-Seite jedoch noch lange nicht füllen. Längere Analyse-Stücke veröffentlichen die Schaaf- und Allofs-Kenner täglich im Printprodukt und auch auf ihrer Webseite. "Wenn es beim Verein rund läuft, sind alle gut drauf und die Zusammenarbeit macht am meisten Spaß", sagt Knips. Geschichten, die eine extrem lange Recherche erfordern, druckt das Blatt jedoch selten. "Wir sind nun einmal sehr stark ins Tageszeitungsgeschäft eingebunden und haben nicht immer die Zeit, wochenlang an großen Skandalen zu recherchieren." Täglich eine Seite mit Werder-Themen zu füllen, sei ein immenser Druck. "Die Redaktion betreibt aber keine Hofberichterstattung", stellt Mediendirektor Polster klar.
Dazu begeben sich Knips und Kollegen täglich auf eine Gratwanderung. Einerseits haben sie die Aufgabe, objektive, kritische Berichte zu verfassen. Andererseits "müssen wir immer daran denken, dass wir den Leuten am nächsten Tag wieder in die Augen schauen müssen", sagt Knips. "Deshalb wägen wir gründlich ab, welche Worte wir in unseren Artikeln wählen." Da hätten es Medien einfacher, die aus dem fernen Frankfurt oder München einmal in drei Wochen über Werder berichteten. "Die können in ihren Texten sicher stärker draufhauen als wir. Aber trotzdem sind wir keine Weichspüler."
Zu Reibungspunkten mit Werder kommt es deshalb auch immer wieder. Erst vor wenigen Wochen kritisierte Thomas Schaaf auf einer Pressekonferenz die komplette Bremer Medienlandschaft. Er warf den Journalisten vor, mit dem Neuzugang Mikael Silvestre nicht fair umzugehen. Der Franzose hätte von Anfang an keine Chance in Bremen bekommen. "Da entstand auf der Pressekonferenz ein richtiger Disput, weil wir die Kritik nicht für angebracht hielten. Seitdem ist unser Verhältnis etwas kühler geworden. Schaaf redet auch nicht mehr so viel mit Journalisten", erzählt der 38-Jährige. Offenbar geht auch am Trainer-Urgestein die aktuelle Werder-Krise nicht spurlos vorbei.
Nicht nur in ihrer Printausgabe sorgt die Kreiszeitung für eine intensive Berichterstattung über den Fußball-Verein. Auch im Internet gehen täglich Nachrichten und ausführliche Artikel online. Und auch wenn es Knips freut, wenn es bei Werder rund läuft, hat die aktuelle Krise auch etwas Gutes für die Sportredakteure. Denn es gilt immer noch das alte Journalistensprichwort: "Bad news are good news."

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